Title:  [Work in progress] (2009-): Wittgenstein TS 213: Ts-213.xml - Typewritten-text-only edition
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Author:  Ludwig Wittgenstein
Editor:   Alois Pichler
Organization: Wittgenstein Archives at the University of Bergen (WAB)
Funders & Partners:   Trinity College, Cambridge; Oxford University Press, Oxford; InteLex Corporation, Charlottesville; Uni Research, Bergen; University of Bergen, Bergen; L. Meltzers Høyskolefond, Bergen; COST Action A32, Brussels; eContent+ DISCOVERY, Luxembourg
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Alois Pichler, Heinz Wilhelm Kröger, Deirdre C. P. Smith, Christian Erbacher (post BEE 2000 amendments, incl. further markup and XML-TEI markup (European DISCOVERY project 2006-09; European COST Action A32 project 2005-10))
NWP, Masahiro Oku, Peter Cripps, Heinz Wilhelm Krüger, Franz Hespe, Laurence Goldstein (transcription and MECS-WIT markup: 1994-97)
Rights:  Copyright holders: The Master and Fellows of Trinity College, Cambridge; Oxford University Press, Oxford; University of Bergen, Bergen. Released under the Creative Commons General Public License Attribution, Non-Commercial, Share-Alike version 3 (CCPL BY-NC-SA).
Source:  The text has not been proofread since the production of the Bergen Electronic Edition (2000), though some corrections have been made also in the other parts of the text. In the edition (except for the Typo edition), handwritten annotations from verso pages are included as insertions in the recto pages. Dating with reference to Rosso 1988. Source description tba.



     
Ts-213,i-r


I

     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     
   Verstehen.  




















Ts-213,1r


1

     
1
Das Verstehen, die Meinung, fällt aus unsrer Betrachtung heraus.


     

     Kann man denn etwas Anderes als einen Satz verstehen?

     Oder : Ist es nicht erst ein Satz, wenn man es versteht. Also: Kann
man Etwas anders, als    als Satz   verstehen?

     

     Man möchte davon reden, “einen Satz zu erleben”.

     Lässt sich dieses Erlebnis niederschreiben?

     

     Da ist es wichtig, dass es in einem gewissen Sinne keinen halben Satz
gibt.

     Das heisst, vom halben Satz gilt, was vom Wort gilt, dass nur im
Zusammenhangdes Satzes Sinn // Bedeutung // hat.

     

         
     Das Verstehen fängt aber erst mit dem Satz an (nd darum interessiert
es uns nicht)

     

     Wie es keine Metaphysik gibt, so gibt es keine Metalogik. Das Wort
“Verstehen”, der Ausdruck “einen Satz verstehen”, istauch nicht metalo-
gisch, sondern ein Ausdruck wie    jeder   andre der Sprache.

     

      Wir haben es in unsern Betrachtungen mit dem Verstehen des Sat-
zes nicht zu tun; denn wir müssen ihn verstehen, damit er für uns
ein Satz ist.
Ts-213,2r


2
     

     Es wäre ja auch seltsam, dass die Wissenschaft und die Mathematik die
Sätze gebraucht, aber von ihrem Verstehen nicht</>spricht.

     

     Man sieht in dem Verstehen das Eigentliche, im Zeichen das Nebensächli-
che. — Uebrigens, wozu dann das Zeichen überhaupt? — Nur um sich Andern
verständlich zu machen? Aber wie ist das möglich. — Hier wird das Zeichen
als eine Medizin betrachtet // angesehen //, die im Andern die gleichen
schmerzen hervorrufen soll, wie ich sie habe.

     

     Auf die Frage “was meinst du”, muss zur Antwort kommen: p; und nich[z|t]
“ich meine das, was ich mit ‘p’ meine”.

     

     Die gesamte Sprache kann nicht missverstanden werden. Denn sonst gäbe es
zu diesem Missverständnis wesentlich keine Aufk[k|l]ärung .

     ie Sprache muss für sich selbst sprechen.


     

     Man kann es auch so sagen: wenn man sich immer in einem Sprachsystem aus-
drückt und also, was ein Satz meint, nur durch Sätze dieses Systems erklärt,
so fällt am Schluss ˇdie Meinung ganz aus der Sprache, also aus der Betrachtung,
heraus und es bleibt die Sprache das Einzige, was wir betrachten können.


     

     Gesprochenes kann man nur durch die Sprache erklären, [,|d]arum kann man    die
Sprache
   (in diesem Sinne) nicht erklären.

     

     Ich will doch sagen: Die ganze Sprache kann man nicht interpretieren.

     Eine Interpretation ist immer nur    eine   im Gegensatz zu einer    an-
dern.
   Sie hängt sich an das Zeichen und reiht es in ein weiteres S[¿u¿|y]stem
ein.

Ts-213,3r


3
     

     Alles was ich in der Sprache tun kann, ist    etwas   sagen: das
   eine   sagen. (Das eine sagen im Raume dessen, was ich hätte sagen kön-
nen.)

     

     Wenn Frege gegen die formale Auffassung der Arithmetik spricht, so
sagt er gleichsam: diese kleinlichen Erklärungen, die Symbole betreffend,
sind müssig, wenn wir diese verstehen. Und das Verstehen besteht quasi
im Sehen // ist quasi das Se[e|h][h|e]n // eines Bildes, aus demdann alle Regeln
folgen (wodurch sie verständlich werden). Frege sieht aber nicht, dass
dieses Bild nur wieder ein Zeichen ist, oder ein Kalkül, der uns dem ge-
schriebenen Kalkül erklärt.

     Aber das Verständnis gleicht überha[i|u]pt dem, welches wir für ei-
nen Kalkül kriegen, wenn wir seine Entstehung , oder praktische Anwendung
kennen lernen. Und wir auch da nur einen über-
sichtlichern ˇSymbolismus statt des fremden kennen. (Verstehen heisst hier übersehen.)

     

     Wenn komplizierte ˇseelische Vorgänge beim Verstehen des Wortes “und” eine Rolle
spielen wie kommt es,
dass von ihnen in der Logik nie die Rede ist, noch sein braucht?

     

      wenn ich jemandem einen Befehl gebe, so ist es
mir gan    ganz genug  , ihm Zeichen zu geben. Und ich würde nie sagen:
das sind ja nur Worte, und ich muss hinter die Worte dringen. Ebenso, wenn
ich jemand etwas gefragt hätte und er gibt mir eine Antwort (also ein Zei-
chen), bin ich zufrieden — das war gerade, was ich erwartete — und wende
nicht ein: das ist ja eine blosse Antwort. Es ist klar, dass nichts ande-
res erwartet werden konnte und dass die Antwort den Gebrauch der Sprache
voraussetz<t>e. Wie alles, was zu sagen ist.
Ts-213,4r


4
     

     Wenn man aber sagt “wie soll ich wissen, was er meint, ich sehe ja nur
seine Zeichen”, so sage ich: “wie soll    er   wissen, was er meint, er hat
ja auch nur seine Zeichen”.

     

     “Etwas habe ich aber doch gemeint, als ich das sagte!” — Gut, aber
wie können wir, was es ist, herausbringen? Doch wohl nur<|>dadurch, dass er
es uns sagt. Wenn wir nicht sein übriges Verhalten zum Kriterium nehmen
sollen, dann also das, was er uns erklärt.

     Du meinst, was Du sagst.
Ts-213,5r


5

     
2
“Verstehen” amorph gebraucht. “Verstehen” mehrdeutig.


     

     “Du hast mit der Hand eine Bewegung gemacht; hast Du etwas damit ge-
meint? — Ich dachte, Du meintest, ich solle zu Dir kommen”.
Wie meinte er etwas? Hat er ˇalso etwas Anderes gemeint, als, was
er ausdrückte . Oder ist die Frage nur: hat er gemeint was
er zeigte?


      “   was   hast Du gemeint”. — Auf die-
se Frage kommt ein Satz zur Antwort.
fragen darf, das Meinen — sozusagen — amo[p|r]ph . Und “ich meine etwas
mit dem Satz” ist dann von wie: “dieser Satz ist nützlich”,
oder “dieser Satz greift in mein Leben ein”.

     

     Könnte [,|m]an aber antworten: “ich habe etwas mit dieser Bewegung ge-
meint, was ich nur durch diese Bewegung ausdrücken kann”?

     

     Wir unterscheiden Sprache, von dem, was nicht Sprache ist . Wir
sehen Striche und sagen, wir verstehen sie; und andere, und sagen, sie
bedeuten nichts (oder, uns nichts). Damit ist doch eine allgemeine Erfah-
rung charakterisiert, die wir nennen könnten: “etwas als Sprache verste-
hen” — ganz abgesehen davon ,    was   wir aus dem gegebenen Gebilde heraus-
lesen.

     

     Ich sehe eine deutsche Aufschrift und eine chinesische. Ist die chine-
sische etwa ungeeignet etwas mitzuteilen? — Ich sage, ich habe [c|C]hinesisch
nicht gelernt. Aber das Lernen der Sprache fällt fällt als Ursache,
Geschichte, aus der heraus. Nur auf seine Wirkungen kommt es an,
und die sind Phänomene, die eben nicht eintreten, wenn ich das Chinesische
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6a
sehe [|//] anschaue//. (Warum sie nicht eintreten, ist gleichgültig.)

     

     Geben wir denn den Worten, die uns gesagt werden, willkürliche Inter-
pretationen? Kommt nicht das Erlebnis des Verstehens ˇmit dem Erlebnis des Hö-
rens der Zeichen, wenn wir ‘die S[ö|p]rache der Andern verstehen’?

     

     Wenn mir jemand etwas sagt und ich verstehe es, so geschieht mir dies
ebenso, wie, dass ich, was er sagt, hö-
re.

     Und hier ist Verstehen das Phänomen, welches sich einstellt, wenn ich
einen deutschen Satz höre, und welches dieses Hören vom Hören eines Satzes
einer mir nicht Sprache unterscheidet.

     

     Denken wir an eine Chiffre: Ein Satz sei uns in der Chiffre gegeben und
auch der Schlüssel, dann ist uns natürlich, in gewisser Beziehung , [a|A]lles
zum Verständnis der Chiffre gegeben. Und doch würde ich, gefragt “verstehst
Du diesen Satz in der Chiffre”, antworten: Nein, ich muss ihn erst
entziffern; und erst, wenn ich ihn z.B. ins Deutsche übertragen hätte, wür-
de ich sagen “jetzt verstehe ich ihn”.

     Wenn man hier die Frage stellte: “In welchem Augenblick der Uebertra-
gung (aus der Chiffre ins Deutsche) verstehe ich den Satz”, so würde man
einen Einblick in das Wesen dessen erhalten, was wir “verstehen” nennen. // in das Wesen des Verstehens erhalten.//

     

     Ich sage einen Satz “ich sehe einen schwarzen Kreis”; aber auf die Wor-
te // Wörter // kommt es doch nicht an; sagen // setzen // wir also statt
dieses Satzes “a b c d e”. Aber nun kann ich nicht ohne weiteres mit diesem
Zeichen den oberen Sinn verbinden (es sei denn, dass ich es als    ein  
Wort auffasse und dies als Abkürzung des oberen Satzes). Diese Schwierig-
Ts-213,6b-r


6b
sehe [|//] anschaue//. (Warum sie nicht eintreten, ist gleichgültig.)

     

     Geben wir denn den Worten, die uns gesagt werden, willkürliche Inter-
pretationen? Kommt nicht das Erlebnis des Verstehens ˇmit dem Erlebnis des Hö-
rens der Zeichen, wenn wir ‘die S[ö|p]rache der Andern verstehen’?

     

     Wenn mir jemand etwas sagt und ich verstehe es, so geschieht mir dies
ebenso, wie, dass ich, was er sagt, hö-
re.

     Und hier ist Verstehen das Phänomen, welches sich einstellt, wenn ich
einen deutschen Satz höre, und welches dieses Hören vom Hören eines Satzes
einer mir nicht geläufigen Sprache unterscheidet.

     

     Denken wir an eine Chiffre: Ein Satz sei uns in der Chiffre gegeben und
auch der Schlüssel, dann ist uns natürlich, in gewisser Beziehung, [a|A]lles
zum Verständnis der Chiffre gegeben. Und doch würde ich, gefragt “verstehst
Du diesen Satz in der Chiffre”, etwa antworten: Nein, ich muss ihn erst
entziffern; und erst, wenn ich ihn z.B. ins Deutsche übertragen hätte, wür-
de ich sagen “jetzt verstehe ich ihn”.

     Wenn man hier die Frage stellte: “In welchem Augenblick der Uebertra-
gung (aus der Chiffre ins Deutsche) verstehe ich den Satz”, so würde man
einen Einblick in das Wesen dessen erhalten, was wir “verstehen” nennen. // in das Wesen des Verstehens erhalten.//

     

     Ich sage einen Satz “ich sehe einen schwarzen Kreis”; aber auf die Wor-
te // Wörter // kommt es doch nicht an; sagen // setzen // wir also statt
dieses Satzes “a b c d e”. Aber nun kann ich nicht ohne weiteres mit diesem
Zeichen den oberen Sinn verbinden (es sei denn, dass ich es als    ein  
Wort auffasse und dies als Abkürzung des oberen Satzes). Diese Schwierig-
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keit ist doch aber sonderbar. Ich könnte sie so ausdrücken: Ich bin nicht
gewöhnt statt ‘ich’ ‘a’ zu sagen und statt ‘sehe’ ‘b’, und statt ‘einen’
‘c’, etc.. Aber damit meine ich nicht, dass ich, wenn ich daran gewöhnt wä-
re, mit dem Worte ‘a’ sofort das Wort ‘ich’ assoziieren würde; sondern, dass
ich nicht gewöhnt bin ‘a’ an der Stelle von ‘ich’ zu gebrauchen — in der
Bedeutung von ‘ich’.

     

     “Ich sage das nicht nur, ich meine auch etwas damit”. — Wenn man sich
überlegt, was dabei in uns vorgeht, wenn wir Worte    meinen   (und nicht
nur sagen), so ist es uns, als wäre dann etwas mit diesen Worten gekuppelt,
während sie sonst leer liefen. — Als ob sie gleichsam in uns eingriffen.

     

     Ich verstehe einen Befehl als Befehl, d.h., ich sehe ˇin ihm nicht nur diese
Struktur von Lauten oder Strichen, sondern sie hat — sozusagen — einen Ein-
fluss auf mich. Ich reagiere auf einen Befehl (auch ehe ich ihn befolge) an-
ders, als etwa auf eine Mitteilung oder Frage.

     

     Der Satz, wenn ich ihn verstehe, bekommt für mich Tiefe.

     

     Ich sage: Das Verstehen bestehe darin, dass ich eine bestimmte    Erfah-
rung
   habe. — —

     Dass diese Erfahrung aber das Verstehen    dessen   ist — was ich ver-
stehe
— besteht darin, dass diese Erfahrung ein Teil meiner    Sprache  
ist.

     
      Wenn
ich irgendwo lese: “nachdem er das gesagt hatte, verliess er sie, wie
am vorigen Tag” Fragt man mich, ob ich diesen Satz verstehe, so
nicht leicht, darauf zu antworten. Es ist ein deutscher Satz und insofern
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verstehe ich ihn. Ich wüsste, wie man diesen Satz etwa gebrauchen
   könnte  , ich könnte selbst einen Zusammenhang für ihn erfinden. Und
doch verstehe ich ihn nicht    so  , wie ich ihn verstünde, wenn ich bis zu dieser Stelle gelesen hätte. (Vergleiche Sprachspiele.)

     

     Was heisst es, ein gemaltes Bild zu verstehen? Auch da gibt es Ver-
ständnis und Nichtverstehen. Und auch hier kann “Verstehen” und “nicht
verstehen” verschiedenerlei heissen. eine Anordnung von Gegenständen im Raum dar
, aber einen Teil des Bildes unfähig, zu sehen; sondern sehe nur Bildfläche. Wir können dann
sagen, verstehe diese Teile des Bildes nicht. es können aber
auch auch auf dem Bild dargestellt sein, die wir noch nie gesehen ha-
ben. Und da gibt es den Fall, wo etwas z.B. wie ein Vogel aus-
sieht, nur nicht wie einer, dessen Art ich kenne; oder aber ein räum-
liches Gebilde dargestellt , dergleichen ich nie gesehen habe.


     

      Angenommen, das Bild stellte¿len¿ Menschen dar und die Menschen darauf etwa ein Zoll lang. Angenommen nun,
es gäbe Menschen, die diese Länge hätten, so würden wir    sie   in dem
Bild erkennen und es würde uns nun einen ganz andern Eindruck machen, ob-
wohl doch die Illusion der dreidimensionalen Gegenstände ganz dieselbe
wäre. Und doch ist der tatsächliche // dieser tatsächl[¿o¿|i]che // Eindruck,
wie er da ist, unabhängig davon, dass ich einmal Menschen in der gewöhn-
lichen Grösse, und nie Zwerge, gesehen habe , wenn auch dies die Ursache
Ts-213,9r


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des Eindrucks ist.

     

     Dieses Sehen der gemalten Menschen als Menschen (im Gegensatz etwa zu
Zwergen) ist ganz analog dem Sehen des Bildes // der Zeichnung // als
dreidimensionales Gebilde. Wir können hier nicht sagen, wir sehen immer
dasselbe und fassen es nachträglich einmal als das Eine einmal als das
Andre auf, sondern wir sehen jedes Mal etwas [a|A]nderes.

     

     Und so auch, wenn wir einen Satz mit Verständnis und ohne Verständnis
lesen. (Erinnere Dich daran, wie es ist, wenn man einen Satz mit falscher
Betonung liest, ihn daher nicht versteht und nun auf einmal daraufkommt,
wie er zu lesen ist.)

     

      Lesen einer schleuderhaften Schrift

     

     Wenn man eine Uhr abliest, so sieht man einen Komple[¿l¿|x] von Strichen,
Flecken etc., aber auf ganz bestimmte W[i|e]ise, wenn man ihn als Uhr und Zei-
ger auffassen will.

     

     Wir könnten uns den Marsbewohner denken, der auf der Erde erst nach und
nach den Gesichtsausdruck der Menschen als solchen verstehen lernte und
den drohenden erst nach gewissen Erfahrungen als solchen empfinden lernt.
Er hätte bis dahin diese Gesichtsform angeschaut angesehen, wie wir die [D|F]orm eines
Steins betrachten.

     

     Kann ich nicht sagen: er    lernt   erst die befehlende Geste in
einer gewissen Satzform verstehen?

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     Chinesische Gesten verstehen wir so wenig, wie chinesische Sätze.
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3
Das Verstehen als Korrelat einer    Erklärung  .


     

     “Verstehen”, damit meine ich ein Korrelat der Erklärung ,    nicht   ei-
ner — etwa medizinischen — Beeinflussung.

     Mit dem Worte “Missverständnis” meine ich also wesentlich etwas, was
sich durch Erklärung beseitigen lässt. Eine andere Nichtübereinstimmung
nenne ich nicht “Missverständnis”.

     

     Verständnis ents[ö|p]richt der Erklärung; soweit es aber der Erklärung
nicht entspricht, ist es unartikuliert und geht uns deswegen nichts an ;
oder es ist artikuliert und entspricht dem Satz selbst, dessen Verständ-
nis wir beschreiben wollten.

     

     Wissen, was der Satz besagt, kann nur heissen: die Frage beantworten
können “was sagt er?”.

     

     Den Sinn eines Satzes verstehen // kennen //, kann nur heissen : die
Frage “was ist sein Sinn” beantworten können.

     

     Denn ist hier “Sinn haben” intransitiv gebraucht, so dass man also
nicht    den   Sinn eines Satzes von dem eines anderen Satzes unterscheiden
kann, dann ist das Sinnhaben eine, den Gebrauch des Satzes begleitende,
Angelegenheit, die uns nicht interessiert.

     

     Das Triviale, was ich zu sagen habe, ist, dass auf den Satz “ich    sa-
ge
   das nicht nur, ich meine etwas damit” und die Frage “was?”, ein wei-
terer Satz, in irgend welchen Zeichen, zur Antwort kommt.
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     Aber man kann fragen: Ist denn das Verständnis nicht etwas anderes als
der Ausdruck des Verständnisses? Ist es nicht so, dass der Ausdruck des
Verständnisses eben ein unvollkommener Ausdruck ist? Das heisst doch wohl,
ein Ausdruck, der etwas auslässt, was wesentlich ausdrückbar ist. Denn
sonst könnte ich ja einen bessern finden. Also wäre der Ausdruck ein
voll[¿,¿|k]ommener    Ausdruck  . ---

     

     Es ist eine Auffassung, dass Einer gleichsam nur unvollkommen


     Dass er gleichsam nur immer aus der Ferne darauf deuten, auch sich ihm
nähern, es aber nie mit der Hand berühren // ergreifen// kann. Und das
Letzte immer ungesagt bleiben muss.

     

     Man will sagen: Er versteht zwar ganz, kann dies aber nicht ganz zei-
gen, da er sonst schon tun müsste, was ja erst die in Befolgung des Befehls
geschehen darf . So kann er also nicht zeigen, dass er es ganz versteht.
D.h. also, er weiss immer mehr, als er zeigen kann.

     

     Man möchte sagen: er ist mit seinem Verständnis    bei   der Tatsache
// bei    bei   der Ausführung//, aber die Erklärung kann nie die Ausfüh-
rung enthalten.

     Aber das Verständnis enthält nicht die Ausführung, sondern ist nur das
Symbol, das bei der Ausführung übersetzt wird.

     

     Die Schwierigkeit ist, die Grammatik des Wortes “meinen” klar zu sehen.
Aber der Weg dazu ist nur der über die Antwort auf die Frage “welches ist
das Kriterium dafür, dass wir etwas    so   meinen” und welcher Art ist der
Ausdruck, den dieses “so” vertritt. Die Antwort aufdie Frage “wie ist das
gemeint” die Verbindung zwischen zwei sprachlichen Ausdrücken // zwi-
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schen zwei Sprachen // her. Also fragt auch die Frage nach dieser Verbin-
dung. Der Gebrauch der Hauptwörter “Sinn”, “Bedeutung”, “Auffassung” und
anderer Wörter verleitet uns zu glauben, dass dieser Sinn etc. dem Zeichen
so gegenübersteht, wie das Wort der Name dem Ding, das sein Träger ist.
Sodass man sagen könnte: “ der Pfeil hat eine ganz bestimmte Bedeutung,
ist in einer ganz bestimmten Weise gemeint, die ich nur faute de mieux wie-
der durch ein Zeichen ausdrücken muss”. Die Meinung, die Intention wäre
[¿w¿|q]uasi seine Seele, die ich am liebsten direkt zeigen möchte, aber auf die
ich leider nur indirekt durch ihren Körper hinweisen kann. —

     Wenn ich sage: “ich meine diesen Pfeil so, dass man ihm durch eine Be-
wegung in der Richtung vom Schwanz zur Spitze folgt”, so gebe ich eine De-
finition (ich setze ein Zeichen für ein andres), während es scheint, als
hätte ich sozusagen die Aussage // Angabe // des Pfeils ergänzt. Ich habe
den Pfeil durch ein neues Zeichen ersetzt, das wir statt des Pfeiles ge-
brauchen können. —    Gebrauchen können   — . Während es
   scheint  , als wäre der Pfeil selbst wesentlich unvollständig , ergän-
zungsbedürftig, und als hätte ich ihm nu[r|n] die nötige Ergänzung gegeben. Wie
man eine Beschreibung eines Gegenstandes als unvollkommen erkennt und ver-
vollständigt // vervollständigen kann //. Als hätte der Pfeil die Beschrei-
bung angefangen und wir sie durch den Satz vollendet.— Auch so: Wenn ich
wie oben sage “ich meine diesen Pfeil so, dass …”, so macht es den Ein-
druck, als hätte ich jetzt erst das Eigentliche beschrieben, die Meinung;
als wäre der Pfeil gleichsam nur das Musikinstrument, die Meinung aber die
Musik, oder besser: der Pfeil, das Zeichen — das heisst in diesem Falle —
die Ursache des inneren, seelischen, Vorgangs, und die Worte der Erklärung
erst die Beschreibung dieses Vorgangs. Hier spukt die Auffassung des Satzes
als eines Zeichens des Gedankens; und des Gedankens als eines Vorgangs in
der Seele, oder im Kopf.

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     Was die Erklärung des Pfeiles betrifft, so ist es klar, dass man sagen
kann: “Dieser Pfeil bedeutet // sagt// nicht, dass du dorthin (mit der
Hand zeigend) gehen sollst, sondern dahin.” — Und ich würde diese Erklärung
natürlich verstehen. —

     
Ts-213,14v


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15

     
4
Das Verstehen des Befehls, die Bedingung dafür, dass wir ihn befolgen .
Das Verstehen des Satzes, die Bedingung dafür, dass wir uns nach ihm richten.



     

      Das Verständnis eines Satzes kann nur die Bedingung dafür sein, dass
wir ihn anwenden können. D.h., es kann nichts sein, als diese Bedingung
// die Bedingung // und es muss die Bedingung der Anwendung sein.

     

     Wenn “einen Satz verstehen” heisst, in gewissem Sinn nach ihm handeln,
dann kann das Verstehen nicht die logische Bedingung dafür sein, dass wir
nach ihm handeln.

     
     

     Das Verstehen einer Beschreibung kann man mit dem Zeichnen eines Bil-
des nach dieser Beschreibung vergleichen. (Und hier ist wieder das Gleich-
nis ein besonderer Fall dessen, wofür es ein Gleichnis ist.) Und es würde
// wird // auch in vielen Fällen als der Beweis // das Kriterium // des
Verständnisses aufgefasst.

     
     

     Ich verstehe dieses Bild genau, ich könnte es in Ton kneten // plastisch
wiedergeben //. — Ich verstehe diese Beschreibung genau, ich könnte eine
Zeichnung nach ihr machen.

     
     

     Man könnte es in gewissen Fällen als Kriterium des Verständnis-
ses // Verstehens // setzen, dass man den Sinn des Satzes muss zeichnerisch
darstellen können.

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     Es ist sonderbar: Das Verstehen einer Geste möchten wir durch
ihre // mit Hilfe ihrer // Uebersetzung in Worte erklären und das Verste-
hen von Worten durch eine Uebersetzung in Gesten. // Es ist sehr sonder-
bar: Wir sind versucht, das Verstehen einer Geste durch ihr entsprechen-
de Worte zu erklären, und das Verstehen von Worten durch diesen entspre-
chende Gesten. // //… das Verstehen einer Ge[¿a¿|s]te als Fähigkeit zur er-
klären, sie in Worte zu übersetzen, …//


     

     Und wirklich werden wir Worte durch eine Geste und eine Geste durch
Worte erklären.

     

     Wenn man mir sagt “bringe eine gelbe Blume” und ich stelle mir vor, wie
ich eine gelbe Blume hole, so kann das zeigen, dass ich den Befehl ver-
standen habe. Aber ebenso, wenn ich ein Bild des Vorgangs male. — Warum?
Wohl, weil das, was ich tue, mit Worten des Befehls beschrieben werden
muss. Oder soll ich sagen, ich habe tatsächlich einen (dem ersten) ver-
wandten Befehl ausgeführt.

     


     Nun ist die Frage: Muss ich wirklich in so einem Sinne das Zeichen ver-
stehen, um etwa darnach handeln zu können? — Wenn jemand sagt: “gewiss!
sonst wüsste ich ja nicht, was ich zu tun habe”, so würde ich antworten:
“Aber es gibt ja keinen Uebergang vom Wissen zum Tun.

     

     Was heisst dann also der Satz: “Ich muss den Befehl verstehen, ehe ich
nach ihm handeln kann[?|]? Denn dieser Satz // dies zu sagen, // hat natür-
lich einen Sinn. Aber gewiss // jedenfalls // wieder keinen metalogischen.

     


     Die Idee, die man von dem Verstehen hat, ist etwa, dass man dabei von
Ts-213,16v


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17
dem Zeichen näher an die verifizierende Tatsache kommt, etwa durch die Vor-
stellung. Und wenn man auch nicht wesentlich, d.h. logisch, näher kommt, so
ist doch etwas an der Idee richtig, dass das Verstehen in dem Vorstellen
der Tatsache besteht. Die Sprache der Vorstellung ist in dem gleichen Sin-
ne wie die Gebärdensprache primitiv.

     

     “Aber ich muss doch einen Befehl verstehen, um nach ihm handeln zu kön-
nen”. Hier ist das ‘muss’ verdächtig. Wenn das wirklich ein Muss ist — ich
meine — wenn es eine logisches Muss ist, so handelt es sich hier um eine
grammatische Anmerkung.

     

     [¿¿|A]uch wäre da die Frage möglich: Wie lange vor dem Befolgen musst Du denn
den Befehl verstehen?

     

     (Es kann keine notwendige Zwischenstufe zwischen dem Auffassen eines Be-
fehls und dem Befolgen geben.)

     

     Wenn das Verstehen eine notwendige Vorbereitung des Folgens war, so muss
es dem Zeichen etwas hinzugefügt haben; aber etwas, was

     

     Wenn gesagt würde, dass der, der den Befehl erhält, eben ausser den Wor-
ten Vorstellungen erhält, die der Ausführung des Befehls ähnlich sind (wäh-
rend es die Worte nicht sind), so gehe ich noch weiter und nehme an, dass
der Befehl dadurch gegeben wird, dass wir de[m|n] Andern die Bewegungen, die er
in 5 Minuten ausführen soll, jetzt durch mechanische Beeinflussung
auszuführen veranlassen; und näher kann
ich doch wohl der Ausführung des Befehls i[¿k¿|m] Ausdruck nicht
kommen. Dann haben wir die Aehnlichkeit der Vorstellung durch eine viel
Ts-213,17v


Ts-213,18r


18
grössere Aehnlichkeit ersetzt. Und der Weg vom Symbol zur Wirklichkeit
scheint hier // nun // sehr verkürzt zu sein.

     Es ist damit auch gezeigt, dass Phantasiebilder, Vor-
stellungen, für den Gedanken unwes[r|e]ntlich . ////

     

     Ich könnte auch sagen: Es scheint uns, als ob, wenn wir den Befehl
z.B. verstehen, wir etwas hinzufügen, was die Lücke ˇzwischen Befehl & Ausführung füllt.
So dass wir dem, der sagt “aber Du verstehst ihn ja” antworten können: … Ja,
aber nur, weil ich noch etwas hinzufüge: die Deutung nämlich.

     


      Aber was veranlasst Dich denn
zu gerade    dieser   Deutung? Ist es der Befehl, dann war er ja schon
eindeutig, da er diese Deutung befahl. Oder hast Du die Deutung will-
kürlich hinzugefügt — , dann hast Du ja auch den Befehl nicht verstanden,
sondern erst das, was Du aus ihm gemacht hast.

     


     Eine ‘Interpretation’ ist doch wohl etwas, was in Worten gegeben wird.
Es ist    diese   Interpretation im Gegensatz zu einer anderen (die an-
ders lautet). — Wenn man also sagt “jeder Satz bedarf noch einer Interpre-
tation”, so hiesse das: kein Satz kann ohne einen Zusatz verstanden wer-
den.

     

      “Ich kann den Befehl nicht ausführen, weil ich nicht verstehe, was Du
meinst. — Ja, jetzt verstehe ich Dich”.

     Was ging da vor, als ich plötzlich den Andern Verstand?
Ich konnte mich
natürlich irren, und dass ich den Andern verstand, war eine Hypothese. Aber
Ts-213,18v


Ts-213,19r


19
es fiel mir etwa plötzlich eine Deutung ein, die mir einleuchtete. Aber
war diese Deutung etwas anderes als ein Satz der Sprache?

     

      Es konnten mir auch vor diesem Verstehen mehrere Deutungen vorschwe-
ben, für deren eine ich mich endlich entscheide.

     
     

     Was heisst es: verstehen, dass etwas ein Befehl ist, wenn man auch den
Befehl selbst noch nicht versteht? (“Er meint: ich soll etwas tun, aber
was er wünscht, weiss ich nicht.”)
     
5
   Deuten  .

Deuten wir jedes Zeichen?




     

     Deuten wir denn etwas, wenn uns jemand einen Befehl gibt? Wir fassen
auf, was wir hören oder sehen; oder; wir sehen, was wir sehen.

     
     

     Es gibt Fälle, in denen wir einen erhaltenen Befehl deuten und [¿D¿|F]älle,
in denen wir es nicht tun.

     Eine Deutung ist eine Ergänzung des gedeuteten Zeichens durch ein Zei-
chen.

     

     Wenn mich jemand fragt: “wieviel Uhr ist es”, so geht in mir dann keine
Arbeit des Deutens vor. ich reagiere unmittelbar auf das, was ich
sehe und höre.

     

     Denken wir uns einen Zerstreuten, der auf den Befehl “rechtsum” sich
nach links gedreht hätte und nun, an die Stirne greifend, sagte “ach so —
‘rechtsum’!” und rechtsum machte.

     

     Ich deute die Worte; wohl; aber deute ich auch die Mienen?    Deute  
ich, etwa, einen Gesichtsausdruck als drohend oder freundlich? —

     

     Wenn ich nun sagte: Es ist nicht genug, dass ich das drohende Gesicht
wahrnehme, sondern ich muss es erst deuten. — Es zückt jemand das Messer
Ts-213,21r


21
und ich sage: “ich verstehe das als eine Drohung”.

     

     Kann man jemandem befehlen, einen Satz zu verstehen?

     Hier muss man verschiedene Fälle unterscheiden.

     
Ts-213,21v


Ts-213,22r


22


     

6
Man sagt: ein Wort verstehen heisst, wissen, wie es gebraucht wird.
Was heisst es, das zu wissen? Dieses Wissen haben wir sozusagen im Vorrat.




     
     
     

     Es ist merkwürdig, dass wir uns bei dem Gedanken, dass es jetzt 3 Uhr
sein dürfte, die Zeigerstellung meist gar nicht genau oder überhaupt
nicht vorstellen, sondern das Bild gleichsam in einem Werkzeugkasten der
Sprache
haben, aus dem wir wissen, das Werkzeug jederzeit hervorziehen // herausnehmen// zu können, wenn wir es brauchen. — Dieser Werkzeugka-
sten scheint mir die Grammatik mit ihren Regeln zu sein. (Denken wir aber,
welcher Art dieses Wissen ist.)

     

     Es ist so, wie wenn ich mir im Werkzeugkasten der Sprache Werkzeuge
zum künftigen Gebrauch herrichtete. Ein Werkzeug ist ja auch das Abbild
seines Zwecks.
     

     Was heisst es, zu sagen “ich sehe zwar kein Rot, aber wenn Du mir einen
Farbkasten gibst, so kann ich es Dir darin zeigen”? Wie kann man    wis-
sen
  , dass man es zeigen kann, wenn …; dass man es also erkennen
kann, wenn man es sieht? Ich

     

     Ich sage: Hier ist zwar nichts Rotes um mich, aber wenn hier etwas wä-
re, so Weißt Du, welche Farbe ‘rot’ bedeutet? Ja, wenn hier etwas rotes wäre so…    könnte   ich es erkennen.
     
     
a
b
c
d
!
!
!
!
e
f
g
h
Es ist etwa dies mein Wörterbuch und ich übersetze dar-
nach den Satz b[¿e¿|d]ca in fhge. Nun habe ich im ge-
wöhnlichen
Sinne gezeigt, dass ich den Gebrauch des Wör-
Ts-213,23r


23
terbuchs verstehe und kann sagen, dass ich auf gleiche Weise den Satz
cdab übersetzen kann, wenn ich will. — Wenn also der Satz cdab ein
Befehl ist, den entsprechenden Satz in der zweiten Sprache hinzuschreiben,
so verstehe ich diesen Befehl, wie ich etwa den Befehl verstehe, !!!!!!
Schritte zu gehen, wenn mir gezeigt wurde, wie die entsprechenden Befehle
mit den Zahlen !, !!, !!!, ausgeführt werden.

     

     Aber natürlich kann das nicht anders sein, als wenn ich z.B. sage “ich
will diesen Fleck rot anstreichen”, eine Vorstellung von der Farbe habe
und nun “   weiss  “, wie diese Vorstellung in die Wirklichkeit zu über-
setzen ist.

     

     Ja, das ganze Problem ist schon darin enthalten: Was heisst es, zu wis-
sen, wie der Fleck aussähe, wenn er meiner Vorstellung entspräche?

     

     Wenn ich die Vorstellung, die bei der Erwartung etc. im Spiel ist,
durch ein wirklich gesehenes Bild ersetzen will, so scheint etwa folgendes
zu geschehen: Ich sollte einen dicken schwarzen Strich ziehen und habe als
Bild einen dünnen gezogen. Aber die Vorstellung geht noch weiter und sagt,
sie weiss auch schon, dass der Strich dick sein soll. So ziehe ich einen
dicken, aber etwas blasseren Strich; aber die Vorstellung sagt, sie weiss
auch schon, dass er nicht grau sondern schwarz sein sollte. (Ziehe ich aber
den dicken schwarzen Strich, so ist das kein Bild mehr.)

     

     Etwas wissen, ist von der Art einen Zettel in der Lade meines
Schreibtisches zu haben, auf dem es aufgeschrieben steht // ist//.





     
Ts-213,24r


24
     
   Bedeutung  .























Ts-213,24v


Ts-213,25r


25
     
7
Der Begriff der Bedeutung stammt aus einer primitiven Auffassung der
Sprache her.





     
      Augustinus, wenn er vom Lernen der Sprache redet, redet ausschliess-
lich davon, wie wir den Dingen Namen beilegen, oder die Namen der Dinge
verstehen. Hier scheint also das Benennen Fundament und Um und Auf der
Sprache zu sein.

     Diese Auffassung des Fundaments der Sprache ist offenbar aequivalent
mit der, die die Erklärungsform “das ist…” als fundamental auffasst.—
Von einem Unterschied der Worte redet Augustinus nicht, meint also mit
“Namen” offenbar Wörter, wie “Baum”, “Tisch”, “Brot”, und gewiss die Ei-
gennamen der Personen; dann aber wohl auch “essen”, “gehen”, “hier”,
“dort”; kurz, alle Wörter. Gewiss aber denkt er zunächst an    Haupt-
wörter
   und an die übrigen als etwas, was sich finden wird. (Und Plato sagt, dass der Satz aus Haupt- und Zeitwörtern besteht.)
     Sie beschreiben eben das Spiel einfacher, als es ist.

     Dieses Spiel kommt aber wohl in der Wirklichkeit vor. — Nehmen wir
etwa an, ich wollte aus Bausteinen<,> ein Haus aufführen, die mir ein Andrer
zureichen soll, ein Haus aufführen, so könnten wir erst ein Uebereinkommen
dadurch treffen, dass ich auf einen Stein zeigend sagte “das ist eine Säu-
le”, auf einen andern zeigend “das heisst Würfel”, — “das heisst Platte”
u.s.w.. Und nun bestünde die Anwendung im Ausrufen jener Wörter “Säule”,
“Platte”, etc. in der Ordnung, wie ich die Bausteine brauche. Und ganz
Ts-213,26r


26
ähnlich ist ja das Uebereinkommen
und etwa eines, das mit Farben
arbeiten würde.

     

     Augustinus beschreibt wirklich einen Kalkül; nur ist nicht alles, was
wir Sprache nennen, dieser Kalkül.

     (Und das muss man in einer grossen Anzahl von Fällen sagen, wo es
sic[(|h] fragt: ist diese Darstellung brauchbar oder unbrauchbar. Die Ant-
wort ist dann: “ja, brauchbar; aber nur    dafür  , nicht für das gan-
ze Gebiet, das Du darzustellen vorgabst”.)

     

      Es ist so, erklärte : “spielen besteht darin,
dass man Dinge, gewissen Regeln gemäss, auf einer Fläche verschiebt …”
und wir ¿in¿ ihm antworteten: Du denkst da gewiss an die Brettspiele, und
auf sie ist Deine Beschreibung auch anwendbar. Aber das sind nicht die
einzigen Spiele. Du kannst also Deine Erklärung richtigstellen, indem Du
sie ausdrücklich auf diese Spiele einschränkst.

     Man könnte also sagen, Augustinus stelle das Lernen der Sprache zu
einfach dar // stelle die Sache zu einfach dar//; aber auch: er stelle
eine einfachere Sache dar.

     (Wer das Schachspiel einfacher beschreibt — mit einfacheren Regeln —
als es ist, beschreibt damit dennoch ein Spiel, aber ein anderes.)

     
      Wie Augustinus das Lernen der Sprache
beschreibt, das kann uns zeigen, woher sich diese Auffassung überhaupt
schreibt // …, von welcher welchem primitiven Anschauung Bild …//.

     Man könnte den Fall mit dem einer Schrift vergleichen, in der Buch-
staben zum Bezeichnen von Lauten benützt würden, aber auch zur Bezeich-
nung der Stärke Betonung und als Interpunktionszeichen. Fassen wir dann
diese Schrift als eine Sprache zur Beschreibung des Lautbildes auf, so
Ts-213,26v


Ts-213,27r


27
könnte man sich denken, dass Einer diese Schrift so auffasste, als entsprä-
che einfach jedem Buchstaben ein Laut und als hätten die Buchstaben nicht
auch ganz andere Funktio[¿h¿|n]en. — Und so einer — zu einfachen — Beschreibung der
Schrift gleicht Augustinus' Beschreibung der Sprache völlig.



     

     Man kann — für [a|A]ndere verständlich — von    Kombinationen
von Farben mit Formen
   sprechen (etwa der Farben rot und
blau mit den Formen Q[i|u]adrat und Kreis) ebenso wie von
Kombinationen verschiedener Formen oder Körper. Und hier haben wir die
Wurzel des irreleitenden Ausdrucks, die Tatsache sei ein Komplex von Ge-
genständen. Es wird also, dass ein Mensch krank ist,    verglichen  
mit der Zusammenstellung zweier Dinge, wovon das eine der Mensch<,> ist das
andere die Krankheit wäre. Hüten wir uns , zu ve[f|r]gessen, dass das ein
Gleichnis ist.

     Oder man muss sagen, es verhält sich hier mit dem Wort “Kombination”,
oder “Komplex”, wie mit dem Wort “Zahl”, das auch in verschiedenen — mehr
oder weniger logisch ähnlichen — Weisen (Bedeutungen) gebraucht wird.

     
     

     Was wir Bedeutung nennen, muss mit der primitiven Gebärdensprache (Zei-
gesprache) zusammenhängen.

     
      Wenn ich etwa die wirkliche Sitzordnung an einer Tafel nach einer Auf-
schreibung kollationiere, so hat es einen guten Sinn, beim Lesen jedes Na-
mens auf einen bestimmten Menschen zu zeigen. Sollte ich aber etwa die Be-
schreibung eines Bildes mit dem Bild vergleichen und ausser dem Personen-
Ts-213,28r


28
verzeichnis sagte die Beschreibung auch, dass eine gewisse Person eine
andere küsst, so wüsste ich nicht, worauf ich als Korrelat des Wortes “küs-
sen” zeigen sollte. Oder, wenn etwas stünde “A ist grösser als B”, worauf
soll ich beim Wort “grösser” zeigen? — Ganz offenbar kann ich ja gar nicht
auf etwas diesem Wort entsprechendes in dem Sinne zeigen, wie ich etwa auf
die Person A im Bilde zeige.

     Es gibt freilich einen Akt “die Aufmerksamkeit auf die Grösse der Per-
sonen richten”, oder auf ihre Tätigkeit, und in diesem Sinne kann man au[v|c]h
das Küssen und die Grössenverhältnisse kollationieren. Das zeigt, wie der
allgemeine Begriff der Bedeutung entstehen konnte. Es geschieht da etwas
Analoges, wie wenn ¿man¿ das Pigment an Stelle der Farbe tritt.

     Und der Gebrauch des Wortes “kollationieren” ist hier so schwankend, wie
der Gebrauch des Wortes “Bedeutung”.

     

     Die Wörter haben offenbar ganz verschiedene Funktionen im Satz und die-
se Funktionen erscheinen uns ausgedrückt in den Regeln, die von den Wörtern
gelten. Wie in einem Stellwerk mi

     


     

     Wie in einem Stellwerk mit Handgriffen die verschiedensten Dinge ausge-
führt werden, so mit den Wörtern der Sprache, die Handgriffen entsprechen.
Ein Handgriff ist der einer Kurbel und diese kann kontinuierlich verstellt
werden; einer gehört zu einem Schalter und kann nur entweder umgelegt oder
aufgestellt werden; ein dritter gehört zu einem Schalter, der drei oder
mehr Stellungen zulässt; ein vierter ist der Handgriff einer Pumpe und
wirkt nur, wenn solange er auf- und abbewegt wird; etc.: aber alle sind Handgriffe,
werden mit der Hand angefasst.

     

     Vergleich der verschiedenen Arten von Linien // der Linien mit verschie-
denen Funktionen// auf der Landkarte mit den Wortarten im Satz. Der Unbe-
Ts-213,29r


29
lehrte sieht eine Menge Linien und weiss nicht, dass sie sehr verschiedene
Bedeutungen haben.

     Denken wir uns den Plan [w|e]ines Weges gezeichnet und mit einem Strich
durchstrichen, der anzeigen soll, dass dieser Plan nicht auszuführen ist
// dass dieser Weg nicht zu gehen ist//. Auf dem Plan sind viele Striche
gezogen, aber der, der ihn durchstreicht, hat eine gänzlich andere Funktion
a[a|l]s die anderen.

     

     Der Unterschied der Wortarten ist wie der Unterschied der Spielfiguren,
oder, wie der noch grössere, einer Spielfigur und des Schachbrettes.

Ts-213,29v


Ts-213,30r


30

     
8
Bedeutung, der Ort des Wortes im grammatischen Raum.



     
      W[o|i]r können in der alten Ausdrucksweise sagen: das Wesentliche am Wort
ist seine Bedeutung.

     
      Wir sagen: das Wesentliche am Wort ist seine Bedeutung; wir können da[¿x¿|s]
Wort durch ein anderes ersetzen, das die gleiche Bedeutung hat . Damit ist
gleichsam ein Platz für das Wort fixiert und man kann ein Wort für das an-
dere setzen, wenn man es an den gleichen Platz setzt.

     
     

     Wenn ich micht entschlösse (in meinen Gedanken) statt “rot” ein neues
Wort zu sagen, wie würde es sich zeigen, dass dieses an dem Platze des
Wortes “rot” steht? Wodurch ist die Stelle // der Platz // eines Wortes
bestimmt? Angenommen etwa, ich wollte auf einmal alle Wörter meiner Spra-
che durchandere ersetzen, wie könnte    ich   wissen, welches Wort an der
Stelle eines früheren steht. Sind es die Vorstellungen, die
den Platz des Wortes halten? So dass an einer Vorstellung quasi ein Haken
ist, — und hänge ich an    den   ein Wort, so ist ihm damit dadurch der Platz an-
gewiesen?

     Oder: Wenn ich mir den Platz merke, was merke ich mir da?

     

     Man könnte z.B. ausmachen, im Deutschen statt “nicht” immer “ ” zu
setzen und dafür statt “rot” “nicht”. So dass das Wort “nicht” in der
Ts-213,30v


Ts-213,31r


31
Sprache bliebe und doch könnte man nun sagen, dass “ ”    so   gebraucht
wird, wie früher “nicht”, und dass jetzt “nicht”    anders   gebraucht
wird als früher.

     

     Der Ort eines Wortes in der Grammatik ist seine Bedeutung.


     

     Wäre es nicht ähnlich, wenn ich mich entschlösse, die Formen der Schach-
figuren zu ändern, oder etwa eine Figur, die wir jetzt “Rössl” nennen wür-
den, als Königsfigur zu nehmen? // …oder etwa die Figur eines Pferdchens
als König zu nehmen? // Wie würde es sich nun zeigen, dass das hö[z|l]zerne
Pferdchen Schachkönig ist? Kann ich hier nicht sehr gut von einem Wechsel
der Bedeutung reden?



     
Wir verstehen unter “Bedeutung des Namens” nicht den Träger des Namens.

     

     Man kann sagen, dass die Worte “der Träger des Namens ‘ N’” dieselbe
Be<d>eutung haben wie der Name [|] N’ — also für einander eingesetzt werden kön-
nen.

     

     Aber heisst es nicht dasselbe, zu sagen “zwei Namen haben    einen   Träger” und “zwei Namen haben ein- und dieselbe Bedeutung” ? (Morgenstern,
Abendstern, Venus.)

     
      Wenn mit dem Satz “ ‘A’ und ‘B’ haben denselben Träger” gemeint ist:
“der Träger ‘A’” bedeutet dasselbe wie “der Träger ‘B’ ”, so ist
alles in Ordnung, weil das dasselbe heisst wie A = B. Ist aber mit dem
Träger von ‘A’ etwa der Mensch gemeint, von dem es sich feststellen lässt,
Ts-213,31v


Ts-213,32r


32
dass er auf den Namen ‘A’ getauft ist; oder der Mensch, der das Täfelchen
mit dem Namen ‘A’ um den Hals trägt; etc., so ist es gar nicht gesagt, dass
ich mit ‘A’ diesen Menschen meine, und dass die Namen, die den gleichen
Träger haben, dasselbe bedeuten.

     

     Aber zeigen wir nicht zur Erklärung der Bedeutung auf den Gegenstand, den
der Name vertritt? Ja; aber dieser Gegenstand ist nicht ‘die Bedeutung’,
obwohl sie durch das Zeigen auf diesen Gegenstand bestimmt wird.

     

     Aber es bestimmt hier schon das richtige Verstehen des Wortes ‘Träger’
in dem besondern Fall (Farbe, Gestalt, Ton, etc.) die Bedeutung bis auf ei-
ne letzte Bestimmung.



     
     
     

     Wenn ich sage “die Farbe dieses Gegenstands heisst ‘violett’”, so muss
ich die Farbe mit den ersten Worten “die Farbe dieses Gegenstands” schon be-
nannt haben, sie schon zur Taufe gehalten haben, damit der Akt der Namenge-
bung das sein kann, was er ist. Denn ich könnte auch sagen “der Name dieser
Farbe (der Farbe dieses Dings) ist von Dir zu bestimmen<>, und der den Namen
gibt, müsste nun schon wissen, wem er ihn gibt (an welchen Platz der Spra-
che er ihn stellt[.|)].

     

     Ich könnte also so erklären, die Farbe dieses Flecks heisst “rot”, die Form
“Kreis”.


     Und hier stehen die Wörter “Farbe” und “Form” für Anwendungsarten (gram-
matische Regeln) und sind // bezeichnen // in Wirklichkeit Wortarten, wie
“Eigenschaftswort”, “Hauptwort”. Man könnte sehr wohl in der (gewöhnlichen )
Grammatik neben diesen Wörtern die Wörter “Farbwort”, “Formwort”, “Klang-
wort” einführen. (Aber auch “Baumwort”, “Buchwort” ?)
Ts-213,32v


Ts-213,33r


33
     

     Der Name, den ich einem Körper gebe, einer Fläche, einem Ort, einer Far-
be, hat andere Grammatik. “A” in “A ist ge¿[bl|lb]¿” hat eine
andere Grammatik, wenn A der Name eines Körpers wenn es der Name der
Fläche eines Körpers ist; ob nun Satz “dieser Körper ist gelb” sagt,
dass die Oberfläche des Körpers gelb ist, oder dass er durch und durch gelb
ist. “Ich zeige auf A” hat verschiedene Grammatik, je nachdem A ein Körper,
eine Fläche, eine Farbe ist etc.. Und so hat auch das hinweisende Fürwort
“dieser” andere Bedeutung ( d.h. Grammatik), wenn es sich auf Hauptwörter
verschiedener Grammatik bez[e|i][i|e]ht // … Hauptwörter mit verschiedener Gram-
matik bezieht.//

     
     
     
Ts-213,33v


Ts-213,34r


34

     
9
Die Bedeutung eines Wortes ist das, was die Erklärung der
Bedeutung erklärt.


     
     

     Man sagt dem Kind: “nein, kein Stück Zucker mehr!” und nimmt es ihm weg.
So lernt das Kind die Bedeutung des Wortes ‘kein’.

     Hätte man ˇihm mit denselben Worten ein Stück Zucker gereicht, so hätte es ge-
lernt, das Wort anders zu verstehen.

     

     Veranlassen wir es dadurch nicht, Worten einen Sinn beizulegen, ohne dass
wir sie durch ein anderes Zeichen ersetzen, also ohne diesen Sinn au[¿c¿|f] andere
Weise auszudrücken? Veranlassen wir es nicht gleichsam, für sich etwas zu
tun, dem kein äusserer Ausdruck gegeben wird, oder wozu der äussere Aus-
druck nur im Verhältnis einer Hindeutung steht? Die Bedeutung liesse sich
nicht aussprechen, sondern nur auf sie von ferne hinweisen. Sie liesse sich
gleichsam nur verursachen. Aber welchen Sinn hat es dann überhaupt, wenn
wir von dieser Bedeutung reden? (Schlag und Schmerz)

     
     

     Gibt mir die Erklärung des Wortes die Bedeutung, oder verhilft sie mir
nur zur Bedeutung? So dass also das Verständnis in der Erklärung nicht nie-
dergelegt wäre, sondern durch sie nur äusserlich bewirkt, wie
die Krankheit
durch eine Speise.


     
     
     

     Das Problem äussert sich auch in der Frage: Wie erweist sich ein Miss-
verständnis? Denn das ist dasselbe wie das Problem: Wie zeigt es sich, dass
Ts-213,35r


35
ich richtig verstanden habe? Und das ist: Wie kann ich die Bedeutung erklä-
ren?

     Es fragt sich nun: Kann sich ein Missverständnis darin äussern, dass, was
der Eine bejaht, der Andere verneint?

     

     Nein, denn dies ist eine Meinungsverschiedenheit und kann als solche auf-
recht erhalten werden. Bis wir    annehmen  , der Andere habe Recht….

     

     Wenn ich also, um das Wort “lila” zu erklären, auf einen Fleck zeigend
sage “dieser Fleck ist lila”, kann diese Erklärung dann auf zwei Arten funk-
tionieren? einerseits als Definition, die den Fleck als Zeichen gebraucht,
anderseits als Erläuterung? Und wie das letztere? Ich müsste annehmen, dass
der Andere die Wahrheit sagt und dasselbe sieht, was ich sehe. Der Fall, der
wirklich vorkommt, ist etwa folgender: A erzählt dem B in meiner Gegenwart,
dass ein bestimmter Gegenstand lila ist. Ich höre das, habe den Gegenstand
auch gesehen und denke mir: “jetzt weiss ich doch, was ‘lila’ heisst”. Das
heisst, ich habe aus jenen Sätzen // jener Beschreibung // eine Worterklä-
rung gezogen.

     Ich könnte sagen: Wenn das, was A dem B erzählt, [wa|di]e Wahrheit ist, so
muss das Wort “[L|l]ila”    diese   Bedeutung haben.

     Ich kann diese Bedeutung also auch quasi hypothetisch annehmen und sagen:
wenn ich das Wort    so   verstehe, hat A Recht.

     

     Man sagt: “Ja, wenn das Wort    das   bedeutet, so ist der Satz wahr”.

     

     Nehmen wir an, die Erklärung der Bedeutung war nur eine Andeutung: konn-
te man nicht sagen: Ja, wenn diese Andeutung    so   verstanden wird, dann
gibt das Wort in dieser Verbindung einen wahren Satz etc.. Aber dann muss
¿nun¿ nun dieses “so” ausgedrückt sein.
Ts-213,35v


Ts-213,36r


36
     

     Die Erklärung eines Zeichens muss jede Meinungsverschiedenheit in Bezug
auf seine Bedeutung beseitigen können.

     Und ist dann noch eine Frage nach der Bedeutung zu entscheiden?

     

     Missverständnis nenne ich das, was durch eine Erklärung zu beseitigen
ist. Die Erklärung der Bedeutung eines Wortes schliesst Missverständnisse
aus.

     
     
     
     
     

     Das sind Missverständnisse “Ist    das   eine Orange? ich dachte    das  
sei eine”.

      “Ist das rot? ich dachte, das sei ein Sessel”?

      kann man sich nicht einbilden (wenn man nicht deutsch ver-
steht<)> “rot” heisse laut) ( werde so gebraucht, wie tatsächlich das
Wort “laut” gebraucht wird). Wie wäre die Aufklärung dieses Missver-
ständnisses? Etwa so: “rot ist Farbe, keine Tonstärke” — Eine solche
Erklärung könnte man natürlich geben, aber sie wäre nur dem verständlich,
der sich bereits in der Grammatik auskennt.

     

     Der Satz “ist das rot? ich dachte, das sei ein Sessel” hat nur Sinn,
wenn das Wort “das” beide Male im gleichen Sinn gebraucht wird und dann
muss ich entweder “rot” als Substantiv, oder “ein Sessel” als Adjektiv
auffassen.


     


     

     Die Aufklärung kann nur verstanden werden, wenn sie in einer Sprache
gegeben wird, die unabhängig von dem Missverständnis besteht.
     
     

     Ist es denn nicht denkbar, dass ein grammatisches System in der Wirk-
lichkeit zwei (oder mehr) Anwendungen hat?

     Ja, aber wenn wir das überhaupt sagen können, so müssen wir die beiden
Ts-213,37r


37
Anwendungen auch durch eine Beschreibung unterscheiden können.

     

     Zu sagen, ˇdass das Wort “rot” mit allen Vorschriften, die von ihm gelten,
das bedeuten könnte, was tatsächlich das Wort “blau” bedeutet; dass al[¿z¿|s]o
durch diese Regeln die Bedeutung nicht fixiert ist, hat nur einen Sinn,
wenn ich die beiden Möglichkeiten der Bedeutung ausdrücken kann und dann
sagen, welche die von mir bestimmte ist.

     (Diese letztere Aussage ist aber eben die Regel, die vorher zur Eindeu-
tigkeit gefehlt hat.)
     

     Die Grammatik erklärt die Bedeutung der Wörter, soweit sie zu erklären
ist. Und zu erklären ist sie soweit, als nach ihr gefragt werden kann; und
nach ihr fragen kann man soweit, als sie zu erklären ist. Die Bedeutung
ist das, was wir in der Erklärung der Bedeutung eines Wortes erklären.

     

     “Das, was ein cm3 Wasser wiegt, hat man ‘l Gramm’ genannt” — “Ja, was
wiegt er denn?” (Bedeutung eines Wortes).

     
     
10
“Die Bedeutung eines Zeichens ist durch seine Wirkung (die Assoziationen,
die es auslöst, etc.) gegeben.”





     
     
     

     Wenn ich sage, das Symbol ist das, was diesen Effekt hervorruft, so
fragt es sich eben, wie ich von diesem Effekt reden kann, wenn er gar
nicht da ist. Und wie ich weiss, dass es    der ist, den ich
gemeint habe
  , wenn er eintritt // kommt //.

     
     

     Es ist darum keine Erklärung, zu sagen: sehr einfach, wir vergleichen
die Tatsache mit unserem Erinnerungsbild, — weil vergleichen eine bestimm-
te Vergleichsmethode voraussetzt, die nicht gegeben ist.

     

     Wie soll er wissen, welche Farbe er zu wählen hat, wenn er das Wort
“rot” hört? — Sehr einfach: er soll die Farbe nehmen, deren Bild ihm beim
Hören des Wortes einfällt. — Aber wie soll er wissen, was die “Farbe” ist,
“deren Bild ihm einfällt”? Braucht es dafür ein weiteres Kriterium? u.s.f..

     Es gibt auch ein Spiel: die Farbe wählen, die einem beim Wort “rot”
einfällt.

     
     
     

     (Die psychologischen — trivialen — Erörterungen über Erwartung, Assozia-
tion, etc. lassen immer das eigentlich Merkwürdige aus und man merkt ihnen
an, dass sie herumreden, ohne den springenden Punkt zu berühren.)

     

     Wenn ich Worte wählen kann, dass sie der Tatsache — in irgend einem Sin-
Ts-213,39r


39
ne — passen, dann muss ich also schon vorher einen Begriff dieses Passens
gehabt haben. Und nun fängt das Problem von Neuem an, denn, wie weiss ich,
dass dieser Sachverhalt dem Begriff vom ‘Passen’ entspricht.

     

     Aber warum beschreibe ich dann die Tatsache gerade    so  ? Was liess
Dich    diese   Worte sagen?

     

     Und wenn ich nun sagen würde: “alles was geschieht, ist eben, dass ich
auf diese Gegenstände sehe und dann diese Worte gebrauche,” so wäre die Ant-
wort: “also besteht das Beschreiben in weiter nichts? und ist es immer ei-
ne Beschreibung, wenn Einer…?” Und darauf müsste ich sagen: “Nein.
Nur kann ich den Vorgang nicht anders, oder doch nicht mit einer andern
Multiplizität beschreiben, als, indem ich sage: ‘ich beschreibe, was ich
sehe’; und    darum   ist keine Erklärung mehr möglich, weil mein Satz
bereits die richtige Multiplizität hat.”

     

     Ich könnte fragen: Warum verlangst Du Erklärungen? Wenn diese
gegeben sein werden // würden //, wirst Du ja doch wieder vor einem Ende
stehen. Sie nnen Dich nicht weiter führen, als Du jetzt bist.

     

     In welchem Sinne sagt man, man kennt die Bedeutung des Wortes A, noch
ehe man den Befehl, in dem es vorkommt, befolgt hat? Und inwiefern kann
man sagen, man hat die Bedeutung durch die Befolgung des Befehls kennenge-
lernt? Können die beiden Bedeutungen miteinander in Widerspruch stehen?

     

     Ich wünsche einen Apfel zu be[j|k]ommen. In welchem Sinne kann ich sagen,
dass ich noch vor der Erfüllung des Wunsches die Bedeutung des Wortes “Ap-
fel” kenne? Wie äusser[¿s¿|t] sich denn die Kenntnis der Bedeutung? d.h., was
versteht man denn unter ihr.

     Offenbar wird das Verständnis des Wortes durch eine Worterklärung gege-
Ts-213,39v


Ts-213,40r


40
ben, welche nicht die Erfüllung des Wunsches ist.

     
     

     Die Bedeutung ist eine Festsetzung, nicht Erfahrung. Und damit nicht
Kausalität. Was das Zeichen suggeriert, findet man durch Erfahrung. Es ist
die Erfahrung, die uns lehrt, welche Zeichen am seltensten missverstanden
werden. Das Zeichen, soweit es suggeriert, also soweit es wirkt, interes-
siert uns nicht. Es interessiert uns nur als Zug in einem Spiel: Glied in
einem System, das selbständig ist. // Glied in einem System; das seine Be-
deutung in sich selbst hat.// Glied in einem System, das selbstbedeutend
ist; das seine Bedeutung in sich selbst hat.//

     

     Unsere Weise von den Wörtern zu reden, können wir durch das beleuchten,
was Sokrates im “Kratylos” sagt. Kratylos: “Bei weitem und ohne Frage ist
es vorzüglicher, Sokrates, durch ein Aehnliches darzustellen, was jemand
darstellen will, als durch das erste beste.” — Sokrates: “Wohl gesprochen,
…”.

     

      einen Satz mit roter Farbe drucken lassen zu müssen, da
ers erst so ganz das ausdrücke, was der Autor sagen will. (Hier hätten wir
die magische Auffassung der Zeichen statt der logischen.)

     (Das magische Zeichen würde wirken wie eine Droge, und für sie wäre die
kausale Theorie richtig.)

     

     Die Untersuchung, ob die Bedeutung eines Zeichens seine Wirkung ist, ist
eine grammatische Untersuchung.

     

     Ich glaube, auf die kausale Theorie der Bedeutung kann man einfach ant-
worten, dass wir, wenn Einer einen Stoss erhält und umfällt, das Umfallen
Ts-213,40v


Ts-213,41r


41
nicht die Bedeutung des Stosses nennen    nennen  .

     

     Die Verwendung eines Plans ist eine Uebersetzung in unsere Handlungen.
Eine Uebertragung in unsere Handlungen.
Es ist klar, dass da kausale Zu-
sammenhänge gesehen werden, aber eswäre komisch, die als das Wesen eines
Planes auszugeben.

     

     Der Sinn der Sprache ist nicht durch bestimmt. Oder: Was
man den Sinn, die Bedeutung, in der Sprache nennt, ist nicht ihr .


     

     Es ist wirklich “the meaning of meaning” was wir untersuchen: Nämlich
// [o|O]der // die Grammatik des Wortes “Bedeutung”.
Ts-213,41v


Ts-213,42r


42


     
11
Bedeutung als Gefühl, hinter dem Wort stehend; durch eine Geste ausgedrückt.





     

     Jeder<,> Beistrich der einen Satz liest und versteht, sieht die Worte
// die verschiedenen Wortarten// in verschiedener Weise, obwohl sich ihr
Bild und Klang der Art nach nicht unterscheidet. Wir vergessen ganz, dass
‘nicht’ und ‘Tisch’ und ‘grün’ als Laute oder Schriftbilder betrachtet sich
nicht wesentlich voneinander unterscheiden und sehen es nur klar in einer
uns fremden Sprache. (James.)

     
     

     Das “Nicht” macht eine abwehrende // verneinende// Geste.

     Nein, es    ist   eine abwehrende Geste.

     “Das Verstehen der Verneinung ist dasselbe, wie das Verstehen einer ab-
wehrenden Geste.”

     
     


     Gefragt, was ich mit “und” im Satze “gib mir das Brot    und   die But-
ter” meine, würde ich mit einer Gebärde antworten, und diese Gebärde würde
die Bedeutung // würde, was ich meine// illustrieren. Wie das grüne Täfel-
chen “grün” illustriert und wie die W-F-Notation “und”, “nicht”, etc. illu-
striert.

     
     
12
Man tritt mit der hinweisenden Erklärung der Zeichen nicht aus der Sprach-
lehre heraus.







     

     Zur Grammatik gehört nur das nicht, was die Wahrheit und Falschheit eines
Satzes
ausmacht. Nur darum kümmert sich die Grammatik nicht. Zu ihr gehören
alle Bedingungen des Vergleichs des Satzes mit der Wirklichkeit // mit den
Tatsachen //. Das heisst, alle Bedingungen des Verständnisses. (Alle Bedin-
gungen des Sinnes.)

     
Die Anwendung der Sprache geht über diese hinaus, aber nicht die Deutung
der Schrift- und oder Lautzeichen. Die Deutung vollzieht sich noch im Allge-
meinen, als Vorbereitung auf jede Anwendung. Sie geht in der    Sprach-
lehre
   vor sich und nicht im Gebrauch der Sprache.

     

     Soweit die Bedeutung der Wörter in der Tatsache (Handlung) zum Vorschein
kommt, kommt sie in der Beschreibung der Tatsache zum Vorschein.
(Sie wird also ganz in der Sprachlehre bestimmt.)

     (In dem, was sich hat voraussehen lassen; worüber man schon vor dem Ein-
treffen der Tatsache reden konnte.)

     
     

     Ist nicht der Grund, warum wir glauben, mit der hinweisende Erklärung
Ts-213,44r


44
das Gebiet der Sprache, des Zeichensystems, zu verlassen, dass wir dieses
Heraustreten aus den    Schriftzeichen   mit einer Anwendung der
Sprache, etwa einer Beschreibung dessen, was wir sehen ,
verwechseln.

     


     Man könnte fragen wollen: Ist es denn aber ein Zufall, dass ich zur Er-
klärung vo Zeichen, also zur Ver[f|v]ollständigung des Zeichensystems aus de
Schrift- oder Lautzeichen heraustreten muss? Trete ich damit nicht eben in das Gebiet, in dem // worin// sich dann das zu Beschreibende // das Beschriebene// absp[¿e¿|i]elt? Aber dann ist // erscheint // es seltsam, dass ich
überhaupt mit dem Schriftzeichen etwas anfangen kann. — Man fasst es etwa
so auf, dass die Schriftzeichen bloss die Vertreter jener Dinge sind, auf
die man zeigt. — Aber wie seltsam, dass so eine Vertretung möglich ist.
Und es wäre nun das Wichtigste, zu verstehen, wie denn Schriftzeichen die
andern Dinge vertreten    können  .

     Welche Eigenschaft müssen sie haben, die sie zu dieser [B|V]ertretung befä-
higt. Denn ich kann nicht sagen: statt Milch trinke ich Wasser und esse
statt Brot Holz, indem ich das Wasser die Milch und Holz das Brot vertre-
ten lasse. (Erinnert an Frege.)

     

     Ich kann nun freilich doch sagen, dass das Definiendum das Definiens
vertr[¿e¿|i]tt; und hier steht dieses hinter jenem, wie die Wählerschaft hinter
ihrem Vertreter. Und in diesem Sinne kann</>man auch sagen, dass das in der
hinweisenden Definition erklärte Zeichen den Hinweis vertreten kann, da
man ja diesen wirklich in einer Gebärdensprache für jenes setzen könnte.
Aber doch handelt es sich hier um eine Vertretung im Sinne einer Defini-
tion, denn die Gebärdensprache ˇist // bleibt // eine Sprache.

     Ich möchte sagen: Von einem Befehl in der Gebärdensprache zu seiner
Befolgung ist es ebenso weit, wie von diesem Befehl in der Wortsprache.

     Denn auch die hinweisenden Erklärungen müssen ein für allemal gegeben
werden.
Ts-213,45r


45
werden.

      D.h., auch sie gehören zu dem Grundstock von Erklärungen, die den Kal-
kül vorbereiten, und nicht zu seiner Anwendung ad hoc.
Ts-213,45v


Ts-213,46r


46


     
13
           “Primäre und sekundäre Zeichen”.
           Wort und Muster.
           Hinweisende Definition.







     

     Der falsche Ton in der Frage, ob es nicht primäre Zeichen (hinweisende
Gesten) geben    müsse  , während unsre Sprache auch ohne die andern, die
Worte, aus[l|k]ommen könnte, liegt darin, dass man eine    Erklärung   der
bestehenden Sprache zu erhalten erwartet, statt der blossen Beschreibung.

     

     Nicht die Farbe Rot tritt an Stelle des Wortes “rot”, sondern die Ge-
bärde, die auf einen roten Gegenstand hinweist, oder das rote Täfelchen.

     
     




     Nun sage ich aber: “Es gilt mit Recht als ein Kriterium des Verstehens
// Verständnisses // des Wortes “rot”, dass Einer einen roten Gegenstand
auf Befehl aus anders gefärbten herausgreifen kann; dagegen ist das richti-
ge Uebersetzen des Wortes “rot” ins Englische oder Französische kein Be-
weis des Verstehens. Darum ist das rote Täfelchen ein primäres Zeichen für
“rot”, dagegen jedes Wort ein sekundäres // abgeleitetes // Zeichen.” ((Aber
das zeigt nur, was ich mit dem “Verstehen des Wortes rot” meine. Und
was heisst “es gilt    mit Recht   …”? Heisst es: Wenn ein Mensch
einen roten Gegenstand auf Befehl etc. etc., dann hat er erfahrungsgemäss
Ts-213,47r


47
auch das Wort ‘rot’ verstanden. Wie man sagen kann, gewisse Schmerzen gel-
ten mit Recht als Symptom dieser und dieser Krankheit? So ist es natürlich
nicht gemeint. Also soll es wohl heissen, dass die Fähigkeit, rote Gegen-
stände herauszugreifen, der spezifische Test dessen ist, was wir Verständ-
nis des Wortes ‘rot’ nennen. Dann bestimmt diese Angabe also, was wir un-
ter
mit diesem Verständnis meinen. Aber dann fragt es sich noch: wenn wir das
Uebersetzen ins Englische etc. als Kriterium ansähen, wäre es nicht auch
das Kriterium von dem, was wir ein Verständnis des Wortes nennen? Es gibt
nun den Fall, in welchem wir sagen: ich weiss nicht, was das Wort ‘rot’
//‘rouge’// bedeutet, ich weiss nur, dass es das Gleiche bedeutet, wie das
Englische ‘red’. So ist es, wenn ich die beiden Wörter in einem Wörterbuch
auf der gleichen Zeile gesehen habe, und dies ist die Verifikation des
Satzes und sein Sinn. Wenn ich denn sage “ich weiss nicht, was das Wort
‘rot’ //‘rouge’// bedeutet”, so bezieht sich dieser Satz auf eine Möglich-
keit der Erklärung die[¿w¿|s]er Bedeutung und ich könnte, wenn gefragt “wie
stellst Du Dir denn vor, dass Du erfahren könntest, was das Wort bedeutet”,
Beispiele solcher Erklärungen geben (die die Bedeutung des Wortes “Bedeu-
tung” beleuchten würden). Diese Beispiele wären dann entweder der Art,
dass statt des unverstandenen Worts ein verstandenes — etwa das deutsche —
ge¿[w|s]¿etzt würde, oder, dass die Erklärung von der Art wäre “   diese  
(hinweisend) Farbe heisst ‘violett’”. Im ersten Falle wäre es für mich
ein Kriterium dafür, dass er das Wort ‘rouge’ versteht, <:> dass er sagt, es
entspreche dem deutschen ‘rot’. “Ja”, wird man sagen, “aber nur, weil Du
schon weisst, was das deutsche ‘rot’ bedeutet”. — Aber das bezieht sich
ja ebenso auf die hinweisende Definition. Das Hinweisen auf das rote Täfel-
chen ist</>auch nur darum // dann// ein Zeichen des Verständnisses, weil
//wenn // vorausgesetzt wird, dass er die Bedeutung    dieses   Zei-
chens versteht // kennt//, was etwa soviel heisst, als dass er das Zeichen
auf bestimmte Weise verwendet. — Es gibt also wohl // allerdings// den
Ts-213,47v


Ts-213,48r


48
Fall, wo Einer sagt “ich weiss, dass dieses Wort dasselbe bedeutet, wie je-
nes, weiss aber nicht, was es bedeutet (sie bedeuten)”. Willst Du den er-
sten Teil dieses Satzes verstehen, so frage Dich: “wie konnte er es wis-
sen?” — willst Du den zweiten Teil verstehen, so frage: “wie kann er er-
fahren, was das Wort bedeutet?” —

     
      Welches ist denn das Kriterium unseres Verständnisses: das Aufzeigen
des roten Täfelchens, wenn gefragt wurde “welches von diesen Täfelchen ist
rot”, — oder, das Wiederholen der hinweisenden Definition “   das   ist
‘rot’”?

     Die Lösung be[k|i]der Aufgaben betrachten wir als Zeichen des Verständnis-
ses. Hören wir jemand das Wort ‘rot’ gebrauchen und zweifeln daran, dass
er es versteht, so können wir ihn zur Prüfung fragen “welche Farbe nennen
wir ‘rot’”. Anderseits: “wenn wir jemandem die hinweisende Erklärung gege-
ben hätten und nun sehen wollten, ob er richtig verstanden hat, würden wir nicht von ihm verlangen,
dass er sie wiederholt, sondern wir gäben ihm etwa die Aufgabe, aus einer
Anzahl von Dingen die roten herauszusuchen. In jeden Fall ist das, was wir
“Verständnis” nennen, eben dadurch // durch das// bestimmt, was wir als
Probe des Verständnisses ansehen (durch die Aufgaben bestimmt, die wir zur
Prüfung des Verständnisses stellen). ))

     
     
     
     

      Wie ist es, wenn ich eine Bezeichnungsweise festsetze; wenn ich z.B. für
den eigenen Gebrauch gewissen Farbtönen Namen geben will. Ich werde das
etwa mittels einer Tabelle tun (es kommt immer auf derlei hinaus). Und nun
werde ich doch nicht den Namen zur falschen Farbe schreiben (zu der Farbe
der ich ihn nicht geben will). Aber warum nicht? Warum soll nicht ‘rot’
gegenüber dem grünen Täfelchen stehen und ‘grün’ gegenüber dem roten, etc.? —
Ja, aber dann müssen wir doch wenigstens wissen, dass ‘rot’ nicht das ge-
Ts-213,49r


49
genüberliegende Täfelchen meint. — Aber was heisst es “das wissen”, aus-
ser, dass wir uns etwa neben der geschriebenen Tabelle noch eine andere
vorstellen, in der die Ordnung richtiggestellt ist. — “Ja aber    dieses  
Täfelchen ist doch r[p|o]t, und nicht    dieses  !” — Gewiss; und das ändert
sich ja auch nicht, wie immer ich die Täfelchen und Wörter setze; und es
wäre natürlich falsch, auf das grüne Täfelchen zu zeigen und zu sagen “die-
ses ist rot”. Aber das ist auch keine Definition, sondern eine Aussage. —
Gut, dann nimmt aber doch unter allen möglichen Anordnungen die gewöhnli-
che (in der das rote Täfelchen dem Wort ‘rot’ gegenübersteht) einen ganz besonderen Platz ein.— ((Da gibt es jedenfalls zwei verschiedene [¿D¿|F]älle: Es
kann die Tabelle mit grün gegenüber ‘rot’ etc. so gebraucht werden, wie
wir die Tabelle in der gewöhnlichen Anordnung gewöhnlich gebrauchen. Wir
würden also etwa dem, den, der sie gebraucht, von dem Wort ‘rot’ nicht auf das
gegenüberliegende Täfelchen blicken sehen, sondern auf das rote, das
schräg darunter steht (aber wir müssten auch diesen Blick nicht sehen) und
finden, dass er dann statt des Wortes ‘rot’ in einen Ausdruck das rote Tä-
felchen einsetzt. Wir würden dann sagen, die Tabelle sei nur anders ange-
ordnet (nach einem andern räumlichen Schema), aber sie verbinde die Zei-
chen, wie die gewohnte. — Es könnte aber auch sein, dass der, welcher die
Tabelle benützt, von der einen Seite horizontal zur andern blickt und nun
in irgend welchen Sätzen das Wort ‘rot’ durch ein grünes Täfelchen ersetzt;
aber nicht etwa auf den Befehl “gib mir das rote Buch” ein grünes bringt,
sondern ganz richtig das rote ( d.h. das, welches auch wir ‘rot’ nennen).
Dieser hat nun die Tabelle anders benützt, als der Erste, aber [¿c¿|d]och so,
dass ‘rot’ die gleiche Bedeutung für ihn hatte, wie für uns. (Zu einer Ta-
belle gehört übrigens wesentlich die Tätigkeit des Nachschauens Aufsuchens in der Ta-
belle.) Es ist nun der zweite Fall, welcher uns interessiert und
die Frage ist: kann ein grünes Täfelchen als    Muster   der roten Farbe
dienen? Und da ist es klar, dass dies (in    einem   Sinn) nicht möglich
Ts-213,50r


50
ist. Ich kann mir eine Abmachung denken, wonach Einer, dem ich eine grüne
Tafel zeige und sage, male mir diese Farbe, mir ein Rot malt; wenn ich das-
selbe sage und zeige ihm blau, so hat er gelb zu malen u.s.w., immer die
komplementäre Farbe; und daher kann ich mir auch denken, dass Einer meinen
Befehl auch ohne eine vorhergehende Abmachung so deutet. Ich kann mir fer-
ner denken, dass die Abmachung gelautet hätte “auf den Befehl ‘male mir
diese Farbe’, male immer eine gelblichere, als ich Dir zeige”; und wieder
kann ich mir die Deutung auch ohne Verabredung denken. Aber kann man sagen,
dass einer ein rotes Täfelchen genau kopiert, indem er einen bestimmten Ton
von grün (oder ein anderes Rot alsd das des Täfelchens) malt und zwar so,
wie er eine gezeichnete Figur, nach verschiedenen Projektionsmethoden, ver-
schieden und genau kopieren kann? — Ist also hier der Vergleich zwischen
Farben und Gestalten richtig, und kann ein grünes Täfelchen einerseits als
der Name einer bestimmten Schattierung von rot stehen und anderseits als
ein Muster dieses Tones? wie ein Kreis als der Name einer bestimmten Elipse
verwendet werden kann, aber auch als ihr Muster. — Kann man also dort wie
hier von verschiedenen Projektionsmethoden sprechen, oder gibt es für das
Kopieren einer Farbe nur eine solche: das Malen der gleichen Farbe?
Wir meinen diese Frage so, dass sie nicht dadurch verneint wird, dass uns
die Möglichkeit gezeigt wird, mittels eines be[w|s]timmten Farbenkreises und
der Festsetzung eines Winkels von einem Farbton auf irgend einen andern über-
zugehn. Das, glaube ich, zeigt nun, in wiefern das rote Täfelchen gegenüber
dem Wort ‘rot’ in einem andern Fall ist, als das grüne. Uebrigens bezieht
sich, was wir hier für die Farben gesagt haben, auch auf die Formen von Fi-
guren, wenn das Kopieren ein Kopieren nach dem Augenmass und nicht eines
mittels Messinstrumenten ist. — Denken wir uns nun aber doch einen Menschen,
der vorgäbe “er könne die Schattierungen von Rot in Grün kopieren” und auch
wirklich beim Anblick des roten Täfelchens mit allen (äusseren) Zeichen des
genauen Kopierens einen grünen Ton mischte und so fort bei allen ihm gezeig-

Ts-213,50v


Ts-213,51r


51
ten roten Tönen. der der auf
die gleiche Weise (auch durch genaues Hinhorchen) Farben nach Violintönen
mischte. Wir würden in    dem   Fall sagen: “Ich weiss nicht,    wie   er es
macht”; aber nicht in dem Sinne, als verstünden wir nicht die verborgenen
Vorgänge in seinem Gehirn oder seinen Muskeln, sondern, wir verstehen nicht,
was es heisst “dieser Farbton sei eine Kopie dieses Violintones”. Es sei
denn, dass damit nur gemeint ist, dass ein bestimmter Mensch erfahrungsge-
mäss einen bestimmten Farbton mit einem bestimmten Klag a Klang assoziiert
(ihn zu sehen behauptet, malt, etc.). Der Unterschied zwischen dieser Asso-
ziation und dem Kopieren, auch wenn ich selbst beide Verfahren kenne, be-
steht darin // zeigt sich darin //, dass es für die assoziierte Gestalt kei-
nen Sinn hat, von Projektionsmethoden zu reden, und dass ich von dem assozi-
ierten Farbton sagen kann “jetzt fällt mir bei dieser Farbe (oder diesem
Klang) diese Farbe ein, vor 5 Minuten war es eine andere”. Etc.. Wir könnten
auch niemandem sagen “Du hast nicht richtig assoziiert”, wohl aber “Du hast nicht richtig kopiert”. Und die Kopie einer Farbe — wie ich das Wort gebrau-
che — ist nur    eine  ; und es hat keinen Sinn, (hier) von verschiedenen
Projektionsmethoden zu reden.))

     

     Es ist die Frage: Wenn sich die Regel, das Muster stehe für die Komple-
mentärfarbe, ihrem Wesen nach nur auf die Farben (oder Wörter) blau, rot,
grün, gelb bezieht, ist sie dann nicht identisch mit der, welche das grüne
Zeichen als Wort für “rot”, und umgekehrt, etc. festsetzt? Denn eine Regel
// Allgemeinheit//, die ihrem logischen Wesen nach einem logischen Produkt
äquivalent ist, ist nichts anderes, als dieses logische Produkt. (Denn man
kann nicht sagen: hier ist das grüne Zeichen; nun hole mir ein Ding von der
komplementären Farbe,    welche immer das sein mag  . D.h.,
“die komplimentäre Farbe von rot” ist keine Beschreibung von grün; wie “das
Produkt von 2 und 2” keine Beschreibung von 4<.>) Die Bestimmung, die Komplemen-
Ts-213,52r


52
tärfarbe zu nehmen, als Bedeutung des Täfelchens zu nehmen, ist dann wie
ein Querstrich in einer Tabelle; ein Querstrich in der Grammatik der Far-
ben
     
gezogen. Es ist klar, dass ich mit Hilfe einer solchen
Regel eine Tabelle herstellen // konstruieren// kann, ohne
noch aus der Grammatik herauszutreten, also von vor jeder An-
wendung der Sprache. Anders wäre es, wenn die Regel (R) hiesse: das Täfel-
chen bedeutet immer einen etwas dunkleren Farbton, als sein eigener // der
seine// ist. Man muss nur wieder auf den verschiedenen Sinn der Farb- und
der Gestaltprojektion achten (und bei der letzteren wieder auf den Unter-
schied der Abbildung nach visuellen Kriterien von und der Uebertragung mit Mess-
instrumenten). Das kopieren nach der Regel R ist ‘kopieren’ in einem andern
Sinne als dem, in welchem das Hervorbringen des gleichen Farbtons so genannt
wird. Es handelt sich also nicht um zwei Projektionsmethoden, vergleichbar
etwa der Parallel- und der Zentralprojektion, durch die ich eine geometri-
sche Figur mit Zirkel und Lineal in eine andere projizieren kann. (Die Me-
trik der Farbtöne.)

     Wenn ich das berücksichtige, so kann ich also in dem veränderten Sinn
des Wortes “Muster” (der dem veränderten Sinn des Worts “kopieren” ent-
spricht), das hellere Täfelchen zum Muster des dunkleren Gegenstandes neh-
men.

     


     Könnten wir nicht zur hinweisenden Erklärung von ‘rot’ ebensowohl auf
ein grünes, wie auf ein rotes Täfelchen zeigen? denn, wenn diese Definition
nur ein Zeichen statt des andern setzt, so sollte dies doch aufs gleiche
hinauslaufen // keinen Unterschied machen//. — Wenn die Erklärung nur ein
Wort für ein andres setzt, ist es auch gleichgültig // so macht esa auch
keinen//. Bringt aber die Erklärung das Wort mit einem Muster in Zusammen-
hang, so ist es nun nicht unwesentlich, mit welchem Täfelchen das Zeichen
verbunden wird (denke auch wieder daran, dass eine Farbe der andern nicht
Ts-213,53r


53
im gleichen Sinn zum Muster dienen kann, wie ihr selbst). “Aber dann gibt
es also willkürliche Zeichen und solche, die nicht willkürlich sind!” —
Aber denken wir nur an die Verständigung durch Landkarten, Zeichnungen, und
Sätze anderseits: die Sätze sind so wenig willkürlich, wie die Zeichnungen,.
Aber die Worte sind willkürlich. (Vergleiche die Abbildung / = o , — = x.)
Wird denn aber ein Wort eigentlich als Wort gebraucht, wenn ich es nur in
Verbindung mit einer Tabelle gebrauche, die den Uebergang zu Mustern macht?
Ist es also nicht falsch, zu sagen, ein Satz sei ein Bild, wenn ich doch nur
ein Bild nach ihm und der Tabelle zusammenstelle? Aber so ist also doch der
Satz und die Tabelle zusammen ein Bild. Also zwar nicht adbcb allein,
aber dieses Zeichen zusammen mit

     Aber es ist offenbar, dass auch adbcb ein Bild von
genannt werden kann. Ja aber, ist nicht doch das Zeichen
adbcb ein willkürlicheres Bild von
als dieses Zeichen von der Ausführung der Bewegung? Etwas ist auch an dieser
Uebertragung willkürlich (die Projektionsmethode) und wie sollte ich bestim-
men, was willkürlicher ist.
     Ich vergleiche also die Festsetzung der Wortbedeutung durch die hinweisen-
de Definition, der Festsetzung einer Projektionsmethode zur Abbildung räum-
licher Gebilde. Dies ist freilich nicht mehr als wie ein Vergleich. Ein ganz gu-
ter Vergleich, aber er enthebt uns nicht der Untersuchung des Funktionierens
der Worte, ?—getrennt von dem Fall der räumlichen Projektion—?. Wir können aller-
dings sagen — d.h. es entspr[o|i]cht ganz dem Sprachgebrauch — , dass wir uns
durch Zeichen verständigen, ob wir Wörter oder Muster gebrauchen; aber das
Muster ist kein Wort, und das Spiel, sich nach Worten zu richten, ein ande-
res als das, sich nach Mustern (zu?) richten. (Wörters sind der Sprache nicht
wesentlich.) Kann man aber vielleicht sagen, dass Muster ihr wesentlich wä-
Ts-213,54r


54
ren? (Muster sind der Benützung //dem Gebrauch// von Mustern wesentlich,
Worte, der Benützung // dem Gebrauch// von Worten.)

     

     ?—Vergiss hier auch nicht, dass die Wortsprache nur    eine   unter vielen
möglichen Sprachen ist—? und es Uebergänge von ihr in die andern gibt. Unter-
suche die Landkarte darauf auf das hin, was in ihr dem Ausdruck der Wortsprache ent-
spricht.

     

     ‘Primär’ müsste eigentlich heissen: unmissverständlich.

     

     Es klingt wie eine lächerliche Selbstverständlichkeit, wenn ich sage, dass
der, welcher glaubt die Gebärden // Gesten// seien die primären Zeichen, die allen andern zu Grunde liegen, ausser Stande wäre, den gewöhnlichsten
Satz durch Gebärden zu ersetzen.

     

     Regeln der Grammatik, die eine “Verbindung zwischen Sprache und Wirklich-
keit” herstellen, und solche, die es nicht tun. Von der ersten Art etwa:
“diese Farbe nenne ich ‘rot’ ”, — von der zweiten: “non-non-p = p”. Aber über diesen Unterschied besteht ein Irrtum: der Unterschied scheint prinzi-
pieller Art zu sein; und die Sprache etwas, dem eine Struktur ge-
geben, und dann der Wirklichkeit aufgepasst wird.

     

     “Ich will nicht verlangen, dass in der erklärenden Tabelle das rote Tä-
felchen horizontal gegenüber dem Wort ‘rot’ stehen soll, aber irgend ein
Gesetz des Lesens der Tabelle muss es doch geben. Denn sonst verliert ja die
Tabelle ihren Sinn”. Ist es aber gesetzlos, wenn die Tabelle so aufgefasst
wird, wie die Pfeile andeuten?
“Aber muss dann nicht eben das
Schema der Pfeile vorher gegeben werden?” Nur, sofern auch das
Schema

Ts-213,55r


55
     

     ““Wird da aber dann nicht wenigstens eine gewisse Regelmässigkeit im Ge-
brauch gefordert?! Würde es angehen, wenn wir einmal eine Tabelle nach die-
sem, einmal nach jenem Schema zu gebrauchen hätten?    Wie soll man
denn wissen
  , wie man diese Tabelle zu gebrauchen hat?”” — Ja, wie
weiss man es denn    heute  ? Die Zeichenerklärungen haben doch irgend einmal // irgendwo// ein Ende.

     

     Nun gebe ich aber natürlich zu, dass ich, ohne vorhergehende Abmachung
einer Chiffre, ein Missverständnis hervorrufen würde, wenn ich, auf den
Punkt A zeigend, sagte, dieser Punkt heisst [|]B’. Wie ich ja auch, wenn ich
jemandem den Weg weisen will, mit dem Finger in der Richtung weise, in der
er gehen soll, und nicht in der entgegengesetzten. Aber auch ?—diese Art des
Zeigens—? könnte richtig verstanden w[a|e]rden, und zwar ohne dass dieses Verständ-
nis das gegebene Zeichen durch ein weiteres ergänzte. Es liegt in der mensch-
lichen Natur, das Zeigen mit dem Finger    so   zu verstehen. Und so ist die
menschliche Gebärdensprache primär in einem psychologischen Sinne.

     

     Ist das Zeigen mit dem Finger unserer Sprache wesentlich? Es ist gewiss
ein merkwürdiger Zug unserer Sprache, dass wir Wörter hinweisend erklären:
das ist ein Baum, das ist ein Pferd, das ist grün, etc.. (Ueberall auf der
Erde
// bei den Menschen // finden sich Brettspiele, die mit kleinen Klötz-
chen auf Feldern gespielt werden. Ueberall auf der Erde findet sich eine
Schrift // eine Zeichensprache //, die aus geschriebenen Zeichen auf einer
Fläche besteht.)

     
      Ich bestimme die Bedeutung eines Worts, indem ich es als Name eines Ge-
genstandes erkläre, und auch, indem ich es als gleichbedeutend mit einem an-
dern Wort erkläre. Aber habe ich denn nicht gesagt, man könne ein Zeichen
nur durch ein anderes Zeichen erklären? Und das ist gewiss so, sofern ja die
Ts-213,56r


56
hinweisende Erklärung “das (Pfeil) ist N” ein Zeichen ist. Aber ferner
bildet hier auch der Träger von “ N”, auf den gezeigt wird, einen Teil des
Zeichens. Denn:
/dieser (Pfeil) hat es getan/ = / N hat es getan/
.
Dann heisst aber ‘ N’ der Name von diesem Menschen, nicht vom Zeichen “die-
ser (Pfeil)”, von dem ein Teil auch dieser Mensch ist. Und zwar spielt der
Träger in dem Zeichen eine ganz besondere Rolle, verschieden von der eines
andern Teiles eines Zeichens. (Eine Rolle, nicht ganz ungleich der des Mu-
sters.)

     

     Die hinweisende Erklärung eines Namens ist nicht nur äusserlich ver-
schieden von einer Definition wie “1 + 1 = 2”, indem etwa das eine Zeichen
aus in einer Geste meiner Hand, statt in einem Laut- oder Schriftzeichen be-
steht, sondern sie unterscheidet sich von dieser logisch; wie die Defini-
tion, die das Wort dem Muster beigesellt, von der eines Wortes durch ein
Wort. Es wird von ihr in andrer Weise Gebrauch gemacht.

     Wenn ich also einen Namen hinweisend definiere und einen zweiten durch
ihn // den ersten//, so steht dieser zu jenem in anderem Verhältnis //ist
dieser zu jenem in anderer Beziehung//, als zum Zeichen, das in der hin-
weisenden Definition gegeben würde. D.h., dieses letztere ist seinem Ge-
brauch nach wesentlich von dem Namen verschieden und daher die Verbaldefi-
nition und die hinweisende Definition, ‘Definitionen’ im verschiedenen Sin-
ne des Worts.

     

     Ich kann von primären und sekundären Zeichen sprechen — in    einem  
bestimmten Spiel, einer bestimmten Sprache. — Im Musterkatalog    kann  
ich die Muster die primären Zeichen und die Nummern die sekundären nennen.
Was soll man aber in einem Fall, wie dem der gesprochenen und geschriebe-
nen Buchstaben sagen? Welches sind hier die primären, welches die sekundä-
ren Zeichen?
Ts-213,56v


Ts-213,57r


57
     

     Der Begriff vom sekundären Zeichen ist doch dieser: Sekundär ist ein
Zeichen dann, wenn, um mich nach ihm zu richten, ich eine Tabelle brauche,
die es mit einem andern (primären) Zeichen verbindet, über welches ich mich
erst nach dem sekundären richten kann.
     

     Die Tabelle garantiert mir die Gleichheit aller Uebergänge nicht, denn
sie zwingt mich ja nicht, sie immerg gleich zu gebrauchen. Sie ist da wie
ein Feld, durch das Wege führen, aber ich kann ja auch querfeldein gehen.

     Ich mache den Uebergang in der Tabelle bei jeder Anwendung von Neuem. Er
ist nicht, quasi, ein für allemal in der Tabelle gemacht. (Die Tabelle
   verleitet   mich höchstens, ihn zu machen.)


     

     Welcher Art ist denn meine Aussage über die Tabelle: dass sie mich nicht
zwingt, sie so und so zu gebrauchen? Und: dass die Anwendung durch die Re-
gel (oder die Tabelle) nicht anticipiert wird.
Ts-213,57v


Ts-213,58r


58


     
14
Das, was    uns   am Zeichen interessiert; die Bedeutung, die für    uns  
massgebend ist, ist das, was in der Grammatik des Zeichens niedergelegt ist.







     
     

     Die Grammatik, das sind die Geschäftsbücher der Sprache; aus denen al-
les zu ersehen sein muss, was nicht Gefühle betrifft, sondern Fakten.
// der Sprache; woraus alles zu ersehen
sein muss, was nicht Gefühle betrifft, sondern Tatsachen.//

     
     

     
Ich will also eigentlich sagen: es gibt nicht Grammatik und Interpreta-
tion der Zeichen. Sondern, soweit von einer Interpretation, also von einer
Erklärung der Zeichen, die Rede sein kann, soweit muss sie die Grammatik
selbst besorgen.

     Denn ich brauchte nur zu fragen: Soll die Interpretation durch Sätze er-
folgen? Und in welchem Verhältnis sollen diese Sätze zu der Sprache stehen,
die sie schaffen?


     


     Wenn ich sage, dass ein Satz, der Mengenlehre etwa, in Ordnung ist, aber
eine neue Interpretation erhalten muss, so heisst das nur, dass dieser Teil
der Mengenlehre bleibt in sich unangetastet, muss aber in eine andere gram-
matische Umgebung gerückt werden.
Ts-213,59r


59




     
   Satz  .

   Sinn des Satzes  .





















Ts-213,60r


60


     
15
‘Satz’ und ‘Sprache’ verschwimmende Begriffe.






     
      Wovon unterscheide ich denn einen Satz? Oder, wovon will ich ihn denn
unterscheiden? Von Satzteilen in seinem grammatischen System (wie die Glei-
chung vom Gleichheitszeichen oder von    allen  , was wir nicht Satz nen-
nen, also diesem Sessel, meiner Uhr, etc. etc.? Denn, dass es Schrift- oder
Lautbilder gibt, die Sätzen besonders ähnlich sind, braucht uns eigentlich
nicht zu kümmern.

     

     Oder wir müssen sagen: Vom Satzbegriff // Satz// kann nur in einem // in-
nerhalb eines // grammatischen Systems gesprochen werden. //… kann nur in
der Erklärung eines grammatischen Systems die Rede sein.//

     

     Es geht mit dem Wort “Satz” wie mit dem Wort “Gegenstand” und andern:
Nur auf eine beschränkte Sphäre angewandt sind sie zulässig und dort sind
sie natürlich. Soll die Sphäre ausgedehnt werden, damit der Begriff ein
philosophischer wird, so verflüchtigt sich die Bedeutung der Worte und es
sind leere Schatten. Wir müssen sie dort aufgeben und wieder in den Gren-
zen benützen.

     

     Nun möchte man aber sagen: “Satz ist alles, womit ich etwas meine”. Und
Ts-213,61r


61
gefragt “was heisst das, ‘etwas’ meinen”, müsste würde ich Beispiele anführen.
Nun haben diese Beispiele zwar ihren Bereich, auf den sie ausgedehnt wer-
den können, aber    weiter   führen sie mich doch nicht. Wie ich ja in
der Logik nicht ins Blaue verallgemeinern kann. Hier handelt es sich aber
nicht um Typen, sondern darum, dass die Verallgemeinerung selbst etwas be-
stimmtes ist; nämlich ein Zeichen mit vorausbestimmten grammatischen Re-
geln. D.h., dass die Unbestimmtheit der Allgemeinheit keine logische Unbe-
stimmtheit ist. So als hätten wir nun nicht nur Freiheit im logischen Raum,
sondern auch Freiheit, diesen Raum zu erweitern, oder zu verändern.

     Also nicht nur Bewegungsfreiheit, sondern eine Unbestimmtheit der Geo-
metrie.

     

     Ueber sich selbst führt uns kein Zeichen hinaus; und auch kein Argument.

     

     Wenn wir sagen, Satz ist jedes Zeichen, womit wir etwas meinen, so könn-
te man fragen: was meinen wir und    wann   meinen wir es? Während wir das
Zeichen geben? u.s.w., u.s.w..

     

     Wenn ich frage “was ist die allgemeine Form des Satzes”, so kann die
Gegenfrage lauten: “   haben   wir denn einen allgemeinen Begriff vom
Satz, den wir nun nur exakt fassen wollen?” — So wie: Haben wir einen allge-
meinen Begriff von der Wirklichkeit?



     

     Die Frage kann auch lauten: Was geschieht, wenn ein neuer Satz in die
Sprache aufgenommen wird: Was ist das Kriterium dafür, dass er ein Satz
ist? oder, wenn das Aufnehmen in die Sprache ihn zum Satz stempelt, worin
besteht diese Aufnahme? Oder: was ist Sprache?
     
¿¿       Da scheint es nun offenbar, dass man das Zeichengeben    von ande-
ren Tätigkeiten
   unterscheidet. Ein Mensch schläft, isst,
Ts-213,62r


62
trinkt, gibt Zeichen (bedient sich einer Sprache).

     

     Was ist ein Satz? Wodurch ist dieser Begriff bestimmt? — Wie wird dieses
Wort (“Satz”) in der nicht-philosophischen Sprache gebraucht? Satz, im Ge-
gensatz wozu?

     

     Ich kenne einen Satz, wenn ich ihn sehe.

     

     Diese Frage ist fundamental: Wie, wenn wir eine neue Erfahrung machen,
etwa einen neuen Geschmack oder einen neuen Hautreiz kennen lernen: woher
weiss ich, dass, was diese Erfahrung beschreibt, ein Satz ist ? Oder, warum
soll ich das einen Satz nennen? Wohl Nun, mit demselben Recht, womit // mit wel-
chem // ich von einer neuen Erfahrung gesprochen habe. Aber warum habe ich das Wort Erfahrung gebraucht, im
Gegensatz wozu?

     

     Habe ich denn, was geschehen ist, schon bis zu einem Grade damit charak-
terisiert, dass ich sagte, es sei eine Erfahrung? Doch offenbar    gar
nicht
  . Aber es scheint doch, als hätte ich es schon getan, als hätte
ich davon schon etwas ausgesagt: “dass es eine Erfahrung ist”. In diesem
falschen Schein liegt unser ganzes Problem. Denn, was vom Prädikat “Erfah-
rung” gilt, gilt vom Prädikat “Satz”.

     

     Das Wort “Satz” und das Wort “Erfahrung” haben schon eine bestimmte Gram-
matik.

     

     Das heisst, ihre Grammatik muss im Vorhinein bestimmt sein und hängt
nicht von irgend einem künftigen Ereignis ab.

     

     Hier ist auch der Unsinn in der “experimentellen Theorie der Bedeutung”
Ts-213,62v


Ts-213,63r


63
ausgesprochen. Denn die Bedeutung ist in der Grammatik festgelegt.

     

     Wie verhält sich die Grammatik des Wortes “Satz” zur Grammatik der Sät-
ze?

     

     “Satz” ist offenbar die Ueberschrift der Grammatik der Sätze. In einem
Sinne aber auch die Ueberschrift der Grammatik überhaupt, also äquivalent den Worten “Grammatik” und “Sprache”.

     

     Das ist auch, was damit gemeint ist, dass es in der Welt zwar Ueber-
raschungen gibt, aber nicht in der Grammatik.

     

     Es scheint unsere Frage noch zu erschweren, dass auch die Worte “Welt”
und “Wirklichkeit” Aequivalente des Wortes “Satz” sind.

     

     Aber es ist doch lächerlich, die Welt, oder/die Wirklichkeit, abgrenzen zu
wollen. Wem soll man sie denn entgegenstellen. Und so ist es mit der Bedeu-
tung des Wortes
“Tatsache”.

     Aber man gebraucht ja diese Wörter auch nicht als Begriffswörter.

     

     Etwas ist ein Satz nur in einer Sprache.

     

     Wenn ich nun sage: aber die Sprache kann sich doch ausdehnen, so ist die
Antwort: Gewiss, aber wenn dieses Wort “ausdehnen” hier einen Sinn hat, so
muss ich    jetzt   schon wissen, was ich damit meine, muss angeben können,
wie ich mir so eine Ausdehnung vorstelle. Und was ich jetzt nicht denken
kann, das kann ich jetzt auch nicht ausdrücken, und auch nicht andeuten.


     

     Und das Wort “jetzt” bedeutet hier: “in    diesem   Kalkül”    dieser   Grammatik”, oder:
“wenn die Worte mit?    diesen   grammatischen Regeln gebraucht werden”.
Ts-213,63v


Ts-213,64r


64
     

     Hier haben wir dieses bohrende Problem: wie es möglich ist, an die Exi-
stenz von Dingen auch nur zu denken, w[d|e]nn wir immer nur Vorstellungen — ih-
re Abbilder — sehen. //: wie es denn möglich ist, auch nur auf den Gedanken
zu kommen!//

     

     Hierher gehört die alte Frage: “wie bin ich dann aber überhaupt zu die-
sem Begriff gekommen” (etwa zu dem der ausser mir liegenden Gegenstände).
(Es ist ein Glück, [d|e]ine solche Frage aus der Entfernung als alte Gedankenbe-
wegung betrachten zu können; ohne in ihr verstrickt zu sein.) Zu dieser Fra-
ge ist ganz richtig der Nachsatz zu denken: “ich konnte doch nicht mein ei-
genes Denken transcendieren”, “ich konnte doch nicht sinnvoll das transcen-
dieren, was für mich Sinn hat”. Es ist das Gefühl, dass ich nicht auf
Schleichwegen (hinterrücks) dahin kommen kann, etwas zu denken, was zu den-
ken mir eigentlich verwehrt ist. Dass es hier keine Schleichwege gibt, auf
denen ich weiter kommen könnte, als auf dem direkten Weg.


     

     Wir haben es natürlich wieder mit einer falschen Analogie zu tun: Es
hat guten Sinn zu sagen “ich weiss, dass er in diesem Zimmer ist, weil ich
ihn höre, wenn ich auch nicht hineingehen und ihn sehen kann”.

     

     “Satz” ist so allgemein wie z.B. auch “Ereignis”. Wie kann man “ein Er-
eignis” von dem abgrenzen, was kein Ereignis ist?

     Ebenso allgemein ist aber auch “Experiment”, das vielleicht auf den er-
sten Blick spezieller zu sein scheint.

     

     “Da geschah ein Ereignis …”: das heisst nicht “ein Ereignis” im Ge-
gensatz zu etwas Anderem.

     

     Rechtmässiger Gebrauch des Wortes ‘Sprache’: Es bedeutet entweder die Er-
fahrungstatsache, dass Menschen reden (auf gleicher Stufe mit der, dass
Ts-213,64v


Ts-213,65r


65
Hunde bellen), oder es bedeutet: festgesetztes System der Verständigung
// festgesetztes System von Wörtern und grammatischen Regeln// in den
Ausdrücken “die englische Sprache”, “deutsche Sprache”, “Sprache der Neger” etc.. ‘Sprache’ als logischer Begriff könnte nur mit ‘Satz’ äquiva-
lent, und dann eine die Ueberschrift eines Teiles der Grammatik sein.

     

     Könnten wir etwas ‘Sprache’ nennen, was nicht wirklich angewandt wür-
de? Könnte man von Sprache reden, wenn nie eine gesprochen worden wäre?
(Ist denn Sprache ein Begriff, wie ‘Centaur’ // vergleichbar mit dem Be-
griff ‘Centaur’//, der besteht, auch wenn es nie ein solches Wesen ge-
geben hat?)
     (Vergleiche damit ein Spiel, das nie gespielt wurde, eine Regel, nach
der nie gehandelt wurde.)

     

     Was tut der, der eine neue Sprache konstruiert (erfindet)? nach welchem
Prinzip geht er vor? Denn dieses Prinzip ist der Begriff ‘Sprache’.

     

     Eine Sprache erfinden, heisst, eine Sprache konstruieren. Ihre Regeln
aufstellen. Ihre Grammatik verfassen.

     

     Erweitert jede erfundene Sprache den Begriff der Sprache?

     
     

     Was für das Wort “Sprache” gilt, muss auch für den Ausdruck “System von
Regeln” gelten. Also auch für das Wort “Kalkül”.

     

     Wie bin ich denn zum Begriff ‘Sprache’ gekommen? Doch nur durch die
Sprachen, die ich gelernt habe.

     Aber die haben mich in gewissem Sinne über sich hinausgeführt, denn ich
wäre jetzt im Stande, eine neue Sprache zu konstruieren, z.B. Wörter zu
Ts-213,66r


66
erfinden. Also gehört diese Methode der Konstruktion noch zum Begriff der
Sprache. Aber nur, wenn ich ihn so festlege. Immer wieder hat mein “ u.s.
w.” eine Grenze.

     

     Der Begriff: sich einander etwas mitteilen. Wenn ich z.B. sage: ‘Spra-
che’ werde ich jedes System von Zeichen nennen, das Menschen untereinan-
der vereinbaren, um sich miteinander zu verständigen, so könnte man hier
schon fragen: Und was schliesst Du unter dem Begriff ‘Zeichen’ ein?

     

     Was nenne ich “Handlung”, was “Sinneswahrnehmung”?

     

     Die Worte “Welt”, “Erfahrung”, “Sprache”, “Satz”, “Kalkül”, “Mathema-
tik” können alle nur für triviale Abgrenzungen stehen, wie “essen”, “ru-
hen”, etc..

     

     Denn, wenn auch ein solches Wort der Titel unserer Grammatik wäre — et-
wa das Wort “Grammatik” — so hätte doch dieser Titel nur dieses Buch von
andern Büchern zu unterscheiden.

     

     Allgemeine Ausführungen über die Welt und die Sprache gibt es nicht.

     

     Aber warum zerbreche ich mir über den Begriff ‘Sprache’ den Kopf, statt
Sprache zu gebrauchen?!
     Dieses Kopfzerbrechen ist nur dann berechtigt, wenn wir einen allge-
meinen Begriff    haben  .

     

     Ich finde bei Plato auf eine Frage wie “was ist Erkenntnis” nicht die
vorläufige Antwort: Sehen wir einmal nach, wie dieses Wort gebraucht wird.
Sokrates weist es immer zurück, von Erkenntnissen statt von der Erkennt-
nis zu reden.
Ts-213,66v


Ts-213,67r


67
     

     Aber wenn so der allgemeine Begriff der Sprache sozusagen zerfliesst, zer-
fliesst da nicht auch die Philosophie? Nein, denn ihre Aufgabe ist es nicht,
eine Sprache zu schaffen, sondern die zu reinigen, die vorhanden ist.

     

     Der, welcher darauf aufmerksam macht, dass ein Wort in zwei verschiede-
nen Bedeutungen gebraucht wurde, oder dass bei dem Gebrauch dieses eines Aus-
drucks uns dieses Bild vorschwebt, und der überhaupt die Regeln feststellt
(tabuliert), nach welchen Worte gebraucht werden, hat gar keine Pflicht, ei-
ne Erklärung (Definition) des Wortes “Regel” (oder “Wort”, “Sprache”,
“Satz”, etc.) zu geben. // …, hat garnicht die Pflicht übernommen,
…//

     

     /Die Philosophie hat es in demselben Sinn mit Kalkülen zu tun, wie sie
es mit Gedanken zu tun hat (oder mit Sätzen und Sprachen). Hätte sie's
aber wesentlich mit dem Begriff des Kalküls zu tun, also mit dem Begriff
des Kalküls vor allen Kalkülen, so gäbe es eine Metaphilosophie. Und die
gibt es nicht. (Man könnte alles, was wir zu sagen haben, so darstellen,
dass das als ein leitender Gedanke erschiene.)/

     

     So ist es mir erlaubt, das Wort ‘Regel’ zu verwenden, ohne notwendig
erst die Regeln über dieses Wort zu tabulieren. Und diese Regeln sind
nicht Ueber-Regeln.

     

     Das Wort “Regel” muss in der Erklärung eines Spiels nicht gebraucht
werden (natürlich auch kein äquivalentes).

     

     Wie gebrauchen wir denn das Wort ‘Regel’ wenn wir etwa von Spie-
len reden? Im Gegensatz wozu? Wir sagen z.B. “das folgt aus dieser Regel”,
aber dann könnten wir ja/die Regel des Spiels zitieren, und so das Wort
Ts-213,68r


68
“Regel” ersetzen. Oder wir sprechen von “allen Regeln des Spiels” und
müssen sie dann entweder aufgezählt haben (und dann liegt wieder der
erste Fall vor), oder wir sprechen von den Regeln als einer Gruppe, die
auf bestimmte Art aus gegebenen bestimmten Grundpositionen erzeugt werden und dann
steht das Wort “Regel” für den Ausdruck    dieser   Grundpositionen
und Operationen. Oder wir sagen “   Das   ist eine Regel,    das   nicht”,
wenn etwa das Zweite nur ein einzelnes Wort ist, oder eine Konfiguration
der Spielsteine. (Oder: “nein, das ist nach der neuen Abmachung auch ei-
ne Regel”.) Wenn wir etwa das Regelverzeichnis des Spiels aufzuschreiben
hätten, so könnte so etwas gesagt werden und dann hiesse es:    Das   ge-
hört hinein,    das   nicht. Aber nicht vermöge einer bestimmten Eigen-
schaft (nämlich der, eine Regel zu sein), wie wenn man etwa lauter Aep-
[¿v¿|f]el in eine Kisten packen möchte und sagt “nein, das gehört nicht hinein,
das ist eine Birne”. Ja aber wir nennen doch manches “Spiel”, manches
nicht, und manches “Regel”, und manches nicht! Aber auf die Abgrenzung
alles dessen, was wir Spiel nennen, gegen alles andere, kommt es ja nie
an. Die Spiele sind für uns    die   Spiele, von denen wir gehört haben,
die wir aufzählen können, und etwa noch einige nach Analogie anderer
neu gebildete; und wenn jemand etwa ein Buch über die Spiele schriebe, so
brauchte er eigentlich das Wort “Spiel” auch im Titel nicht, sondern als
Titel könnte eine Aufzählung der Namen der einzelnen Spiele stehen. Und
gefragt: Was ist denn aber das Gemeinsame aller dieser Dinge, weshalb
Du sie zusammenfasst? könnte er sagen: ich weiss es nicht in einem Satz
anzugeben, aber Du siehst ja viele Analogien. Im übrigen ist diese
// scheint mir diese// Frage müssig, da ich auch wieder nach Analogien
fortfahrend, durch unmerkbare Stufen, zu Gebilden kommen kann, die nie-
mand mehr im gewöhnlichen Leben “Spiel” nennen wollte. Ich nenne daher
“Spiel” das, was auf dieser Liste steht, wie auch, was diesen Spielen
bis zu einem gewissen (von mir nicht näher bestimmten) Grade ähnlich ist.
Ts-213,68v


Ts-213,69r


69
Im übrigen behalte ich mir vor, in jedem neuen Fall zu entscheiden, ob ich
etwas zu den Spielen rechnen will oder nicht.

     
     
     

     Ebenso verhält es sich nun auch mit dem Begriff der Regel. Nur in ganz
besonderen // speziellen // Fällen handelt es sich uns darum, die Regeln
von etwas abzugrenzen, was nicht Regel ist, und in allen diesen Fällen ist
es leicht, ein unterscheidendes Kriterium zu geben. Das heisst, wir brau-
chen das Wort “Regel” im Gegensatz zu “Wort” “Konfiguration der Steine”
und einigem Andern, und diese Grenzen sind klar gezogen. Dagegen ist es
müssig, Grenzen dort zu ziehen, wo wir sie nicht brauchen. Wir gebrauchen
Wort in bestimmtem Sinne, aber, im Falle einzelliger Lebew[a|e]sen war die
Frage eine Zeit lang schwebend, ob man sie Tiere oder Pflanzen nennen sol-
le, und es liessen sich auch beliebig viel andere Grenzfälle konstruieren,
für die die Entscheidung, ob etwas noch unter den Begriff Pflanze falle,
erst zu treffen wäre. I[x|s]t aber darum die Bedeutung des Wortes “Pflanze”
in allen anderen Fällen verschwommen, sodass man sagen könnte, wir gebrau-
chen das Wort, ohne es zu verstehen? Ja, würde uns eine Definition, die
den Begriff nach verschiedenen Seiten begrenzte, die Bedeutung des Wortes
in allen Sätzen klarer machen, sodass wira auch alle Sätze, in denen es
vorkommt, besser verstehen würden? Offenbar nein.

     
     
     
     

     (Sokrates stellt die Frage, was Erkenntnis sei und ist nicht mit der
Aufzählung von Erkenntnissen zufrieden. Wir aber kümmern uns nicht viel
um diesen allgemeinen Begriff und sind froh, wenn wir Schuhmacherei, Geo-
metrie etc. verstehen.)

     

     Wir glauben nicht, dass nur der ein Spiel versteht, der eine Definition
des Begriffs ‘Spiel’ geben kann.
Ts-213,70r


70
     

     (Ich mache es mir in der Philosophie immer leichter und leichter. Aber
die Schwierigkeit ist, es sich leichter zu machen und doch exakt zu blei-
ben.)
     
     
16
Die Logik redet von Sätzen und Wörtern im gewöhnlichen Sinn, nicht von
Sätzen und Wörtern in irgend einem abstrakten Sinn.







     

     Ich glaube nicht, dass die Logik in einem andern Sinne von Sätzen re-
den kann, als wir für gewöhnlich tun, wenn wir sagen “hier steht ein Satz
aufgeschrieben” oder “nein, das sieht nur aus wie ein Satz, ist aber kei-
ner”, etc. etc.

     

     Die Frage “was ist ein Wort” ist ganz analog der “was ist eine Schach-
figur”.

     

     Wir reden von dem räumlichen und zeitlichen    Phänomen   der
Sprache. Nicht von einem unräumlichen und unzeitlichen Unding. Aber wir
reden von ihr so, wie von den Figuren des Schachspiels, indem wir Regeln
für sie tabulieren, nicht ihre physikalischen Eigenschaften beschreiben .

     

     Wir können in der Philosophie auch keine grössere    Allgemein-
heit
   erreichen, als in dem, was wir in Leben und Wissenschaft sagen
// aussprechen//. ( D.h., auch hier lassen wir alles, wie es ist.)

     

     So ist eine aufsehenerregende Definition der Zahl keine // nicht die//
Sache der Philosophie.
Ts-213,71v


Ts-213,72r


72
     

     Die Philosophie hat es mit den bestehenden Sprachen zu tun und nicht
vorzugeben, dass sie von einer abstrakten Sprache handeln müsse.

     
     

     Wenn ich nämlich über die Sprache — Wort, Satz, etc. — rede, muss ich
die Sprache des Alltags reden, — Aber gibt es denn eine andere?

     

     Ist diese Sprache etwa zu grob, materiell, für das, was wir sagen wol-
len? Und kann es eine andere geben? Und wie merkwürdig, dass wir dann mit
der unseren dennoch // überhaupt// etwas anfangen können.

     

     Dass ich beim Erklären der Sprache (in unserem Sinne) schon die volle
Sprache (nicht etwa eine vorbereitende, vorläufige) anwenden muss, zeigt
schon, dass ich nur Aeusserliches über die Sprache sagen // vorbringen//
kann.

     

     Ja, aber wie können uns diese Ausführungen dann befriedigen? — Nun, Dei-
ne Fragen waren ja auch schon in dieser Sprache abgefasst; mussten in die-
ser Sprache ausgedrückt werden, wenn etwas zu fragen war!

     

     Und Deine Skrupel sind Missverständnisse.

     

     Deine Fragen beziehen sich auf Wörter, so muss ich von Wörtern reden.

     

     Man sagt: Es kommt nicht auf das // auf's // Wort an, sondern auf
seine Bedeutung, und denkt dabei immer an die Bedeutung, als ob sie nun
eine Sache von der Art des Worts wäre, allerdings vom Wort verschieden.
Hier ist das Wort, hier die Bedeutung. (Das Geld, und die Kuh, die man da-
für kaufen kann. Anderseits aber: das Geld, und sein Nutzen.)

Ts-213,73r


73.
     

     Ueber die Sprache sind nicht mehr berechtigt, als ein Schach-
spieler über das Schachspiel hat, nämlich keine. ((Hier ist nicht gemeint
“über den Begriff der Sprache”. Sondern es heisst eher: “sprich ruhig da-
rauf los, wie ein Schachspieler spielt, es kann Dir nichts passieren, Dei-
ne Skrupel sind ja nur Missverständnisse, ‘philosophische’ Sätze.”))
Ts-213,74r


74

     
17
Satz und Satzklang.







     
     

     Bei der Frage nach der allgemeinen Satzform bedenken wir, dass die ge-
wöhnliche Sprache zwar einen bestimmten Satzrythmus hat, aber nicht alles,
was diesen Rythmus hat, ein Satz ist.

      D.h.    wie ein Satz klingt   und keiner ist. — Daher die
Idee vom sinnvollen und unsinnigen ‘   Satz  ’.

     

     Anderseits ist dieser Rythmus aber natürlich nicht wesentlich. Der Aus-
druck “Zucker Tisch”    klingt   nicht wie ein Satz, kann aber doch sehr
wohl den Satz “auf dem Tisch liegt Zucker” ersetzen. Und zwar nicht etwa
so, dass wir uns etwas Fehlendes hinzudenken müssten, sondern, es kommt
wieder nur auf das System an, dem der Ausdruck “Zucker Tisch” angehört.

     

     Es fragt sich also, ob wir ausser diesem irreführenden Satzklang noch
einen allgemeinen Begriff vom Satz haben. (Ich rede jetzt von dem, was
durch [|]&’, ‘V’, ‘C’, zusammengehalten wird.)

     

     /Denken wir uns, wir läsen die Sätze eines Buches verkehrt, die Worte
in umgekehrter Reihenfolge; könnten wir nicht dennoch den Satz verstehen?
Und klänge er jetzt nicht ganz unsatzmässig?/
Ts-213,74v


Ts-213,75r


75
     

     Hat es Sinn, zu sagen: “Ich habe so viele Schuhe, als eine Wurzel
der Gleichung x³ + 2x - 3 = 0 Einheiten hat” ? Hier könnte es scheinen
als hätten wir eine Notation, der wir es eventuell nicht ansehen können,
ob sie Sinn hat oder nicht.


     Wenn der Ausdruck “die Wurzel der Gleichung F(x) = 0” eine Beschreibung
im Russell'schen Sinne wäre, so hätte der Satz “ich habe n Aepfel und
n + 2 = 6” einen andern Sinn, als der: “ich habe 4 Aepfel”.

     Wir haben in dem ersten Satz ein ausserordentlich lehrreiches Beispiel
dafür, wie [s|e]ine Notation auf den ersten Blick einwandfrei erscheinen kann,
nämlich so, als verstünden wir sie; und dass wir in Wirklichkeit einen un-
sinnigen Satz nach Analogie eines sinnvollen gebildet haben und nur
   glauben  , die Regeln des ersteren zu übersehen. So ist “ich habe n
Schuhe und n² = 4” ein sinnvoller Satz; aber nicht “ich habe n Schuhe und
n² = 2”.

     
     
     
18
Was als Satz gelten soll, ist in der    Grammatik   bestimmt.






     

     Die Erklärung, Satz sei alles, was wahr oder falsch sein könne — ist nicht so ganz
unrichtig. Es ist die Form der Wahrheitsfunktion (in welcher Form der
Zeichengebung immer ausgedrückt), die das logische Wesen des Satzes aus-
macht.

     
     

     ‘p’ ist wahr = p. Man gebraucht das Wort “wahr” in Zusammenhängen wie
“was er sagt ist wahr”, das aber sagt dasselbe wie “er sagt ‘p’, und p
ist der Fall”.

     

     “Wahr” und “falsch” sind tatsächlich nur Wörter einer bestimmten Nota-
tion der Wahrheitsfunktion.

     

     Wenn man sagt, Satz sei alles, was wahr oder falsch sein könne, so
heisst das    dasselbe   wie: Satz ist alles, was sich verneinen
lässt.

     

     Wenn wir von dem sprechen, was der Satzform als solcher wesentlich ist,
so meinen wir die Wahrheitsfunktionenfunktion.

Ts-213,77r


77
     

     Man kann natürlich auch nicht/sagen, ‘Satz’ sei dasjenige, wovon man
‘wahr’ und ‘falsch’ aussagen könne, in dem Sinn, als könnte man versuchen,
zu welchen Symbolen die Wörter ‘wahr’ und ‘falsch’ passten und danach ent-
scheiden, ob etwas ein Satz ist. Denn das würde nur dann etwas bestimmen,
wenn diese Worte in einer bestimmten Weise gemeint [i|s]ind, das aber können
sie nur im Zusammenhang sein. //…wenn diese Worte in einer bestimmten
Weise gemeint sind, d.h. bereits eine bestimmte Grammatik haben.// Und eben
im Zusammenhang mit einem Satz. Alles, was man machen kann, ist hier, wie
in allen diesen Fällen, das grammatische Spiel bestimmen, seine Regeln an-
geben und es dabei bewenden lassen.

     

     Was ein Satz ist, wird durch die Grammatik bestimmt. D.h., innerhalb der
Grammatik.

     (Dahin zielte auch meine “allgemeine Satzform”.)

     

     Man kann nicht sagen “dieser Struktur fehlt noch etwas, um ein Satz zu
sein”. Sondern es fehlt ihr etwas, um in    dieser   Sprache ein Satz zu
sein. Wie man sagen kann // Man kann sagen//: dem Zeichenausdruck “2+2 4”
fehlt etwas, um eine Gleichung zu sein.

     

     Den Russen, welche statt “er ist gut” sagen “er gut” geht nichts verlo-
ren, und sie denken sich auch kein Verbum dazu.

     

     Den kompletten Satz zu charakterisieren ist so unmöglich, wie die kom-
plette Tatsache.

     

     Kann man den Begriff des “Satzes” festlegen? oder die allgemeine Form des
Gesetzes? — Warum nicht! Wie man ja auch den Begriff ‘Zahl’ festlegen könn-
te, etwa durch das Zeichen “/0,x, x+1/”. Es steht mir ja frei, nur das Zahl
Ts-213,77v


Ts-213,78r


78
zu nennen; und so steht es mir auch [¿c¿|f]rei, eine analoge Vorschrift zur Bil-
dung von Sätzen oder Gesetzen zu geben und das Wort “Satz” oder “Gesetz”
als ein Aequivalent dieser Vorschrift zu gebrauchen. Wehrt man sich dagegen
und sagt, es sei doch klar, dass damit nur gewisse Gesetze von andern abge-
grenzt worden seien, so antworte ich: Ja, Du kannst freilich nicht eine
Grenze ziehen, wenn Du von vornherein entschlossen bist, keine anzuerken-
nen! — Sollen die “Sätze” den unendlichen logischen Raum erfüllen, so kann
von keiner allgemeinen Satzform die Rede sein. Es fragt sich dann natür-
lich: Wie gebrauchst Du nun das Wort “Satz”? im Gegensatz wozu? Etwa im
Gegensatz zu “Wort”, “Satzteil”, “Buchteil”, Erzählung”, etc..

     

     (Ein Satz, der von allen Sätzen oder allen Funktionen handelt. Was stellt
man sich darunter vor? // Was meint man damit? // Es wäre wohl ein Satz der
Logik. Denken wir nun daran, wie der Satz non2n p = p bewiesen wird.)


     

     Wenn ich “es verhält sich so und so” als allgemeine Satzform gelten las-
se, dann muss ich 2+2 = 4 unter die Sätze rechnen, denn es ist grammatisch
richtig, zu sagen: “es verhält sich so, dass 2+2 gleich 4 ist”. Es braucht
weitere Regeln, um die Sätze der Arithmetik auszuschliessen.

     

     Falsche Ideen über das Funktionieren der Sprache: Broad, der sagte, et-
was    werde   eintreffen, sei kein Satz. Was spricht man dieser Aussage
damit ab? Etwas anderes, als, dass sie Gegenwärtiges oder Vergangenes be-
schreibt
? — Die Magie mit Wörtern. Ein solcher Satz, wie der Broads, kommt
mir so vor, wie ein Versuch, eine chemische Aenderung magisch zu bewirken;
indem man den Substanzen, quasi, zu verstehen gibt, was sie tun sollen
(wenn man etwa Eisen in Gold überführen wollte, indem man ein Stück Eisen
mit der rechten und zugleich ein Stück Gold mit der linken Hand fasste).
Ts-213,78v


Ts-213,79r


79

     
19
Die grammatischen Regeln bestimmen den Sinn des Satzes; und ob eine
Wortzusammenstellung Sinn hat oder nicht.







     

     Man könnte sagen: “Wie mach ich's denn, um ein Wort immer richtig anzu-
wenden, schau ich immer in der Grammatik nach? Nein, dass ich etwas mei-
ne — was ich meine, hindert mich Unsinn zu sagen.<> Aber was meine ich
denn? Ich sage: ich rede vom Teilen eines Apfels, aber nicht vom Teilen
der Farbe Rot, weil ich beim “Teilen eines Apfels” mir etwas denken kann,
etwas vorstellen, etwas wollen kann; beim Ausdruck “Teilen einer Farbe”
nicht. Und ist es etwa so dass man bei diesem Wort nur noch keine Wirkung
auf andere Menschen beobachtet hat?!

     
     
     
     




     

     “Woher weiss ich, dass Rot nicht teilen kann?” — Die Frage selbst
heisst nichts. Ich möchte sagen: Ich Man muss mit der Unterscheidung von Sinn
und Unsinn    anfangen  . Vor ihr ist nichts möglich. Ich kann sie
nicht begründen.

     

     Welcher Art sind die Regeln, welche sagen, dass die und die Zusam-
menstellungen von Wörtern keinen Sinn haben? Sind sie von der Art derjeni-
gen Vorschriften welche sagen, dass es keine Spielstellung im Schach
ist, wenn zwei Figuren auf dem gleichen Feld stehen, oder wenn eine Figur
Ts-213,79v


Ts-213,80r


80
auf der Grenze zwischen zwei Feldern steht, etc.? Diese Sätze sind wieder
wie gewisse Handlungen, ?—wie wenn man etwa ein Schachbrett —? aus einem grös-
seren Stück karierten Papiers herausschneidet. Sie ziehen eine Grenze. —
Was heisst es denn, zu sagen: “diese Wortzusammenstellung heisst nichts”.
Von einem Namen kann man sagen “diesen Namen habe ich niemandem gegeben”
und das Namengeben ist eine bestimmte Handlung ( umhängen eines Täfelchens).

     Denken wir an Darstellung einer Reise auf der Erde durch eine Linie
in der Projektion der zwei Halbkugeln und dass wir sagen: ein Linienstück,
das auf der Zeichenebene die Grenzkreise der Projektionen verlässt, ist
in dieser Darstellung sinnlos. Man könnte auch sagen: nichts ist darüber
ausgemacht worden.

     


     Gesichtsraum und Retina. Es ist, wie wenn man eine Kugel orthogonal auf
eine Ebene projiziert, etwa in der Art, wie die beiden Halbkugeln der Erde
in einem Atlas dargestellt werden, und nun könnte einer glauben, dass, was
auf der Ebene ausserhalb der beiden Kugelprojektionen vor sich geht, im-
merhin noch einer möglichen Ausdehnung dessen entspricht, was sich auf der
Kugel befindet. Hier wird eben ein    kompletter Raum   auf ei-
nen    Teil   eines andern Raumes projiziert; und analog ist es mit den
Grenzen der Sprache im Wörterbuch. // in der Grammatik.//

     
Ts-213,80v


Ts-213,81r


81


     
20
Der Sinn des Satzes keine    Seele  .







     

     Die Methode des Messens, z.B. des räumlichen Messens, verhält sich zu
einer bestimmten Messung genau so, wie der Sinn eines Satzes zu seiner
Wahr- oder Falschheit.

     
     

     Der Sinn eines des Satzes ist nicht pneumatisch, sondern ist das, was auf
die Frage nach der Erklärung des Sinnes zur Antwort kommt. Und — oder —
der eine Sinn unterscheidet sich vom andern, wie die Erklärung des einen
von der Erklärung des andern.

     

     Welche Rolle der Satz im Kalkül spielt, das ist sein Sinn.

     

     Der Sinn (also) nicht    hinter   ihm (wie der psychische Vor-
gang der Vorstellung etc.).

     

     Was heisst es denn: “entdecken, dass ein Satz keinen Sinn hat”?

     Und was heisst das: “wenn ich etwas damit meine, muss es doch Sinn ha-
ben”?

     “Wenn ich etwas damit meine …” — wenn ich    was   damit meine?!

Ts-213,81v


Ts-213,82r


82
     

     Was heisst es: “Wenn ich mir etwas dabei vorstellen kann, muss es doch
Sinn haben”?

     Wenn ich mir    was   dabei vorstellen kann? Das, was ich sage? sagte? — Das
heisst nichts. // Dann heisst dieser Satz nichts. // — Und ‘Etwas’? Das
würde heissen: Wenn ich die Worte auf diese Weise benützen kann, dann haben
sie Sinn. Oder eigentlich: wenn ich sie zum Kalkulieren benütze, dann haben
sie Sinn.

     

     Man könnte auch so fragen: Ist der ganze Satz nur ein unartikuliertes
Zeichen, in dem ich erst nachträglich Aehnlichkeiten mit anderen Sätzen er-
kenne?
     Das wäre etwa so, wenn jeder Satz eine Droge // Medizin // mit bestimm-
ter Wirkung wäre und man käme erst nachträglich durch Analyse darauf, dass
zwei Medizinen gewisse Ingredientien mit einander gemein hätten.

     

     Ja, man könnte unsere Frage in einer sehr elementaren Form stellen: Wa-
rum eine Sprache nicht mit bloss einem Wort möglich ist // auskommen könn-
te//, da es ja doch vorkommt, dass ein Wort (in einer Sprache) mehrere
Bedeutungen hat. (Warum also nicht alle?)

Ts-213,82v


Ts-213,83r


83

     
21
Aehnlichkeit von Satz und Bild.








,
     

     In welchem Sinne kann ich sagen, der Satz sei ein Bild? Wenn ich da-
rüber denke, möchte ich sagen: er muss ein Bild sein, damit er mir zeigen
kann, was ich tun soll, damit ich mich nach ihm richten kann. Aber, dann willst Du // also // bloss sagen, dass Du Dich nach dem Satz richtest
in demselben Sinne, in dem Du Dich nach einem Bild richtest.


     

     Ist jedes Bild ein Satz? Und was heisst es, etwa zu sagen, dass jedes
als ein Satz gebraucht werden kann?

     

     Ich kann die Beschreibung des Gartens in ein gemaltes Bild, das Bild
in eine Beschreibung übersetzen.

     

     Zu sagen, dass der Satz ein Bild ist, hebt gewisse Züge in der Gramma-
tik des Wortes “Satz” hervor.

     

     Das Denken ist ganz dem Zeichen von Bildern zu vergleichen.
     Man kann aber auch sagen: Das Denken ist (wesentlich) mit keinem Vor-
gang zu vergleichen und was wie ein Vergleichsobjekt scheint, ist in
Ts-213,84r


84
Wirklichkeit ein Beispiel.

     

     Wenn ich den Satz mit einem Masstab verglichen habe, so habe ich,
strenggenommen, nur einen Satz, der mit Hilfe eines Masstabes die Länge
eines Gegenstands // eine Länge // aussagt beschreibt aussagt, als Beispiel
für alle Sätze herangezogen. // als Beispiel eines Satzes herangezogen.//

     

     Wenn man die Sätze als Vorschriften auffasst, um Modelle zu bilden,
wird ihre Bildhaftigkeit noch deutlicher.

     

     Die Sprache muss von der Mannigfaltigkeit eines Stellwerks sein, das
die Handlungen veranlasst, die ihren Sätzen entsprechen.

     

     Die Uebereinstimmung von Satz und Wirklichkeit ist der Uebereinstimmung
zwischen Bild und Abgebildetem nur so weit ähnlich, wie der Uebereinstim-
mung zwischen einem Erinnerungsbild und dem gegenwärtigen Gegenstand.

     

     Der Satz ist der Tatsache so ähnlich wie das Zeichen ‘5’ dem Zeichen
‘3+2’. Und das gemalte Bild der Tatsache , wie ‘!!!!!’ dem Zeichen
‘!!+!!!’.

     

      Z.B. a, b, c, d bedeuten Bewegungen und zwar a= , b= , c= ,
d= . Also heisst z.B. bccbda der Linienzug
. Nun, ist der
Satz “bccb ” nicht ähnlich jenem Linienzug? Offenbar ja, in gewisser
Weise. (Ist es nicht genau die Aehnlichkeit einer Photographie und des photographierten Gegenstandes?)
Ts-213,84v


Ts-213,85r


85

     
22
Sätze mit Genrebildern verglichen.

( Verwandt damit: Verstehen eines Bildes.)







     

     Wie ist es mit den Sätzen, die in Dichtungen vorkommen. Hier kann doch
gewiss von einer Verifikation nicht geredet werden und doch haben diese
Sätze Sinn. Sie verhalten sich zu den Sätzen, für die es (eine) Verifika-
tion gibt, wie ein Genrebild zu einem Portrait. Und dieses Gleichnis dürf-
te wirklich die Sache vollständig darstellen.

     


     

     Wenn ich ein Bild anschaue, so sagt es mir etwas, auch wenn ich keinen
Augenblick glaube (mir einbilde), die Menschen seien wirklich oder es ha-
be wirkliche Menschen gegeben, von denen dies ein verkleinertes Bild sei.
Es sagt mir etwas” kann aber hier nur heissen, es bringt eine bestimmte
Einstellung in mir hervor.”

     Denn wie, wenn ich fragte: “   was   sagt es mir denn?

     

     Meine Stellung gegen das Bild ist auch keine hypothetische, so dass ich
mir etwa sagte “wenn es solche Menschen gäbe, dann …”

     

     Wenn ich ein Genrebild ansehe, so halte ich die gemalten Menschen darin
nicht für wirkliche Menschen, andererseits ist ihre Aehnlichkeit mit Men-
schen für das Verständnis des Bildes wesentlich.
Ts-213,86r


86
     

     Wenn man es für selbstverständlich hält, dass sich der Mensch an
seiner Phantasie vergnügt, so bedenke man, dass diese Phantasie nicht
wie ein gemaltes Bild oder ein plastisches Modell ist, sondern ein kom-
pliziertes Gebilde aus heterogenen Bestandteilen: Wörtern und Bildern.
Man wird dann das Operieren mit Schrift- und Lautzeichen nicht mehr in
Gegensatz stellen zu dem Operieren mit “Vorstellungsbildern” der Ereig-
nisse.

     

     Die Illustration in einem Buch ist dem Buch nichts fremdes, sondern
gesellt sich hinzu wie ein verwandter Behelf einem andern, — wie etwa
eine Reibahle dem Bohrer.

     (Wenn einen die Hässlichkeit eines Menschen abstösst, so kann sie im
Bild, im gemalten, gleichfalls abstossen, aber auch in der Beschreibung,
in den Worten.)

Ts-213,87r


87

     
23
Mit dem Satz scheint die Realität wesentlich übereinstimmen oder nicht
übereinstimmen zu können. Er scheint sie zu fordern, sich mit ihm zu
vergleichen.







     

     “Meine Erwartung ist so gemacht, dass, was immer kommt, mit ihr über-
einstimmen muss, oder nicht.”

     

     Der Satz ist als Richter hingestellt und wir fühlen uns vor ihm verant-
wortlich.

     

     Ich sage, die Hand über demn Tisch haltend, “ich wollte, dieser Tisch
wäre so hoch”. Nun ist das Merkwürdige: die Hand über dem Tisch an und
für sich drückt gar nichts aus. D.h., sie ist eine Hand über einem Tisch,
aber kein Symbol (wie der Pfeil, der etwa die Gehrichtung anzeigen soll,
an sich nichts ausdrückt).

     

     “Die Hand zeigt dahin”. Aber in wiefern zeigt sie dahin? einfach, weil
sie sich in einer Richtung verjüngt? (Zeigt ein Nagel in die Wand?) D.h.,
ist es dasselbe zu sagen “sie zeigt etc.” oder und “sie verjüngts sich in
dieser Richtung”?
Ts-213,88r


88
     

     Man kann eine Lehne auf das Mass eines Körpers einstellen, vorberei-
ten. Dann liegt in dieser Einstellung zwar das eingestellte Mass, aber in
keiner Weise, dass ein bestimmter Körper es hat. Ja vor allem liegt darin
keine Annahme darüber, ob der Körper dieses Mass hat, oder nicht hat.

     

     Ich sagte, der Satz wäre wie ein Masstab an die Wirklichkeit angelegt:
Aber der Masstab ist, wie alle Gleichnisse des Satzes, ein be-
sonderer Fall eines Satzes. Und auch er bestimmt nichts, solange man
nicht mit ihm misst. Aber Messen ist Vergleichen (und muss heissen, Ueber-
setzen).

     

     Man möchte sagen: Lege den Masstab an einen Körper an; er sagt nicht,
dass der Körper so lang ist. Vielmehr ist er an sich tot und
leistet nichts von dem, was der Gedanke leistet. Es ist, als hätten wir
uns eingebildet, das Wesentliche am lebenden Menschen sei die äussere Ge-
stalt, und hätten nun einen Holzblock von</>dieser Gestalt hergestellt und
sähen mit Enttäuschung den toten Klotz, der auch keine Aehnlichkeit mit
dem Leben hat.

     

     Man könnte sagen, “die Erwartung ist kein Bild, sie bedient sich nur
eines Bildes<>. Ich erwarte etwa, dass meine Uhr jetzt auf 7 zeigen wird
und drücke dies durch ein Bild der Zeigerstellung aus. Dieses Bild kann
ich nun mit der wirklichen Stellung vergleichen; die Erwartung aber
nicht.

     

     Mein Gedanke ist immer: wenn einer die Erwartung sehen könnte, dass er
sehen // erkennen// müsste, was erwartet wurde.
     


     
      Gut, ich sage: wenn ich meine Uhr herausziehe, wird sie mir jetzt ent-
weder    dieses   Bild der Zeigerstellung bieten, oder nicht. Aber wie
Ts-213,88v


Ts-213,89r


89
kann ich es ausdrücken, dass ich mich für eine dieser Annahmen entschei-
de?
      Jeder Gedanke ist der Ausdruck eines Gedankens.

     

     Ich könnte mein Problem so darstellen: Wenn ich untersuchen wollte, ob
die Krönung Napoleons so und so stattgefunden hat, so könnte ich mich da-
bei, als einer Urkunde, des Bildes bedienen, statt einer Beschreibung. Und
es frägt sich nun, ist die ganze Vergleichung der Urkunde mit der Wirk-
lichkeit von der Art, wie der Vergleich der Wirklichkeit mit dem Bild, oder gibt es dabei noch etwas Andres, von andrer Art?

     

     Aber womit soll man die Wirklichkeit vergleichen, (:) als mit dem Satz?
Und was soll man andres tun, (:) als sie mit ihm zu vergleichen?

     

     Wenn man das Beispiel von dem, durch Gebärden mitgeteilten Befehl be-
trachtet, möchte man einerseits immer sagen: Ja, dieses Beispiel ist eben
unvollkommen, die Gebärdensprache zu roh, darum kann sie den beabsichtig-
ten Sinn nicht vollständig ausdrücken” — aber tatsächlich ist sie so gut
wie jede denkbare andere, und erfüllt ihren Zweck so vollständig, wie es
überhaupt denkbar ist.

     (Es ist eine der wichtigsten Einsichten, dass es keine Verbesserung
der Logik gibt.)

     
     

     Der Befehl kommt uns unvollständig vor. Es scheint uns, als
wäre etwa nur angedeutet, was nicht ausgesprochen ist.

     
      Angedeutet aber ist etwas nur insofern, als ein System nicht ausdrück-
lich, oder unvollkommen festgelegt ist. Wir möchten sagen, es sei uns un-
vollkommen angedeutet oder, das Zeichen suggeriere nur undeutlich, was
Ts-213,89v


Ts-213,90r


90
wir zu tun hätten. Es sei etwa in dem Sinn undeutlich, wie eine Tafel mit
der Aufschrift “Links Gehen” deutlicher wird, wenn zugleich ein Pfeil die
Richtung zeigt. // Es sei etwa undeutlich in dem Sinn, in welchem wir der
Deutlichkeit halber Zeichen ausführlicher geben.//
     
     

     Aber für uns ist der Befehl deutlich, der unzweideutig ist; und einen
deutlicheren gibt es nicht.

     

     Eindeutig aber kann er nur werden, dadurch, dass in dem System von Be-
fehlen eine Unterscheidung gemacht wird, die, wenn sie fehlt, eben die
Zweideutigkeit hervorruft. (Wenn also das System die richtige Mannigfal-
tigkeit erhält.)

     

     Was, in der Logik, nicht nötig ist,    hilft   auch nicht. //… ist
auch nicht von Nutzen.//

     Was nicht nötig ist, ist überflüssig.


     

     Die Unbeholfenheit, mit der das Zeichen wie ein Stummer durch allerlei
suggestive Gebärden sich verständlich zu machen sucht, verschwindet, wenn
wir erkennen, dass das Wesentliche am Zeichen das System ist, dem es zu-
gehört und sein übriger Inhalt wegfällt.

Ts-213,90v


Ts-213,91r


91


     
24
Das Symbol (der Gedanke), scheint als solches unbefriedigt zu sein.






     
     
     
     
     

     Jedes Symbol scheint als solches etwas offen zu lassen.

     

     Der Plan ist als Plan etwas Unbefriedigtes. (Wie der Wunsch, die Er-
wartung, die Vermutung u.s.f..)


     Ich möchte manchmal mein Gefühl dem Plan gegenüber als eine Innerva-
tion bezeichnen. Aber auch die Innervation an sich ist nicht unbefriedigt,
ergänzungsbedürftig.

     

     In wiefern kann man den Wunsch als solchen, die Erwartung ‘unbefrie-
digt’ nennen? Was ist das Urbild // Vorbild// der Unbefriedigung? Ist es
der leere Hohlraum (in den etwas hineinpasst)? Und würde man von einem
leeren Raum sagen, er sei unbefriedigt? Wäre    das   nicht auch eine Me-
tapher? Ist es nicht ein gewisses Gefühl, das wir Unbefriedigung nennen?
Etwa der Hunger. Aber der Hunger enthält nicht das Bild seiner Befriedi-
gung.

     

     Die Hohlform ist nur unbefriedigt in dem System, in dem auch die ent-
sprechende Vollform vorkommt. // … in dem auch die Vollform vorkommt.//
Ts-213,91v


Ts-213,92r


92
     

     Ich meine man kann das Wort “unbefriedigt” nicht schlechtweg von ei-
ner Tatsache gebrauchen. Es kann aber in einem System eine Tatsache be-
schreiben helfen. Ich könnte z.B. festsetzen, dass ich den Hohlzylinder
‘den unbefriedigten Zylinder’ nennen werden, den entsprechenden Vollzy-
linder,    seine   Befriedigung.

     

     Aber man kann nicht sagen, dass der Wunsch ‘p möge der Fall sein’,
durch die Tatsache p befriedigt wird, es sei denn als Zeichenregel:
/der Wunsch p möge der Fall sein/ =
/der Wunsch, der durch die Tatsache p befriedigt wird/.

     
     
     

Ts-213,92v


Ts-213,93r


93

     
25
Ein Satz ist ein Zeichen in einem System von Zeichen. Er ist eine Zeichen-
verbindung von mehreren möglichen und im Gegensatz zu den andern möglichen.

Gleichsam eine Zeigerstellung im Gegensatz zu andern möglichen.








Wort nur im Satzzusammenhang Bedeutg..
Satz Komplex.


     

     Einen Satz verstehen heisst, eine Sprache verstehen.

     

     Jeder Satz einer Sprache hat nur Sinn im Gegensatz zu anderen Wortzusam-
menstellungen derselben Sprache.

     

     Wenn ein Satz nicht    eine   mögliche Verbindung unter anderen wäre, so
hätte er keine Funktion.

      D.h.: Wenn ein Satz nicht das Ergebnis einer Entscheidung wäre, hätte er
nichts zu sagen.
     
     

     Denken ist Pläne machen.

     Wenn Du Pläne machst, so machst Du    ein[¿n¿|e]n   Plan zum Unterschied von
// im Gegensatz zu // andern Plänen.

     

      im Gegensatz zu ist ein anderes Zeichen als im Gegensatz zu

Ts-213,94r


94
     

     “Geh so      nicht so     ” hat nur Sinn, wenn es die Richtung ist, die
dem Pfeil hier wesentlich ist, und nicht, etwa nur die Länge.

     

     Man muss wissen, worauf im Zeichen man zu sehen hat. Etwa: auf welcher
Ziffer der Zeiger steht, nicht darauf, wie lange er ist.

     

     “Geh' in der Richtung, in der der Zeiger zeigt”.

     “Geh' so viele Meter in der Sekunde, als der Pfeil cm lang ist”.

     “Mach' so viele Schritte, als ich Pfeile zeichne”.

     “Zeichne diesen Pfeil nach”.
Für jeden dieser Befehle kann der Gleiche Pfeil stehen. ---

     

     “Ich muss auf die Länge achten”. “ich muss auf die Richtung achten”, das
heisst schon: auf die Länge im Gegensatz zu anderen, etc..

     

     Wie soll ich mich nach der Uhr richten? Wie kann ich mich nach diesem
Bild    richten  ? (Wie nach jedem andern.)

     

     Es zeigt mir jemand zum ersten Mal eine Uhr und will, dass ich mich
nach ihr richte. Ich frage nun: worauf soll ich bei diesem Ding achten.
Und er sagt: auf die Stellung der Zeiger.

     

     Natürlich, das Zeichen eines Systems bezeichnet es nur im Gegensatz zu
anderen Systemen und setzt selbst ein System voraus. (Interne Relation,
die nur besteht, wenn ihre Glieder da sind.)

Ts-213,95r


95

     
26
Sich vorstellen können, <>wie es wäre,<> als Kriterium dafür, dass ein Satz
Sinn hat.







     

     Was heisst es, wenn man sagt: “ich kann mir das Gegenteil davon nicht
vorstellen”, oder “wie wäre es denn, wenn's anders wäre”; z.B. wenn je-
mand gesagt hat, dass meine Vorstellungen privat seien, oder dass nur ich
selbst wissen kann, ob ich Schmerzen empfinde, und dergleichen.

     

     Wenn ich mir nicht vorstellen kann, wie es anders wäre, so kann ich
mir auch nicht vorstellen, wie es    so   sein kann.

     “Ich kann mir nicht vorstellen” heisst nämlich hier nicht, was es im
Satz “ich kann mir keinen Totenkopf vorstellen” heisst. Ich will damit
nicht auf eine mangelnde Vorstellungskraft deuten.

     

     ˇUeberlege: “Ich habe tatsächlich nie gesehen, dass ein schwarzer Fleck nach und
nach immer heller wird, bis er weiss ist, und dann immer [t|r]ötlicher, bis
er rot ist; aber ich weiss, dass es möglich ist, weil ich es mir vorstel-
len kann. D.h., ich operiere mit meinen Vorstellungen im Raume der Farben
und tue mit ihnen, was mit den Farben möglich wäre.”

Ts-213,95v


Ts-213,96r


96
     

     Es scheint, als könnte man sagen : Die Wortsprache lässt un-
sinnige Ausdrücke zu, die Sprache der Vorstellung aber nicht unsinnige Vor-
stellungen. (Natürlich kann das, so wie es da steht, nichts heissen.)

     
     

     Was heisst es denn “entdecken, dass ein Satz keinen Sinn hat”? Oder fra-
gen wir so: Wie kann man denn die Unsinnigkeit eines Satzes (etwa: “die-
ser Körper ist ausgedehnt”) dadurch bekräftigen, dass man sagt: “Ich kann
mir nicht vorstellen, wie es anders wäre”?

     Denn, kann ich etwa versuchen, es mir vorzustellen? Heisst es nicht: Zu
sagen, dass ich es mir vorstelle, ist sinnlos? Wie hilft mir dann also die-
se Umformung von einem Unsinn in einen andern? — Und warum sagt man gerade:
“ich kann mir nicht vorstellen, wie es    anders   wäre”? und nicht —
was doch auf dasselbe hinauskommt — “ich kann mir nicht vorstellen, wie das
wäre”?

     Man erkennt scheinbar in dem unsinnigen Satz etwas, wie eine Tautologie,
zum Unterschied von einer Kontradiktion. Aber das ist ja auch falsch. — Man
sagt gleichsam: “Ja, es // er // ist ausgedehnt, aber wie könnte es denn
anders sein? also, wozu es sagen?”

     Es ist dieselbe Tendenz, die uns auf den Satz “dieser Stab hat eine be-
stimmte Länge” nicht antworten lässt “Unsinn!”, sondern “Freilich!”.

     Was ist aber der Grund (zu) dieser Tendenz? Sie könnte auch so be-
schrieben werden: wenn wir die beiden Sätze “dieser Stab hat eine Länge”
und seine Verneinung “dieser Stab hat keine Länge” hören, so sind wir par-
teiisch und neigen dem ersten Satz zu (statt beide für Unsinn zu erklären).

     Der Grund hievon ist aber eine Verwechslung: Wir sehen den ersten Satz
verifiziert (und den zweiten falsifiziert) dadurch, “dass der Stab 4 m hat”.
Und man wird sagen: “und 4 m ist doch eine Länge” und vergisst, dass man
hier einen Satz der Grammatik hat.

     

     Warum sieht man es als Beweis dafür an, dass ein Satz Sinn hat, <:> dass ich
Ts-213,97r


97
mir, was er sagt, vorstellen kann? Ich könnte sagen: Weil ich diese Vor-
stellung mit einem dem ersten verwandten Satz beschreiben müsste.

     

     Könnte ich durch eine Zeichnung darstellen, wie es ist, wenn es sich so
verhält, wenn es keinen Sinn hätte, zu sagen “es verhält sich so”?

     Zu sagen, “ich kann aufzeichnen wie es ist, wenn es sich so verhält” ist
hier eine grammatische Bestimmung über den betrachteten Satz (denn ich will
ja nicht sagen,    ich   könne es zeichnen, etwa weil ich zeichnen gelernt
habe u.s.w.). Wie wenn ich sagte: “ist das kein Spiel, da ich doch darin
gewinnen und verlieren kann?” — Nun, wenn das Dein Kriterium eines Spieles
ist, dann ist es ein Spiel.

     

     “Ich Weiss, dass es möglich ist, weil …” Diese Ausdrucksform ist von
Fällen hergenommen, wie: “Ich weiss, dass es möglich ist, die Tür mit die-
sem Schlüssel aufzusperren, weil ich es schon einmal getan habe”. Vermute
ich also in    dem   Sinn, dass dieser Farbenübergang möglich sein wird,
weil ich mir ihn vorstellen kann?! Muss es nicht vielmehr heissen: der
Satz “der Farbenübergang ist möglich” heisst dasselbe wie der: “ich kann
ihn mir vorstellen”, oder: der erste Satz    folgt   aus dem zweiten? — Wie ist es damit: “Das ABC    lässt   sich laut hersagen,    weil   ich
es mir im Geiste vorsagen kann”?

     “Ich kann mir vorstellen, wie es wäre”, oder — was wieder ebenso gut
ist — : “ich kann es aufzeichnen, wie es wäre, wenn p der Fall ist” gibt
eine    Anwendung   des Satzes. Es sagt etwas über den Kalkül, in wel-
chem wir p verwenden.
Ts-213,97v


Ts-213,98r


98

     
27
“Logische Möglichkeit und Unmöglichkeit”. — Das Bild des ‘Könnens’ ultra-
physisch angewandt. Aehnlich: “Das ausgeschlossene Dritte”.)







     

     Wenn man sagt, die Substanz ist unzerstörbar, so    meint   man, es
ist sinnlos, in irgend einem Zusammenhang — bejahend oder verneinend — von
dem “Zerstören einer Substanz” zu reden.

     
     
     

     Ich versuche etwas, kann es aber nicht. — Was heisst es aber: “etwas
nicht versuchen können”?

     “Wir können auch nicht einmal    versuchen  , uns ein rundes Vier-
eck vorzustellen”.

     

     Logische Möglichkeit und Sinn. Kann man fragen: “wie müssen die gramma-
tischen Regeln für die Wörter beschaffen sein, damit sie einem Satz Sinn geben”?

     

     Der Gebrauch des Satzes, das ist sein Sinn.

     

     Ich sage z.B. “auf diesem Tisch steht jetzt keine Vase, aber es könnte
eine da stehn; dagegen ist es sinnlos // unsinnig// zu sagen, der Raum
könnte vier Dimensionen haben.” Aber wenn der Satz dadurch sinnvoll wird,
dass er mit den grammatischen Regeln im Einklang ist, nun, so machen wir
Ts-213,98v


Ts-213,99r


99
eben die Regel, die den Satz, unser Raum habe vier Dimensionen, erlaubt.
Wohl, aber damit ist nun die Grammatik dieses Ausdrucks noch nicht festge-
legt. Nun müssen erst noch weitere Bestimmungen darüber gemacht // [¿v¿|g]etrof-
fen// werden, wie ein solcher Satz zu gebrauchen ist, wie er etwa verifi-
ziert wird.

     

     Wenn man auch den Satz als Bild des beschriebenen Sachverhalts auf-
fasst und sagt, der Satz zeige eben wie es ist, wenn er wahr wäre, er zei-
ge also die Möglichkeit des behaupteten Sachverhalts, so kann der Satz
doch bestenfalls tun, was ein gemaltes oder modelliertes Bild tut, und er
kann also jedenfalls nicht das hinstellen // erzeugen //, was
nicht der Fall ist. Also hängt es ganz von unserer Grammatik ab, was mög-
lich genannt wird und was nicht, nämlich eben, was sie zulässt. Aber das
ist doch willkürlich! — Gewiss, aber nicht mit jedem Gebilde kann ich et-
was anfangen; d.h.: nicht jedes Spiel ist nützlich und wenn ich versucht
bin, etwas ganz als Satz zuzulassen, so geschieht es, weil ich
mich durch eine Analogie dazu verleiten lasse und nicht sehe, dass mir für
meinen Satz noch die wesentlichen Regeln der Anwendung fehlen. So ist es
z.B., wenn man von einer unendlichen Baumreihe redet und sich fragt,
wie es denn zu verifizieren sei, dass eine Baumreihe unendlich ist, und
was etwa die Beziehung dieser Verifikation zu der des Satzes “die Baumrei-
he hat 100 Bäume” ist.

Ts-213,100r


100


     
28
Elementarsatz.







     

     Kann ein logisches Produkt in einem Satz verborgen sein? Und wenn, wie
erfährt man das, und was für Methoden haben wir, das im Satz Verborgene
ans Tageslicht zu ziehen? Haben wir noch keine Methode, (es zu
finden,
) dann können wir auch nicht davon reden, dass etwas verborgen ist,
oder verborgen sein könnte. Und haben wir eine Methode des Suchens, so
kann das logische Produkt im Satz nur so verborgen sein, wie es
etwa . Denn, das verborgene logische Produkt finden, ist
eine mathematische Aufgabe.


     

     Also ist Elementarsatz ein solcher, der sich in dem Kalkül, wie ich
jetzt benütze, nicht als Wahrheitsfunktion anderer Sätze darstellt.

     

     Die Idee, Elementarsätze zu konstruieren (wie dies z.B. Carnap ver-
sucht hat), beruht auf einer falschen Auffassung der logischen Analyse.
Problem dieser Analyse eine    Theorie  
der Elementarsätze zu finden.
Ts-213,101r


101
Mechanik z.B., geschieht, wenn eine Anzahl von Grundgesetzen gefunden
wird, aus denen das ganze System von Sätzen hervorgeht.


     

     Meine Auffassung war falsch: weil ich mir über den Sinn
der Worte “in einem Satz iste ein logisches Produkt    versteckt  “
(und ähnlicher) nicht klar war, weil auch ich dachte, die logi-
sche Analyse müsse verborgene Dinge an den Tag bringen (wie es die chemi-
sche und physikalische tut).

     

     Man kann den Satz “dieser Ort ist jetzt rot” (oder “dieser Kreis ist
jetzt rot”, etc.) einen Elemen[f|t]arsatz nennen, wenn man damit sagen will,
dass er weder eine Wahrheitsfunktion anderer Sätze ist, noch als solche de-
finiert (ist?). (Ich sehe hier von Verbindungen der Art p & (q .⌵. non-q) und
analogen ab.)

     Aus “a ist jetzt rot” folgt aber “a ist jetzt nicht grün” und die Ele-
mentarsätze in diesem Sinn sind also nicht von einander unabhängig, wie die
Elementarsätze in meinem seinerzeit beschriebenen Kalkül, von dem ich an-
nahm, der ganze Gebrauch der Sätze müsse sich auf ihn <…> zurückführen
lassen; — verleitet durch einen falschen Begriff von diesem “zurückführen” // von dieser Zurückführung//.
Ts-213,101v


Ts-213,102r


102


     
     
29
“Wie ist die Möglichkeit von p in der Tatsache, dass non-p der Fall ist,
enthalten?”

“Wie enthält z.B. der schmerzlose Zustand die Möglichkeit der Schmerzen?”









     
     

                 Fähigkeit voraus Schmerzen zu fühlen und das kann keine “ physiologische
Fähigkeit ” sein, — denn wie wüsste man sonst, wozu es die Fähigkeit ist —
sondern eine logische Möglichkeit. — Ich beschreibe meinen gegenwärtigen
Zustand durch die Anspielung auf Etwas, was nicht der Fall ist. Wenn diese
Hinweisung zu der Beschreibung nötig ist (und nicht bloss eine Verzierung),
so muss in meinem gegenwärtigen Zustand e[g|t]was liegen, was diese Erwähnung
(Hinweisung) nötig macht. Ich vergleiche diesen Zustand mit einem anderen,
also muss er mit ihm vergleichbar sein. Er muss auch im Schmerzraum liegen,
wenn auch an einer andern Stelle. — Sonst würde mein Satz etwa heissen, mein
gegenwärtiger Zustand hat mit einem schmerzhaften    nichts zu tun  ;
etwa, wie ich sagen würde, die Farbe dieser Rose hat mit der Eroberung Gal-
liens durch Cäsar nichts zu tun. D.h. es ist kein Zusammenhang vorhanden.
Aber ich meine gerade, dass zwischen meinem jetzigen Zustand und einem
schmerzhaften ein Zusammenhang besteht.” Ich    meine   nur, was ich sage.

     In wiefern ist aber Schmerzlosigkeit ein    Zustand  . Was nenne ich
einen “Zustand”?
Ts-213,103r


103
     
      Wenn ich sage, ich habe heute Nacht    nicht   geträumt, so muss ich
doch wissen, wo nach dem Traum zu suchen wäre ( d.h., der Satz “ich habe ge-
träumt” darf, auf die Situation angewendet, nur falsch, aber nicht unsinnig
sein.

     Ich drücke die gegenwärtige Situation durch eine Stellung — die negati-
ve — der Signalscheibe “Träume — keine Träume” aus. Ich muss sie aber trotz
ihrer negativen Stellung von andern Signalscheiben unterscheiden können. Ich
muss wissen, dass ich    diese   Signalscheibe in der Hand habe.

     Man könnte nun fragen: Heisst das, dass Du doch etwas gesprüt gespürt
hast, sozusagen die Andeutung eines Traums, die Dir die Stelle zum Bewusst-
sein bringt, an der ein Traum gestanden wäre? Oder, wenn ich sage “ich habe
keine Schmerzen im Arm”, heisst das, dass ich eine Art schattenhaftes Ge-
fühl habe, welches die Stelle andeutet, in die der Schmerz eintreten würde?
Doch offenbar, nein.

     In wiefern enthält der gegenwärtige, schmerzlose Zustand die Möglichkeit
der Schmerzen?

     Wenn einer sagt: “Damit das Wort Schmerzen Bedeutung habe, ist es notwen-
dig, dass man Schmerzen als solche erkennt, wenn sie auftreten”, so kann man
antworten: “Es ist nicht notwendiger, als dass man das Fehlen von Schmerzen
erkennt”.
      “Schmerzen” heisst sozusagen der ganze Masstab und nicht einer seiner
Teilstriche. Dass er auf einem bestimmten Teilstrich steht, ist durch einen
   Satz   auszudrücken.


     

     “Was wäre das für eine Frage: ¿¿Könnte denn Alles    nicht   der Fall
sein, und nichts der — Fall — sein’? Könnte man sich einen Zustand einer
Welt denken, in dem mit Wahrheit nur negative Sätze zu sagen wären? Ist
das nicht offenbar alles Unsinn? Gibt es denn wesentlich negative und posi-
tive Zustände?” Nun, es kommt darauf an, was man ‘Zustände’ nennt.


Ts-213,104r


104
     
     

     Ist absolute Stille zu verwechseln mit innerer Taubheit, ich meine der
Unbekanntheit mit dem Begriff des Tones? Wenn das der Fall wäre, so könnte
man den Mangel des Gehörssinnes nicht von dem Mangel eines andern Sinnes un-
terscheiden.
     Ist das aber nicht genau dieselbe Frage wie: Ist der Mann, der jetzt
nichts Rotes um sich sieht, in derselben Lage, wie der, der unfähig ist, rot
zu sehen?

     Man kann natürlich sagen: Der Eine kann sich rot doch vorstellen, aber
das vorgestellte Rot ist ja nicht dasselbe, wie das gesehene.

     Nun, worin äussert sich denn die Fähigkeit, rot zu sehen und worin die
Bekanntschaft mit dem Begriff des Tons?



     

     Wenn ich nur etwas Schwarzes sehe und sage, es ist nicht rot, wie weiss
ich, dass ich nicht Unsinn rede, d.h. dass es rot sein kann    kann  , dass
es Rot gibt? Wenn nicht rot eben ein anderer Teilstrich auf dem Masstab
ist, auf dem auch schwarze einer ist. Was ist der Unterschied zwischen
“das ist nicht rot” und “das ist nicht abracadabra”? Ich muss offenbar wis-
sen, dass “schwarz”, welches den tatsächlichen Zustand beschreibt (oder
beschreiben hilft) das ist, an dessen Stelle in der Beschreibung “rot”
steht.

     

     Das Gefühl ist, als müsste <…> non-p, um p zu verneinen, es erst in gewis-
sem Sinne wahr machen. Man fragt “   was   ist nicht der Fall”. Dieses muss
dargestellt werden, kann aber doch nicht so dargestellt werden, dass p wirk-
lich wahr gemacht wird.

     

     “Das Grau muss bereits im Raum von dunkler und heller vorgestellt sein,
wenn ich davon reden will, dass es dunkler [¿u¿|o]der heller werden kann.

     Man könnte also vielleicht auch sagen: Der Masstab muss schon angelegt
Ts-213,105r


105
sein, ich kann ihn nicht — willkürlich — anlegen, ich kann nur einen Teil-
strich darauf hervorheben.
      Das kommt auf Folgendes hinaus: Wenn es um mich her vollkommen still ist,
so kann ich an diese Stille den Gehörsraum nicht willkürlich anbringen[,| (]auf-
bauen), oder nicht anbringen. D.h., es ist für mich entweder still im Gegen-
satz zu einem Laut, oder das Wort still hat keine Bedeutung für mich. D.h.
ich kann nicht    wählen   zwischen    innerem   Gehör und innerer
Taubheit.

     Und ebenso kann ich, wenn ich grau sehe, nicht zwischen normalem innerem
Sehen, partieller oder vollkommener Farbenblindheit    wählen  .”

     

     “Kann ich mir Schmerzen in der Spitze meines Nagels denken, oder in mei-
nen Ha[¿z¿|a]ren? Sind diese Schmerzen nicht ebenso, und ebenso wenig vorstellbar,
wie die an irgend einer Stelle des Körpers, wo ich gerade keine Schmerzen
habe und mich an keine erinnere?”

     
      Wir
sind versucht zu sagen; “ich habe jetzt in der Hand keine Schmerzen” heisst
nur etwas, wenn ich weiss, wie es ist, wenn man Schmerzen in der Hand hat.
Was heisst es, das zu wissen? Was ist unser Kriterium dafür, dass man es
weiss? Nun, ich würde sagen: “ich habe schon öfters Schmerzen gehabt”, “ich
habe öfters Schmerzen an dieser Stelle gehabt”, oder “ich habe zwar nicht
an    dieser   Stelle Schmerzen gehabt, aber an andern Stellen meines Kör-
pers”. Es könnte gefragt werden: worin besteht die Erinnerung an Deine ver-
gangenen Schmerzen? fühlst Du sie in einer Art schattenhafter Weise wieder?
Aber sei diese Erfahrung (des Sich-Erinnerns) wie immer, sie ist eine be-
stimmte
Erfahrung und ich nenne sie die Erinnerung “an Schmerzen, die ich
gehabt habe” und dies zeigt eben, wie ich das Wort “Schmerzen” und den Aus-
Ts-213,106r


106
druck der Vergangenheit gebrauche.

     

     Die Verneinung enthält eine Art Allgemeinheit durch das Gebiet von Mög-
lichkeiten, die sie offen lässt.

     Aber freilich muss auch die Bejahung sie enthalten und nur einen andern
Gebrauch von ihr machen.

     

     Non-p schliesst p aus; was es dann    zulässt  , hängt von der Natur,
d.h. der Grammatik, des p ab.
// “non-p” schliesst einfach p aus. Was dann    statt   p der Fall sein
kann, folgt aus dem Wesen des Ausgeschlossenen.//

     
     
30
“Wie kann das Wort ‘nicht’ verneinen?”
Das Wort “nicht” erscheint uns wie ein Anstoss zu einer kompl<i>zierten
Tätigkeit des Verneinens.







     
     

     “Wie kann das Wort ‘nicht’ verneinen?” Ja, haben wir denn abgesehen von
der Verneinung // ausser der Verneinung // durch ein Ze[¿z¿|i]chen, noch einen
Begriff von der Verneinung?

     Doch es fällt uns dabei etwas ein, wie: Hindernis, abwehrende Geste,
Ausschluss. Aber das alles (ist) doch immer in einem Zeichen verkörpert.

     

     Was ist der Unterschied zwischen: Wünschen, dass etwas geschieht und
Wünschen, dass    dasselbe nicht   geschieht?

     Wollte man es bildlich darstellen, man würde mit dem Bild der Handlung
etwas vornehmen: es durchstreichen, in bestimmter Weise , und
dergleichen. Aber das erscheint uns als eine    rohe   Methode des Aus-
drucks; aber ich glaube, dass    jede   wesentlich ebenso sein muss; in
der Wortsprache setze ich das Zeichen “nicht” in den Satz. ein ungeschickter Behelf und man meint etwa, im    Denken   ge-
schieht es schon anders. aber, im Denken, Erwarten, Wünschen,
geschieht es ganz ebenso. Sonst würde ja auch die Diskrepanz zwischen dem
Denken und dem Sprechen — in dem wir ja doch denken — unerträglich sein.
Ts-213,108r


108
     

      der Ausdruck der Verneinung, den wir gebrauchen, wenn wir
uns irgendeiner bedienen, erscheint uns    primitiv  ; als gä-
be es einen richtigeren, der mir nur in den rohen Verhältnissen dieser
nicht zur Verfügung steht.

     

     Dieses Primitive der Ausdrucksform, das uns bei der Verneinung aufge-
fallen ist, haben wir begegnet; wenn man nämlich etwa einem
Menschen begreiflich machen will, dass er einen gewissen Weg gehen soll, so
kann man ihm den Weg aufzeichen, und hierin mit beliebig weitgehender Ge-
nauigkeit verfahren. Die Andeutung jedoch, die ihm verständlich machen
soll, dass    er   den Weg gehen soll, ist wieder von der primitiven Art, die
man gerne verbessern möchte.

     

     “Was hil[¿c¿|f]t es, dass als Negationszeichen nur ein Haken vor dem Satz p
steht, ich muss ja doch die ganze Negation denken”.

     

     “Das Zeichen ‘ non ’ deutet an, Du sollst , was folgt, negativ auf[c|f]as-
sen”

     Es deutet an heisst aber, dass das nicht der letzte sprachliche Aus-
druck ist. ass das nicht das Bild des Gedankens ist. Dass mehr in der Ne-
gation ist als das.

     

     Ich möchte sagen: Verneinung ist nur eine Veranlassung um etwas
zu tun; aber was? si Lässt sich die Frage nicht beantwor-
ten , so ist sie unsinnig, und dann ist es auch jener erste Satz.

     Es ist, als veranlasste uns das Zeichen der Negation zu etwas; aber
das wird nicht gesagt. Es ist, als brauchte es nur angedeutet
werden; als wüssten wir es schon. ?—Als wäre eine Erklärung unnötig, da
wir die Sache ohnehin schon kennen.—?
Ts-213,108v


Ts-213,109r


109
     

     Gäbe es eine explizitere Ausdrucksweise der Negation, so müsste sie
sich doch in/die andere abbilden lassen und könnte darum nicht von anderer
Multiplizität sein.

     

     Nun wäre aber die Frage: wie zeigt sich das uns bekannte Spezifische
der Negation in den Regeln, die vom Negationszeichen gelten // handeln //.
Dass z.B. ein gezeichneter Plan eines Weges ein Bild des Weges ist, ver-
stehen wir ohne weiteres; wo sich der gezeichnete Strich nach links biegt,
biegt auch der Weg nach links, etc. etc.. Dass aber das Zeichen “nicht”
den Plan ausschliesst, sehen wir nicht. Eher noch, wenn wir etwas ausge-
schlossenes mit einem Strich umfahren, gleichsam abzäumen. Aber so könnte
man ja das “non” als eine Tafel auffassen “Verbotener Weg”.

     Denken wir aber daran, wie jemandem wirklich die Bedeutung so einer Ta-
fel gelehrt würde. Man würde ihn etwa zurückhalten, den Weg zu gehen.

     
      “Ich sage doch diese Worte nicht bloss, sondern ich meine auch etwas mit
ihnen”. Wenn ich z.B. sage “Du darfst nicht herein[i|k]ommen”, so ist es der
natürliche Akt, zur Begleitung dieser Worte, mich vor die Tür zu stellen
und sie zuzuhalten. Aber es wäre nicht so offenbar naturgemäss, wenn ich
sie ihm bei diesen Worten öffnen würde. Diese Worte haben, wie sie hier
verstanden werden, offenbar etwas mit jenem Akt zu tun.

     Der Akt ist sozusagen eine Illustration zu ihnen — müsste als Sprache
aufgefasst werden können. Andrerseits ist er aber auch der Akt, den ich
abgesehen von jedem Symbolismus aus meiner Natur tun will. tue.

     

     Wie ist es aber mit diesem Gedanken: Wenn “non-p” ein Bild sein soll,
wäre, was es bedeutet, nicht am besten dadurch darzustellen, dass das im
Zeichen    nicht   der Fall ist, was darstellen würde, dass p der Fall
ist. Es ist aber klar, dass so ein Symbolismus nicht funktioniert.
      Es ist dafür keine Erklärung, zu sagen (was ich einmal sagte), ein sol-
Ts-213,110r


110
cher negativer Symbolismus ginge schon, er sei nur darum nicht zu gebrau-
chen, weil man aus ihm nicht erfahren könne,    was   verneint sei. Dann
ist er eben kein Symbolismus der Negation, wenn er uns nicht das Nötige
mitteilt. [u|U]nd dann fehlt es ihm am Wesentlichen.

     Es hat ja seinen Grund, warum in gewissen Fällen der negative Symbolis-
mus funktioniert und z.B. keine Antwort auch eine Antwort ist. In diesen
Fällen ist eben der Sinn des Schweigens eindeutig bestimmt.

     
      Es wird eine andere Art Porträt entworfen, durch ein Bild, was zeigen
soll, wie es sich nicht verhält, als durch eines, was zeigt wie es sich
verhält.

     

     Die Farbangabe, dass etwas nicht rot ist, ist von anderer Art als die,
dass etwas rot (oder blau) ist. D.h. sie ist nicht in dem gleichen Sinn
eine Farbangabe.

     

     Dagegen    kann   die Negation eines Satzes eine Angabe gleicher Art
sein, wie der negierte Satz.

     

     “Ich brauche im negativen Satz das intakte Bild des positiven Satzes.”

     

     “Ich kann ein Bild davon zeichnen, wie Zwei miteinander fechten; aber
doch nicht davon, wie Zwei miteinander nicht fechten ( d.h. nicht ein Bild,
das bloss dies darstellt).

     ‘Sie fechten nicht miteinander’ heisst nicht, dass davon nicht die Rede
ist, sondern, es    ist   eben davon die Rede und wird (nur?) ausgeschlossen”.

     

     Die Idee der Negation ist nur in einer Zeichenerklärung verkörpert und
soweit wir eine solche Idee besitzen, besitzen wir sie nur in der Form so
Ts-213,111r


111
einer Er[¿l¿|k]lärung. Denn wenn man fragen kann “   was   meinst Du damit // mit
diesem Zeichen//”, so ist die Antwort nur eine Zeichenerklärung (irgendei-
ner Art).

     Den Begriff der Negation // Verneinung// besitzen wir nur in einem Sym-
bolismus. Und darum kann man nicht sagen: “auf die und die Art kann man die
Negation nicht darstellen, weil diese Art nicht eindeutig wäre” — als han-
delte es sich um die Beschreibung eines Gegenstandes, die nicht eindeutig
gegeben worden wäre. Wenn der Symbolismus nicht erkennen lässt, was ver-
neint wurde, so verneint er nicht; wie ein Schachbrett ohne Felder kein
schlechtes, d.h. unpraktisches Schachbrett ist, sondern keins. Und wenn ich
glaubte, auf // mit// einem Brett ohne Felder Schach spielen zu können, so
habe ich das Spiel einfach missverstanden und werde etwa jetzt darauf auf das Miss-
verständnis
auf-
merksam gemacht.

     Ein Symbolismus, der die Negation “nicht darstellen kann”, ist kein Sym-
bolismus der Negation.

     

     Ich glaube, ein Teil der Schwierigkeit rührt vom Gebrauch der Wörter
“ja” und “nein” her (auch “wahr” und “falsch”). Diese beiden lassen es so
erscheinen, als wäre ein Satz und sein Gegenteil im Verhältnis zweier Pole
zueinander oder zweier entgegengesetzter Richtungen. Während schon, dass
non-non-p = p ist, eine doppelte Bejahung aber keine Verneinung ist, zei-
gen kann, dass dieses Bild falsch ist.

     

     Wenn gefragt würde: ist die Negation //Verneinung // in der Mathematik,
etwa in non(2+2 = 5), die gleiche, wie die nicht-mathematischer Sätze? so
müsste erst bestimmt werden, was als Charakteristikum der // dieser // Ver-
neinung als solcher aufzufassen ist. Die Bedeutung eines Zeichens liegt ja
in den Regeln, nach denen es verwendet wird // in den Regeln, die seinen
Gebrauch vorschreiben//. Welche dieser Regeln machen das Zeichen “non”
Ts-213,112r


112
zur Verneinung? Denn es ist klar, dass gewisse Regeln, die sich auf “non”
beziehen, für beide Fälle die gleichen sind; z.B. non-non-p = p. Man könnte
ja auch fragen: ist die Verneinung eines Satzes “ich sehe einen roten
Fleck” die gleiche, wie die von “die Erde bewegt sich in einer Elipse um
die Sonne”; und die Antwort müsste auch sein: Wie hast Du “Verneinung” de-
finiert, durch welche Klasse von Regeln? — daraus wird sich ergeben, ob
wir in beiden Fällen “die gleiche Verneinung” haben. Wenn die Logik allge-
mein von der Verneinung redet, oder einen Kalkül mit ihr treibt, so ist die Bedeutung des Verneinungszeichens nicht weiter festgelegt, als die Re-
geln <…> seines Kalküls. Wir dürfen hier nicht vergessen, dass ein Wort
seine Bedeutung nicht als etwas, ihm ein für allemal verliehenes, mit sich
herumträgt, sodass wir sicher sind, wenn wir nach dieser Flasche greifen,
auch die bestimmte Flüssigkeit, etwa Spiritus, zu erwischen. //… auch
die bestimmte Flüssigkeit, z.B. Spiritus, in der Hand zu halten.//
Ts-213,113r


113


     
31
Ist die Zeit den Sätzen wesentlich?
Vergleich von: Zeit und Wahrheitsfunktionen.








     
     

     Die Grammatik, wenn sie in der Form eines Buches [a|u]ns vorlä<…>e, bestün-
de nicht aus einer Reihe bloss nebengeordneter Artikel, sondern würde
eine andere Struktur zeigen. Und in dieser müsste man — wenn ich Recht
habe — auch den Unterschied zwischen Phänomenologischem und Nicht-Phäno-
menologischem sehen. Es wäre da etwa ein Kapitel von den Farben, worin
der Gebrauch der Farbwörter geregelt wäre; aber dem vergleichbar wäre
nicht, was über die Wörter “nicht”, “oder”, etc. (die “logischen Konstan-
ten”) in der Grammatik gesagt würde.

     Es würde z.B. aus den Regeln hervorgehen, dass diese letzteren Wörter
in? jedem Satz anzuwenden seien (nicht aber die Farbwörter). Und dieses
“jedem” hätte nicht den Charakter einer erfahrungsmässigen Allgemein-
heit; sondern der inappellablen Allgemeinheit einer obersten Spielregel.
Es scheint mir ähnlich, wie das Schachspiel wohl ohne gewisse Figuren
zu spielen (oder doch fortzusetzen) ist, aber nie ohne das Schachbrett.


     

     Wie offenbart sich die Zeitlichkeit der Tatsachen, wie drückt sie
sich aus, als dadurch, dass gewisse Ausdrücke Wendungen in unsern Sätzen vorkommen
Ts-213,113v


Ts-213,114r


114
müssen. D.h.: Wie drückt sich die Zeitlichkeit der Tatsachen aus, als grammatisch?


     
     
     


     Negation und Disjunktion, möchten wir sagen, hat mit dem Wesen des Sat-
zes zu tun, die Zeit aber nicht, sondern mit seinem Inhalt.

     Wie aber kann es sich in der Grammatik zeigen, dass Etwas mit dem Wesen
des Satzes zusammenhängt und etwas anderes nicht, wenn sie beide gleich
allgemein sind?

     Oder sollte ich sagen, die geringere Allgemeinheit wäre auf seiten der
Zeit, da die mathematischen Sätze negiert und disjungiert werden können,
aber nicht zeitlich sind? Ein Zusammenhang ist wohl da, wenn auch diese
Form, die Sache darzustellen, irreführend ist.
     

     

     Wie unterscheidet die Grammatik zwischen Satzform und Inhalt? Denn dies
soll ja ein grammatikalischer Unterschied sein. Wie sollte man ihn be-
schreiben können, wenn ihn die Grammatik nicht ezeigt?

     

     Was hat es mit dem Schema “Es verhält sich so und so” für eine Bewandt-
nis? Man könnte sagen, das “Es verhält sich” ist die Handhabe für den An-
griff der Wahrheitsfunktionen.

     “Es verhält sich” ist also nur ein Ausdruck aus einer Notation der Wahr-
heitsfu[¿t¿|n]ktionen. Ein Ausdruck, der uns zeigt, welcher Teil der Grammatik
hier in Funktion tritt.

     

     ?—Jene Zweifache Art der Allgemeinheit wäre so seltsam—?, wie wenn von zwei
Regeln eines Spiels, die beide gleich ausnahmslos gelten, die eine als die
fundamentalere angesprochen würde. Als könnte man also fragen // darüber
reden
//, ob der König oder das Schachbrett für das Schachspiel essentiel-
ler wäre. Welches von beiden das Wesentlichere, welches das Zufälligere
wäre.
Ts-213,115r


115
     

     Zum mindesten scheint eine Frage berechtigt: Wenn ich die Grammatik
aufgeschrieben hätte und die verschiedenen Kapitel, über die Farbwörter,
etc. etc. der Reihe nach da ¿sün¿ stünden, wie Regeln über alle die Figuren
des Schachspiels, wie wüsste ich dann, dass dies nun    alle   Kapitel
sind? Und wenn sich nun in allen vorhandenen Kapiteln eine gemeinsame Ei-
gentümlichkeit findet, so haben wir es hier scheinbar mit einer logischen
Allgemeinheit, aber keiner wesentlichen, d.h. voraussehbaren Allgemein-
heit, zu tun. Man kann aber doch nicht sagen, dass die Tatsache, dass das Schachspiel mit 16 Figuren gespielt wird, ihm weniger wesentlich ist, als,
dass es auf dem Schachbrett gespielt wird.

     

     Da Zeit und Wahrheitsfunktionen so verschieden schmecken und da sie ihr
Wesen allein und ganz in der Grammatik offenbaren, so muss die Grammatik
den verschiedenen Geschmack erklären.

     Das eine schmeckt nach Inhalt, das andere nach Darstellungsform.

     Sie schmecken so verschieden, wie der Plan und der Strich durch den
Plan.

     

     Es kommt mir so vor, als wäre die Gegenwart, wie sie in dem Satz “der
Himmel ist blau” steht (wenn dieser Satz nicht-hypothetisch gemeint ist),
keine Form der Zeit. Als ob also die Gegenwart in    diesem   Sinne un-
zeitlich wäre.

     

     Es ist merkwürdig, dass die Zeit, von der ich hier rede, nicht die im
physikalischen Sinne ist. Es handelt sich hier nicht um eine Zeitmessung.
Und es ist verdächtig, dass etwas, was mit einer solchen Messung nichts
zu tun hat, in den Sätzen eine ähnliche Rolle spielen soll, wie die physi-
kalische Zeit in den Hypothesen der Physik.

Ts-213,116r


116
     


     Diskutiere:
     Der Unterschied zwischen der Logik des Inhalts und der Logik der Satz-
form überhaupt. Das eine erscheint gleichsam bunt, das andere matt. Das
eine scheint von dem zu handeln, was das Bild darstellt, das andere, wie
der Rahmen des Bildes ein Charakteristi[¿u¿|k]um der Bildform zu sein.

     


     Dass alle Sätze die Zeit in irgend einer Weise enthalten, scheint uns
zufällig, im Vergleich damit, dass auf alle Sätze die Wahrheitsfunktionen
anwendbar sind.

     Das scheint mit ihrem Wesen als Sätzen zusammenzuhängen, das andere mit
dem Wesen der vorgefundenen Realität.

     
Ts-213,117r


117



     
32
Wesen der Hypothese.







     

     Eine Hypothese könnte man offenbar durch Bilder erklären. Ich meine,
man könnte z.B. die Hypothese “hier liegt ein Buch” durch Bilder erklären,
die das Buch im Grundriss, Aufriss und verschiedenen Schnitten zeigen.

     

     Eine solche Darstellung gibt ein    Gesetz  . Wie die Gleichung einer
Kurve ein Gesetz gibt, nach der die Ord[n|i]natenabschnitte aufzufinden sind,
wenn man in verschiedenen Abszissen schneidet.

     Die fallweisen Verifikationen entsprechen dann solchen wirklich ausge-
führten Schnitten.

     Wenn unsere Erfahru[g|n]gen die Punkte auf einer Geraden ergeben, so ist
der Satz, dass diese Erfahrungen die verschiedenen Ansichten einer Geraden
sind, eine Hypothese.

     Die Hypothese ist eine Art der Darstellung dieser Realität, denn eine
neue Erfahrung kann mit ihr übereinstimmen oder nicht-übereinstimmen, bezw.
eine Aenderung der Hypothese nötig machen.

     

     Drücken wir z.B. den Satz, dass eine Kugel sich in einer bestimmten
Entfernung von unseren Augen befindet, mit Hilfe eines Koordinatensystems
Ts-213,118r


118
und der Kugelgleichung aus, so hat diese Beschreibung eine grössere Man-
nigfaltigkeit, als die einer Verifikation durch das Auge. Jene Mannigfal-
tigkeit entspricht nicht    einer   Verifikation, sondern einem    Ge-
setz
  , welchem Verifikationen gehorchen.

     

     Eine Hypothese ist ein Gesetz zur Bildung von Sätzen.

     Man könnte auch sagen: Eine Hypothese ist ein Gesetz zur Bildung von Erwartungen.

     Ein Satz ist sozusagen ein Schnitt durch eine Hypothese in einem be-
stimmten Ort.

     

     Nach meinem Prinzip müssen die beiden Annahmen ihrem Sinne nach iden-
tisch sein, wenn alle    mögliche   Erfahrung, die die eine bestätigt,
auch die andere bestätigt. Wenn also keine Entscheidung zwischen durch die
Erfahrung denkbar ist.

     

     Darstellung einer Linie als Gerade mit Abweichungen. Die Gleichung der
Linie enthält einen Parameter, dessen Verlauf die Abweichungen von der Ge-
raden ausdrückt. Es ist nicht wes[¿r¿|e]ntlich, dass diese Abweichungen “gering”
seien. Sie können so gross sein, dass die Linie einer Geraden nicht ähnlich
sieht. Die “Gerade mit Abweichungen” ist nur eine Form der Beschreibung. Sie
erleichtert es mir, einen bestimmten Teil der Beschreibung auszuschalten, zu vernachlässigen, wenn ich will. (Die Form “Regel mit Ausnahmen”.)

     

     Was hei[w|s]st es, sicher zu sein, dass man Zahnschmerzen haben wird.
(   Kann   man nicht sicher sein, dann erlaubt es die Grammatik nicht, das
Wort “sicher” in dieser Verbindung zu gebrauchen.)

     Grammatik des Wortes “sicher sein”.

Ts-213,119r


119
     

     Man sagt: “Wenn ich sage, dass ich einen Sessel dort sehe, so sage ich
mehr, als ich sicher weiss”. Und nun heisst es meistens: “Aber    eines  
weiss ich doch sicher”. Wenn man aber nun sagen will, was das ist, so
kommt man in eine gewisse Verlegenheit.

     “Ich sehe etwas    Braunes  , — das ist sicher”; damit will man ei-
gentlich
sagen, dass die braune Farbe gesehen, und nicht vielleicht auch
nur bloss vermutet ist (wie etwa in dem Fall, wo ich es sie aus gewissen anderen An-
zeichen vermute). //…und nicht vielleicht auch bloss aus anderen Anzei-
chen vermutet ist.// Und man sagt ja auch einfach: “Etwas Braunes    sehe  
ich”.

     

     Wenn mir gesagt wird: “Sieh in dieses Fernrohr und zeichne mir auf, was
Du siehst”, so ist, was ich zeichne, der Ausdruck eines Satzes, nicht ei-
ner Hypothese.

     

     Wenn ich sage “hier steht ein Sessel”, so ist damit — wie man sagt —
“mehr” gemeint, als die Beschreibung dessen, was ich wahrnehme. Und das
kann nur heissen, dass dieser Satz nicht wahr sein muss, auch wenn die Be-
[w|s]chreibung des Gesehenen stimmt. Unter welchen [u|U]mständen werde ich nun sa-
gen, dass jener Satz nicht wahr war? Offenbar: wenn gewisse andere Sätze
nicht wahr sind, die in dem ersten mit beinhaltet waren. Aber es ist nicht
so, als ob nun der erste ein logisches Produkt gewesen wäre.

     

     Das beste Gleichnis für jede Hypothese, und selbst ein Beispiel, ist
ein Körper mit seinen nach einer bestimmten Regel konstruierten Ansichten
aus den verschiedenen Punkten des Raumes.

     

     Der Vorgang einer Erkenntnis in einer wissenschaftlichen Untersuchung
(in der Experimentalphysik etwa) ist freilich nicht der einer Erkenntnis
im Leben ausserhalb dem des // Laboratoriums; aber er ist ein    ähnli-
  
Ts-213,120r


120
   cher   und kann, neben den andern gestellt // gehalten//, diesen be-
leuchten.

     

     Es ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Sätzen wie “das ist ein
Löwe”, “die Sonne ist grösser als die Erde”, die alle ein “dieses”, “jetzt”,
“hier” enthalten und also an die Realität unmittelbar anknüpfen, und Sät-
zen wie “Menschen haben zwei Hände” etc. Denn, wenn zu[a|f]ällig keine Menschen
in meiner Umgebung wären, wie wollte ich diesen Satz kontrollieren?

     

     Es werden immer Fassetten der Hypothese verifiziert.

     

     Ist es nun nicht etwa so, dass    das  , was die Hypothese erklärt, selbst
nur wieder durch eine Hypothese ausdrückbar ist. Das heisst natürlich: gibt
es überhaupt primäre Sätze; die also endgültig verifizierbar sind, und
nicht die Fassetten einer Hypothese sind? (Das ist etwa, als würde man fra-
gen “gibt es Flächen, die nicht Oberflächen von Körpern sind?”)

     

     Es kann jedenfalls kein Unterschied sein zwischen einer Hypothese, als
Ausdruck einer unmittelbaren Erfahrung gebraucht, und einem Satz im engeren
Sinne.

     

     Es ist ein Unterschied zwischen einem Satz wie “hier liegt eine Kugel
vor mir” und “es schaut so aus, als läge eine Kugel vor mir”. — Das zeigt
sich auch so: man kann sagen “es scheint eine Kugel vor mir zu liegen”,
aber es ist sinnloss zu sagen: “es schaut so aus, als schiene eine Kugel
hier zu liegen”. Wie man auch sagen kann “hier liegt wahrscheinlich eine
Kugel”, aber nicht “wahrscheinlich scheint hier eine Kugel zu liegen”. Man
würde in so einem Falle sagen: “ob es    scheint  , musst Du doch wissen”.
Ts-213,121r


121

     

     In dem, was den Satz mit der gegebenen Tatsache verbindet, ist nichts
Hypothetisches.

     

     Es ist doch klar, dass eine Hypothese von der Wirklichkeit — ich meine
von der unmittelbaren Erfahrung — einmal mit ja, einmal mit nein beantwor-
tet wird; (wobei freilich das “ja” und “nein” hier nur Bestätigung und Feh-
len der Bestätigung
ausdrückt) und dass man dieser Bejahung und Verneinung
Ausdruck verleihen kann.

     

     Die Hypothese wird, mit    der   Fassette an die Realität angelegt, zum
Satz.

     

     Ob der Körper, den ich sehe, eine Kugel ist, kann zweifelhaft sein, aber,
dass er von hier etwa eine [M|K]ugel zu sein scheint, kann nicht zweifelhaft
sein. — Der Mechanismus der Hypothese würde nicht funktionieren, wenn der
Schein noch zweifelhaft wäre; wenn also auch nicht eine Fassette der Hypo-
these unzweifelhaft verifiziert würde. Wenn es hier Zweifel gäbe, was könn-
te den Zweifel heben? Wenn auch diese Verbindung locker wäre, so gäbe es
auch nicht Bestätigung einer Hypothese, die Hypothese hinge dann gänzlich
in der Luft und wäre zwecklos (und damit sinnlos).

     

     Wenn ich sagte “ich sah einen Sessel”; so widerspricht dem (in    einem  
Sinne) nicht der Satz “es war keiner da”. Denn den ersten Satz würde ich
auch in der Beschreibung eines Traums verwenden und niemand würde mir dann
mit den Worten des zweiten widersprechen. Aber die Beschreibung des Traums
mit jenen Worten wirft ein Licht auf den Sinn der Worte “   ich sah  ”.

     In dem Satz “es war ja keiner da” kann das “da” übrigens verschiedene
Bedeutung haben.
Ts-213,122r


122
haben.



     

     Ich stimme mit den Anschauungen neuerer Physiker überein, wenn sie sa-
gen, dass die Zeichen in ihren Gleichungen keine “Bedeutungen” mehr haben,
und dass die Physik zu keinen solchen Bedeutungen gelangen könne, sondern
bei den Zeichen stehen bleiben müsse: sie sehen nämlich nicht, dass diese
Zeichen insofern Bedeutung haben — und nur insofern — als ihnen, auf welchen
Umwegen immer, das beobachtete Phänomen entspricht, oder nicht</>entspricht.

     

     Denken wir uns, dass das Schachspiel nicht als Brettspiel erfunden worden
wäre, sondern als Spiel, das mit Ziffern und Buchstaben auf Papier zu spie-
len ist und so, dass sich niemand dabei ein Qu[d|a]drat mit 64 Feldern etc. vor-
gestellt hätte. Nun aber hätte jemand die Entdeckung gemacht, dass dieses
Spiel ganz einem entspricht, das man auf einem Brett in der und der Weise
spielen könnte. Diese Erfindung wäre eine grosse Erleichterung des Spiels
gewesen (Leute, denen es früher zu schwer gewesen wäre, könnten es nun spie-
len). Aber es ist klar, dass diese neue Illustration der Spielregeln nur
ein neuer, leichter übersehbarer, Symbolismus wäre, der übrigens mit dem Ge-
schriebenen auf gleicher Stufe stünde. Vergleiche nun damit das Gerede da-
rüber, dass die Physik heute nicht mehr mit mechanischen Modellen, sondern
“nur mit Symbolen” arbeitet.







Ts-213,123r


123



     
33
Wahrscheinlichkeit.







     

     Die Wahrscheinlichkeit einer Hypothese hat ihr Mass darin, wieviel Evi-
denz nötig ist, um es vorteilhaft zu machen, sie umzustossen.

     Nur in diesem Sinne kann man sagen, dass wiederholte gleichförmige Erfah-
rung in der Vergangenheit das Andauern dieser Gleichförmigkeit in der Zu-
kunft wahrscheinlich macht.

     Wenn ich nun in diesem Sinne sage: Ich nehme an, dass morgen die Sonne
wieder aufgehen wird, weil das Gegenteil zu unwahrscheinlich ist, so meine
ich hier mit “wahrscheinlich” oder “unwahrscheinlich” etwas ganz Anderes,
als mit diesen Worten im Satz “es ist gleich wahrscheinlich, dass ich Kopf
oder [¿D¿|A]dler werfe” gemeint ist. Die beiden Bedeutungen des Wortes “wahr-
scheinlich” stehen zwar in einem gewissen Zusammenhang, aber sie sind nicht
identisch.

     

     Man gibt die Hypothese nur um einen immer höheren Preis auf.

     

     Die Induktion ist ein Vorgang nach einem ökonomischen Prinzip.

Ts-213,124r


124

     

     Die Frage der Einfachheit der Darstellung durch eine bestimmte angenom-
mene Hypothese hängt, glaube ich, unmittelbar mit der Frage der Wahrschein-
lichkeit zusammen.

     

     Man kann einen Teil einer Hypothese vergleichen mit der Bewegung eines
Teils eines Getriebes, einer Bewegung, die man festlegen kann, ohne da-
durch die bezweckte Bewegung zu präjudizieren. Wohl aber hat man dann das
übrige Getriebe auf eine bestimmte Art einzurichten, dass es die gewünschte
Bewegung hervorbringt. Ich denke an ein Differentialgetriebe. — Habe ich
     
die Entscheidung getroffen, dass von einem gewissen
Teil meiner Hypothese nicht abgewichen werden soll,
was immer die zu beschreibende Erfahrung sei, so ha-
be ich eine Darstellungsweise festgelegt und jener
Teil der Hypothese ist nun ein Postulat. Ein Postu-
lat muss von solcher Art sein, dass keine denkbare
Erfahrung es widerlegen kann, wann es auch äusserst
unbequem sein mag, an dem Postulat festzuhalten. In
dem Masse, wie man hier von einer grösseren oder geringeren Bequemlichkeit
reden kann, gibt es eine grössere oder geringere Wahrscheinlichkeit des
Postulats.

     

     Von einem Mass dieser Wahrscheinlichkeit zu reden, ist nun <…> vor der Hand
sinnlos. Es verhält sich hier ähnlich, wie im Falle, etwa, zweier Zahlen-
arten, wo wir mit einem gewissen Recht sagen können, die eine sei der an-
dern ähnlicher (stehe ihr näher) als einer dritten, ein zahlenmässiges Mass
der Aehnlichkeit aber nicht existiert. Man könnte sich natürlich auch in
solchen Fällen ein Mass konstruiert denken, indem man etwa die Postulate
Ts-213,125r


125
oder Axiome zählt, die beide Systeme gemein haben, etc. etc..

     

     Ich gebe jemandem die Information undd nur diese: Du wirst um die und
die Zeit auf der Strecke A B einen Lichtpunkt erscheinen sehen. Hat nun die
Frage einen Sinn, “ist es wahrscheinlicher,
     
dass dieser Punkt im In[v|t]erval A C erscheint,
als in C B”? Ich glaube, offenbar nein. — Ich kann freilich bestimmen, dass
die Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis in C B eintritt, sich zu der, dass
es in A C eintritt, verhalten soll, wie CB/AC, aber das ist eine Bestim-
mung, zu der ich empirische Gründe haben kann, aber a priori ist darüber
nichts zu sagen. Die beobachtete Verteilung von Ereignissen kann nicht zu
dieser Annahme führen. Die Wahrscheinlichkeit, wo unendlich viele Möglich-
keiten in Betracht kommen, muss natürlich als Limes betrachtet werden. Tei-
le ich nämlich die Strecke A B in beliebig viele, beliebig ungleiche Teile
und betrachte die Wahrscheinlichkeiten, dass das Ereignis in irgend einem
dieser Teile stattfindet, als untereinander gleich, so haben wir sofort den
einfachen Fall des Würfels vor uns. Und nun kann ich ein Gesetz — willkür-
lich — aufstellen, wonach Teile gleicher Wahrscheinlichkeit gebildet werden
sollen. Z.B., das Gesetz, dass gleiche Länge der Teile gleiche Wahrschein-
lichkeit bedingt,. Aber auch jedes andere Gesetz ist gleichermassen erlaubt.

     Könnte ich nicht auch im Fall des Würfels etwa 5 Flächen zusammennehmen
als eine Möglichkeit und sie der sechsten als der zweiten Möglichkeit ge-
genüberstellen? Und was, ausser der Erfahrung, kann mich hindern, diese b[d|e]i-
den Möglichkeiten als gleich wahrscheinlich zu betrachten?

     Denken wir uns etwa einen roten Ball geworfen, der nur eine ganz kleine
grüne Calotte hat. Ist es in diesem Fall nicht viel wahrscheinlicher, dass
er auf dem roten Teil auffällt, als auf dem grünen? — Wie würde man aber
diesen Satz begründen? Wohl dadurch, dass der Ball, wenn man ihn wirft, viel
öfter auf die rote, als auf die grüne Fläche auffällt. Aber das hat nichts
Ts-213,126r


126
mit der Logik zu tun. — Man könnte die rote und grüne Fläche und die Er-
eignisse, die auf ihnen stattfinden, immer auf solche Art auf eine Fläche
projizieren, dass die Projektion der grünen Fläche gleich oder grösser wäre
als die der roten; so, dass die Ereignisse, in dieser Projektion betrach-
tet, ein ganz anderes Wahrscheinlichkeitsverhältnis zu haben scheinen, als
auf der ursprünglichen Fläche. Wenn ich z.B. die Ereignisse in einem geeig-
neten gekrümmten Spiegel sich abbilden lasse und mir nun denke, was ich für
das wahrscheinlichere Ereignis gehalten hätte, wenn ich nur das Bild im
Spiegel sehe.

     Dasjenige, was der Spiegel nicht verändern kann, ist die Anzahl bestimmt
umrissener Möglichkeiten. Wenn ich also auf meinem Ball n Farbenflecke ha-
be, so zeigt der Spiegel auch n, und habe ich    bestimmt  , dass die-
se als gleich wahrscheinlich gelten sollen, so kann ich diese Bestimmung
auch für das Spiegelbild aufrecht erhalten.

     Um mich noch deutlicher zu machen: Wenn ich das Experiment im Hohlspie-
gel ausführe, d.h. die    Beobachtungen   im Hohlspiegel mache, so
wird es vielleicht scheinen, als fiele der Ball öfter auf die kleine Fläche, als auf die viel grössere und es ist klar, dass keinem der Experimente
— im Hohlspiegel und ausserhalb — ein Vorzug gebührt.


     

     Wir können unser altes Prinzip auf die Sätze, die eine Wahrscheinlich-
keit ausdrücken, anwenden und sagen, dass wir ihren Sinn erkennen werden,
wenn wir bedenken, was sie verifiziert.

     Wenn ich sage “das wird wahrscheinlich eintreffen”, wird dieser Satz
durch das Eintreffen ver[f|i]fiziert, oder durch das Nichteintreffen falsifi-
ziert? Ich glaube, offenbar nein. Dann sagt er <…> auch nichts darüber
aus. Denn, wenn ein Strei[¿e¿|t] darüber entstünde, ob es wahrscheinlich ist oder
Ts-213,127r


127
nicht, so würden immer nur Argumente aus der Vergangenheit herangezogen
werden. Und auch dann nur, wenn es bereits bekannt wäre, was eingetroffen
ist.

     

     Die Kausalität beruht auf einer beobachteten Gleichförmigkeit. Nun ist
zwar nicht gesagt, dass eine bisher beobachtete Gleichförmigkeit immer so
weiter gehen wird, aber, dass die Ereignisse bisher gleichförmig waren,
muss feststehen;    das   kann nicht wieder das unsichere Resultat einer em-
pirischen Reihe sein, die selbst <…> auch wieder nicht gegeben ist, sondern
von einer ebenso unsicheren abhängt, u.s.f. ad inf.

     

     Wenn Leute sagen, der Satz “es ist wahrscheinlich, dass p eintreffen
wird” sage etwas über das Ereignis p, so vergessen sie, dass es auch wahr-
scheinlich bleibt, wenn das Ereignis p    nicht   eintrifft.

     

     Wir sagen mit dem Satz “p wird wahrscheinlich eintreffen” zwar etwas
über die Zukunft, ˇaber nicht etwas “   über   das Ereignis p”, wie die gramma-
tische Form der Aussage uns glauben macht.

     

     Wenn ich nach dem Grund einer Behauptung frage, so ist die Antwort auf
diese Frage nicht für den Gefragten und eben    diese   Handlung (die Be-
hauptung), sondern    allgemein   gültig.

     

     Wenn ich sage: “das Wetter deutet auf Regen”, sage ich etwas über das
zukünftige Wetter? Nein, sondern über das gegenwärtige, mit Hilfe eines Ge-
setzes, welches das Wetter zu einer Zeit mit dem Wetter zu einer späteren
// in einer früheren// Zeit in Verbindung bringt. Dieses Gesetz muss be-
reits vorhanden sein, und mit seiner Hilfe fassen wir gewisse Aussagen über
Ts-213,128r


128
     unsere Erfahrung zusammen. —

       Aber dasselbe könnte man dann auch für historische Aussagen behaup-
ten. Aber es war ja auch vorschnell, zu sagen, der Satz “das Wetter deutet
auf Regen” sage nichts über das zukünftige Wetter. Das kommt darauf an, was
man darunter versteht “etwas über etwas auszusagen”. Der Satz sagt eben sei-
nen Wortlaut!

     Der Satz “p wird wahrscheinlich eintreten” sagt // Er sagt// nur etwas
über die Zukunft in einem Sinn, in welchen seine Wahr- und Falschheit gänz-
lich unabhängig ist von dem, was in der Zukunft geschehen wird.

     

     Wenn wir sagen, “das Gewehr zielt jetzta auf den Punkt P”, so sagen wir
     
nichts darüber, wohin der Schuss treffen wird. Der Punkt
auf den es zielt, ist ein    geometrisches  
Hilfsmittel zur Angabe seiner Richtung. Dass wir gerade dieses Mittel ver-
wenden, hängt allerdings mit gewissen Erfahrungen // Beobachtungen// zu-
sammen (Wurfparabel, etc.), aber diese treten jetzt nicht in die Beschrei-
bung der Richtung ein.

     

     Die Gallton'sche Photographie, das Bild einer Wahrscheinlichkeit. Das
Gesetz der Wahrscheinlichkeit, das Naturgesetz, was man sieht, wenn man
blinzelt.

     

     Was heisst es: “die Punkte, die das Experiment liefert, liegen durch-
schnittlich auf einer Geraden”? oder: “wenn ich mit einem guten Würfel würf-
le, so werfe ich durchschnittlich alle 6 Würfe eine 1”? Ist dieser Satz mit
   jeder   Erfahrung, die ich etwa mache, vereinbar? Wenn er das ist, so
sagt er nichts. Habe ich (vorher) angegeben, mit welcher Erfahrung er nicht
mehr vereinbar ist, welches die Grenze ist, bis zu der die Ausnahmen von
der Regel gehen dürfen, ohne die Regel umzustossen? Nein. Hätte ich aber
Ts-213,129r


129
nicht eine solche Grenze aufstellen können? Gewiss. — Denken wir uns, die
Grenze wäre so gezogen: wenn unter 6 aufeinander folgenden Würfen 4 glei-
che auftreten, ist der Würfel schlecht. Nun fragt man aber: “Wenn das aber
nur selten genug geschieht, ist er dann nicht doch gut!?” — Darauf lautet
die Antwort: Wenn ich das Auftreten von 4 gleichen Würfen unter 6 aufeinan-
der folgenden für eine bestimmte Zahl von Würfen erlaube, so ziehe ich da-
mit eine    andere   Grenze, als die erste war. Wenn ich aber sage “jede
Anzahl gleicher aufeinander folgender Würfe ist erlaubt, wenn sie nur sel-
ten genug auftritt, dann habe ich damit die Güte des Würfels im strengen
Sinne als unabhängig von den Wurfresultaten erklärt. Es sei denn, dass ich
unter der Güte des Würfels nicht eine Eigenschaft des Würfels, sondern eine
Eigenschaft einer bestimmten Partie im Würfelspiel verstehe. Denn dann kann
ich allerdings sagen: Ich nenne den Würfel in einer Partie gu[,|t], wenn unter
den N Würfen der Partie nicht mehr als log N gleiche aufeinander folgende
vorkommen. Hiermit wäre aber eben kein Test zur Ueberprüfung von Würfeln
gegeben, sondern ein Kriterium zur Beurteilung einer Partie des Spiels.

     

     Man sagt, wenn der Würfel gla ganz gleichmässig und sich selbst überlas-
sen ist, dann muss die Verteilung der Ziffern 1, 2, 3, 4, 5, 6 unter den
Wurfresultaten gleichförmig sein, weil    kein Grund vorhan-
den ist
  , weshalb die eine Ziffer öfter vorkommen sollte als die ande-
re.

     

     Stellen wir nun aber die Wurfresultate statt durch die Ziffern 1 bis 6
durch die Worte der Funktion (x-3)² für die Argumente 1 bis 6 dar, also
durch die Ziffern 0, 1, 4, 9. Ist ein Grund vorhanden, warum eine    die-
ser
   Ziffern öfter in den neuen Wurfresultaten fungieren soll, als eine
andere? Dies lehrt uns, dass das Gesetz a priori der Wahrscheinlichkeit
eine Form von Gesetzen ist, wie die der Minimumgesetze der Mechanik etc..
Ts-213,130r


130

     
Hätte man durch Versuche herausgefunden, dass die Verteilung der Würfe
1 bis 6 mit einem regelmässigen Würfel so ausfällt, dass die Verteilung
der Werte (x—3)² eine gleichmässige wird, so hätte man nun    diese  
Gleichmässigkeit als die Gleichmässigkeit a priori erklärt.

     So machen wir es auch in der kinetischen Gastheorie: wir stellen die
Verteilung der Molekülbewegungen in der Form irgend einer gleichförmigen
Verteilung dar;    was   aber gleichförmig verteilt ist — so wie an andrer
Stelle    was   zu einem Minimum wird — wählen wir so, dass unsere Theorie
mit der Erfahrung übereinstimmt.

     

     “Die Moleküle bewegen sich bloss nach den Gesetzen der Wahrscheinlich-
keit”, das soll heissen: die Physik tritt ab, und die Moleküle bewegen
sich jetzt quasi bloss nach Gesetzen der Logik. Diese Meinung ist ver-
wandt der, dass das Trägheitsgesetz ein Satz a priori ist; und auch hier
redet man davon, [d|w]as ein Körper tut, wenn er sich selbst überlassen ist.
Was ist das Kriterium dafür, dass er sich selbst überlassen ist? Ist es am
Ende das, dass er sich gleichförmig in einer Geraden bewegt? Oder ist es
ein anderes. Wenn das letztere, dann ist es eine Sache der Erfahrung, ob
das Trägheitsgesetz stimmt; im ersten Fall aber war es gar kein Gesetz, son-
dern eine Definition. Und Analoges gilt von einem Satz: “wenn die Teilchen
sich selbst überlassen sind, dann ist die Verteilung ihrer Bewegungen die
und die”. Welches ist das Kriterium dafür, dass sie sich selbst überlassen
sind? etc..

     

     /Wenn die Messung ergibt, dass der Würfel genau und homogen ist, — ich
nehme an, dass die Ziffern auf seinen Flächen die Wurfresultate nicht be-
einflussen — und die werfende Hand bewegt sich regellos — folgt daraus die
durchschnittlich gleichmässige Verteilung der Würfe 1 bis 6? Woraus sollte
man die schliessen? Ueber die [N|B]ewegung beim Werfen hat man keine Annahme
Ts-213,131r


131
gemacht und die Prämisse der // Annahme der// Genauigkeit des Würfels ist
doch von ganz anderer Art //Multiplizität//, als eine durchschnittlich
gleichförmige Verteilung von Resultaten. Die Prämisse ist gleichsam ein-
färbig, die Konklusion gesprenkelt. Warum hat man gesagt, der Esel werde
zwischen den beiden gleichen Heubündeln verhungern, und nicht, er werde
durchschnittlich so oft von dem einen, wie von dem andern fressen // er
werde von beiden durchschnittlich gleich oft fressen //? /

     

     Zu sagen, die Punkte, die dieses Experiment [.|l]iefert, liegen durch-
schnittlich auf dieser Linie, z.B. einer Geraden, sagt etwas Aehnliches wie:
“aus dieser Entfernung gesehen, scheinen sie in einer Geraden zu liegen”.

     Ich kann von einer Linie // Strecke // sagen, der allgemeine Eindruck
ist der einer Geraden; aber nicht: “die Linie Strecke schaut gerade aus, denn sie
kann das Stück einer Linie sein, die mir als Ganzes Ganze den Eindruck der Gera-
den macht”. (Berge auf der Erde und auf dem Mond. Erde eine Kugel.)

     

     Das Experiment des Würfelns dauert eine gewisse Zeit, und unsere Erwar-
tungen über die zukünftigen Ergebnisse des Würfelns können sich nur auf
Tendenzen gründen, die wir in den Ergebnissen des Experiments wahrnehmen.
D.h., das Experiment kann nur die Erwartung begründen, dass es    so   wei-
tergehen wird, wie (es?) das Experiment gezeigt hat. Aber wir können nicht
erwarten, dass das Experiment, wenn fortgesetzt, nun Ergebnisse liefern
wird, die mehr als die des wirklich ausgeführten Experiments mit einer vor-
gefassten Meinung über seinen Verlauf übereinstimmen. Wenn ich also z.B.
Kopf und Adler werfe und in den Ergebnissen des Experiments keine Tendenz
der Kopf- und Adler-Zahlen finde, sich weiter <…> einander zu nähern, so
gibt das Experiment mir keinen Grund zur Annahme, dass seine Fortsetzung
eine solche Annäherung zeigen wird. Ja die Erwartung dieser Annäherung muss
sich selbst auf einen bestimmten Zeitpunkt beziehen, denn man kann nicht
sagen, man erwarte, dass ein Ereignis    einmal   — in der unendlichen
Ts-213,132r


132
Zukunft — eintreten werde.

     

     Alle “begründete Erwartung” ist Erwartung, dass eine bis jetzt beobach-
tete Regel weiterhin // weiter // gelten wird.

     (Die Regel aber muss beobachtet worden sein und kann nicht selbst wie-
der bloss erwartet werden.)

     

     Die Logik der Wahrscheinlichkeit hat es mit dem Zustand der Erwartung
nur soweit zu tun, wie die Logik überhaupt, mit dem Denken.

     
     
Von der Lichtquelle Q wird ein Lichtstrahl ausgesandt,
der die Scheibe AB trifft, dort einen Lichtpunkt er-
zeugt und dann die Scheibe AC trifft. Wir haben nun kei-
nen Grund zur Annahme, der Lichtpunkt auf AB werde
rechts von der Mitte M liegen, noch zur entgegengesetz-
ten; aber auch keinen Grund anzunehmen, der Lichtpunkt
auf AC werde auf    der   und nicht auf jener Seite von der Mitte m liegen.
// Wir haben nun keinen Grund, anzunehmen, dass der Lichtpunkt auf AB eher
auf der einen Seite der Mitte M, als auf der andern liegen wird; aber auch
keinen Grund, anzunehmen, der Lichtpunkt auf AC werde auf der einen und
nicht auf der andern Seite der Mitte m liegen. Das gibt also widerspre-
chende Wahrscheinlichkeiten. Wenn ich nun eine Annahme über den Grad der
Wahrscheinlichkeiten mache, dass der eine Lichtpunkt im Stück AM liegt, —
wie wird diese Annahme verifiziert. Wir denken meinen doch, durch einen Häufig-
keitsversuch. Angenommen nun, dieser bestätigt die Auffassung, dass die
Wahrscheinlichkeiten für das Stück AM und BM gleich sind (also für Am und
Cm verschieden), so ist sie damit als die richtige erkannt und erweist
sich also als eine physikalische Hypothese. Die geometrische Konstruktion
zeigt nur, dass die Gleichheit der Strecken AM und BM    kein   Grund zur
Annahme gleicher Wahrscheinlichkeit war.
Ts-213,133r


133
     

     Wenn ich annehme, die Messung ergebe, dass der Würfel genau und homogen
ist, und die Ziffern auf seinen Flächen die Wurfresultate nicht beeinflus-
sen, und die Hand, die ihn wirft, bewegt sich ohne bestimmte Regel; folgt
daraus die // eine// durchschnittlich gleichförmige Verteilung der Würfe
1 bis 6 unter den Wurfergebnissen? — Woraus sollte sie hervorgehen? Dass
der Würfel genau und homogen ist, kann doch keine    durchschnitt-
lich gleichförmige
   Verteilung von Resultaten begründen.
(Die Voraussetzung ist sozusagen homogen, die Folgerung wäre gesprenkelt.)
Und über die Bewegung beim Werfen haben wir ja keine Annahme gemacht. (Mit
der Gleichheit der beiden Heubündel hat man zwar begründet, dass der Esel
in ihrer Mitte verhungern (werde); aber nicht, dass er ungefähr gleich oft
von jedem fressen werde.) — Mit unseren Annahmen ist es auch vollkommen ver-
einbar, dass mit dem Würfel 100 Einser nacheinander geworfen werden, wenn
Reibung, Handbewegung, Luftwiderstand so zusammentreffen. Die Erfahrung,
dass das nie geschieht, ist eine, die diese Faktoren betrifft // ist eine
diese Faktoren betreffende//. Und die Vermutung der gleichmässigen Vertei-
lung der Wurfergebnisse ist eine Vermutung über das Arbeiten dieser Fakto-
ren // Einflüsse//.

     Wenn man sagt, ein gleicharmiger Hebel, auf den symmetrische Kräfte wir-
ken, müsse in Ruhe bleiben, weil keine Ursache vorhanden ist, weshalb er
sich eher auf die eine als auf die andre Seite neigen sollte, so heisst das
nur, dass, wenn wir gleiche Hebelarme und symmetrische Kräfte konstatiert
haben und nun der Hebel sich nach der einen Seite neigt, wir dies aus den
uns bekannten — oder von uns angenommenen <> Voraussetzungen nicht erklären
können. (Die Form, die wir “Erklärung” nennen, muss auch asymmetrisch sein;
wie die Operation, ?—die aus “a+b” “2a¿¿ “2a+3b” macht—?.) Wohl aber können wir
die andauernde Ruhe des Hebels aus unsern Voraussetzungen erklären. — Aber
auch eine schwingende Bewegung, die durchschnittlich gleich oft von der
Mitte //Mittellage// nach rechts und nach links gerichtet ist? Die schwin-
Ts-213,134r


134
gende Bewegung nicht, denn in der ist ja wieder Asymmetrie. Nur die Symme-
trie in dieser Asymmetrie. Hätte sich der Hebel gleichför[,|m]ig nach rechts ge-
dreht, so könnte man analog sagen: Mit der Symmetrie der Be[g|d]ingungen kann
ich die Gleichförmigkeit der Bewegung, aber nicht ihre Richtung erklären.

     Eine Ungleichförmigkeit der Verteilung der Wurfresultate ist mit der
Symmetrie des Würfels    nicht   zu erklären. Und nur insofern erklärt die-
se Symmetrie die Gleichförmigkeit der Verteilung. — Denn man kann natürlich
sagen: Wenn die Ziffern auf den Würfelflächen keine Wirkung haben, dann kann
ihre Verschiedenheit nicht eine Ungleichförmigkeit der Verteilung erklären;
und gleiche Umstände können selbstverständlich nicht Verschiedenheiten er-
klären; soweit also könnte man auf eine Gleichförmigkeit schliessen. Aber
woher dann überhaupt verschiedene Wurfresultate? Gewiss, was diese // Was
diese // erklärt, muss nun auch ihre durchschnittliche Gleichförmigkeit er-
klären. Die Regelmässigkeit des Würfels stört nur eben diese Gleichförmig-
keit nicht.

     

     Angenommen, Einer der täglich im Spiel würfelt, würde etwa eine Woche
lang nichts als Einser werfen, und zwar mit Würfeln, die nach allen anderen
Arten // Methoden// der Untersuchung [P|//] Prüfung// sich als gut erweisen,
und wenn ein Andrer sie wirft, auch die gewöhnlichen Resultate geben //lie-
fern
//. Hat er nun Grund, hier ein Naturgesetz anzunehmen, dem gemäss er im-
mer Einser wirft // werfen muss//; hat er Grund zu glauben, dass das nun so
weiter gehen wird, — oder (vielmehr) Grund anzunehmen, dass diese Regelmäs-
sigkeit nicht lange mehr andauern kann // wird//? Hat er also Grund das
Spiel aufzugeben, da es sich gezeigt hat, dass er nur Einser werfen kann;
oder weiterzuspielen, da es jetzt nur um so wahrscheinlicher ist, dass er
beim nächsten Wurf eine höhere Zahl werfen wird? — In Wirklichkeit wird er
sich weigern, die Regelmässigkeit als ein Naturgesetz anzuerkennen; zum min-
desten wird sie lang andauern müssen, ehe er diese Auffassung in Betracht
Ts-213,135r


135
zieht. Aber warum? — “Ich glaube, weil so viel frühere Erfahrung seines
Lebens gegen ein solches Gesetz spricht, die alle sozusagen — erst über-
wunden werden muss, ehe wir eine ganz neue Betrachtungsweise annehmen.

     

     Wenn wir aus der relativen Häufigkeit eines Ereignisses auf seine rela-
tive Häufigkeit in der Zukunft Schlüsse ziehen, so können wir das natürlich
nur nach der bisher tatsächlich beobachteten Häufigkeit tun. Und/nicht nach
einer, die wir aus der beobachteten durch irgend einen Prozess der Wahr-
scheinlichkeitsrechnung erhalten haben. Denn die berechnete Wahrscheinlich-
keit stimmt    mit jeder beliebigen   tatsächlich beobachteten
Häufigkeit überein, da sie die Zeit offen lässt.

     

     Wenn sich der Spieler, oder die Versicherungsgesellschaft, nach der
Wahrscheinlichkeit richten, so richten sie sich nicht nach der Wahrschein-
lichkeitsrechnung, denn nach dieser allein kann man sich nicht richten, da,
   was immer   geschieht, mit ihr in Uebereinstimmung zu bringen ist;
sondern die Versicherungsgesellschaft richtet sich nach einer tatsächlich
beobachteten Häufigkeit. Und zwar ist das natürlich eine absolute Häufig-
keit.
Ts-213,136r


136



     
34
                Der Begriff “ungefähr”.
                Problem des ‘Sandhaufens’.







     

     “Er kam    ungefähr   von dort (Pfeil)”.
“Ungefähr    da   ist der hellste Punkt des Horizontes”.
“Mach' das Brett ungefähr 2 m lang”.

     Muss ich, um das sagen zu können, Grenzen wissen, die den Spielraum
dieser Länge bestimmen? Offenbar nicht. Genügt es nicht z.B. zu sagen: “der
Spielraum ± 1 cm ist ohneweiteres erlaubt; ± 2 cm wäre schon zu viel”? —
Es ist doch dem Sinn meines Satzes auch wesentlich, dass ich nicht im-
stande bin, den Spielraum “genaue” Grenzen zu geben. Kommt das ˇnicht offenbar da-
her, dass der Raum, in dem ich hier arbeite, eine andere Metrik ¿is¿ hat,
als der Euklidische?

     Wenn man nämlich den Spielraum genau durch Versuch feststellen woll-
te, indem man die Länge ändert // und sich den Grenzen des Spielraums nä-
hert // und immer fragt, ob diese Länge noch angehe oder schon nicht mehr,
so käme man nach einigen Einschränkungen zu Widersprüchen, indem einmal ein
Punkt noch als innerhalb der Grenzen liegend bezeichnet würde, ein ander-
mal ein weiter innerhalb gelegener als schon unzulässig erklärt würde; bei-
des etwa mit der Bemerkung, die Angaben Antworten seien nicht mehr (ganz) sicher.
Ts-213,137r


137
     

     Die Unsicherheit ist von der Art, wie die, der Angabe des höchsten Punk-
tes einer Kurve. Wir sind eben nicht im ek euklidischen Raum und es gibt
hier nicht im euklidischen Sinne einen höchsten Punkt. Die Antwort wird
heissen: “der höchste Punkt ist ungefähr    da  ”, und die Grammatik des Wor-
tes “ungefähr” — in diesem Zusammenhang — gehört dann? zur Geometrie unseres
Raumes.

     

     Ist es denn nicht so, wie man etwa beim Fleischhauer nur auf Deka genau
abwiegt, obwohln das anderseits willkürlich ist, und nur bestimmt durch die
herkömmlichen Messinggewichte. Es genügt hier zu wissen: mehr als P1 wiegt
es nicht undw weniger als P2 auch nicht. Man könnte sagen: die Gewichtsan-
gabe besteht hier prinzipiell nicht aus einer Zahlangabe, sondern aus der
Angabe eines Intervalls, und die Intervalle bilden eine diskontinuierliche
Reihe.

     

     Man könnte doch sagen: “halte Dich jedenfalls    innerhalb   ± 1 cm”
damit eine willkürliche Grenze setzend. — Würde nun gesagt: “gut, aber dies
ist doch nicht die wirkliche Grenze des zulässigen Spielraums: welche ist
es also?” so wäre etwa die Antwort “ich weiss keine, ich weiss nur, dass
± 2 cm schon zu viel wäre”.

     
     
Denken wir uns folgendes psychologisches Experiment:
Wir zeigen dem Subjekt zwei Linien G1, G2, durch wel-
che quer die Gerade A gezogen ist. Das Stü[f|c]k dieser
Geraden, welches zwischen G1 und G2 liegt, werde ich
die Strecke a nennen. Wir z[ei|ie]hen nun in beliebiger
Entfernung von a und parallel dazu b und fragen, ob
er die Strecke b grösser sieht als a, oder die beiden Längen nicht mehr
unterscheidet. Er antwortet, b erscheine grösser als a. Darauf nähern wir
Ts-213,138r


138
uns a, indem wir die Distanz von a zu b mit unsern Messinstrumenten halbie-
ren und ziehen c. “Siehst Du c grösser als a?” — “Ja”. Wir halbieren die
Distanz c—a und ziehen d. “Siehst Du d grösser als a?” — “Ja”. Wir halbie-
ren a—d. “Siehst Du e grösser als a?” — “Nein”. Wir halbieren daher e—d.
“Siehst Du f grösser als e?” — “Ja”. Wir halbieren also e—f und ziehen h.
Wir könnten uns so auch von der linken Seite der Strecke a nähern, und dann
sagen, dass einer gesehenen Länge a im euklidischen Raum nicht    eine  
Länge, sondern ein Intervall von Längen entspricht, und in ähnlicher Weise
   einer   gesehenen Lage eines Strichs (etwa des Zeigers eines Instruments)
ein Intervall von Lagen im euklidischen Raum: aber dieses Intervall hat
nicht scharfe Grenzen. Das heisst: es ist nicht von Punkten begrenzt, son-
dern von konvergierenden Intervallen, die nicht gegen einen Punkt konver-
gieren. (Wie die Reihe der Dualbrüche, die wir durch Werfen von Kopf und
Adler erzeugen.) Das Charakteristische zweier Intervalle, die so nicht durch
Punkte sondern    unscharf   begrenzt sind, ist, dass auf die Frage, ob
sie einander übergreifen oder getrennt voneinander liegen, in gewissen Fäl-
len die Antwort lautet: “unentschieden”. Und dass die Frage, ob sie einan-
der berühren, einen En[f|d]punkt miteinander gemein haben, immer sinnlos ist, da
sie ja keine Endpunkte haben. Man könnte aber sagen: sie haben    vorläu-
fige
   Endpunkte. In dem Sinne, in welchem die Entwicklung von II ein
vorläufiges Ende hat. An dieser Eigenschaft des ‘unscharfen’ Intervalls ist
natürlich nichts geheimnisvolles, sondern das etwas Paradoxe k[¿k¿|l]ärt sich
durch die doppelte Verwendung des Wortes “Intervall” auf.

     Es ist dies der gleiche Fall, wie der der doppelten Verwendung des Wor-
tes “Schach”, wenn es einmal die Gesamtheit der jetzt geltenden Schachre-
geln bedeutet, ein andermal: das Spiel, welches N.N. in Persien erfunden
hat und welches sich so und so entwickelt hat. In einem Fall ist es unsin-
nig, von einer Aenderung // Entwicklung // der Schachregeln zu reden, im
andern Fall nicht. Wir können “Länge einer gemessenen Strecke” entweder
das nennen, was bei einer bestimmten Messung, die ich heute um 5 Uhr durch-
Ts-213,139r


139
führe, herauskommt, — dann gibt es für diese Lä[m|n]genangabe kein “± etc.” ¿[,|]¿
oder etwas, dem sich Messungen nähern etc.: in den zwei Fällen wird das
Wort “Länge” mit ganz verschiedener Grammatik gebraucht. Und ebenso das
Wort “Intervall”, wenn ich einmal etwas Fertiges, einmal etwas sich Entwik-
kelndes ein Intervall nenne.
I) die Intervalle liegen getrennt
     
II) sie liegen getrennt und berüh-
ren sich vorläufig
III) sie lie unentschieden
IV) unentschieden
V) unentschieden
VI) sie übergreifen
VII) sie übergreifen
Wir können uns aber nicht wundern, dass nun ein Intervall so seltsame Ei-
genschaften haben soll: da wir eben das Wort “Intervall” jetzt in einem
nicht gewöhnlichen Sinn gebrauchen. Und wir können nicht sagen, wir haben
neue Eigenschaften gewisser Intervalle entdeckt. Sowenig wie wir neue Eigen-
schaften des Schachkönigs entdecken würden, wenn wir die Regeln des Spiels
änderten, aber die Bezeichnung “Schach” und “König” beibehielten. ( Vergl. da-
gegen Brouwer, über das Gesetz des ausgeschlossenen Dritten.)

     Jener Versuch ergibt also wesentlich, was wir ein “unscharfes” Intervall
genannt haben; dagegen wären natürlich andere Experimente möglich // denk-
bar//, die statt dessen ein scharfes Intervall ergeben. Denken wir etwa,
wir bewegten ein Lineal von der Anfangsstellung b, und parallel zu dieser,
gegen a hin, bis in unserm Subjekt irgend eine bestimmte Reaktion einträte:
dann könnten wir den Punkt, an dem die Reaktion beginnt, die Grenze unseres
Streifens nennen. — So könnten wir natürlich auch ein Wägungsresultat “das
Gewicht eines Körpers” nennen und es gäbe dann in diesem Sinn eine absolut
genaue Wägung, d.i. eine, deren Resultat nicht die Form “G ± g” hat. Wir ha-
Ts-213,140r


140
ben damit unsere Ausdrucksweise geändert, und müssen nun sagen, dass das
Gewicht des Körpers schwankt und zwar nach einem uns unbekannten Gesetz.
(Die Unterscheidung Der Unterschied [¿t¿|z]wischen “absolut genauer” Wägung und “wesentlich un-
genauer” Wägung ist eine grammatische ein grammatischer und bezieht sich auf zwei verschie-
dene Bedeutungen des Ausdrucks “Ergebnis der Wägung”.)

     

     Die Unbestimmtheit des Wortes “Haufen”. Ich könnte definieren: ein
Körper von gewisser Form und Konsistenz etc. sei ein Haufe, wenn sein Vo-
lumen K m3 beträgt, oder mehr; was darunter liegt, will ich ein Häufchen
nennen. Dann gibt es kein grösstes Häufchen; das heisst: dann ist es sinn-
los, von dem “grössten Häufchen” zu reden. Umgekehrt könnte ich bestimmen:
Haufe solle alles das sein, was grösser als K m3 ist, und dann hätte der
Ausdruck “der kleinste Haufe” keine Bedeutung. Ist aber diese Unterschei-
dung nicht müssig? Gewiss, — wenn wir unter dem Volumen ein Messungsresul-
tat im gewöhnlichen Sinne verstehen; denn dieses Resultat hat die Form
“V ± v”. // Gewiss, — wenn wir unter dem Resultat der Messung des Volumens
einen Ausdruck von der Form “V ± v” verstehen.// Sonst aber könnte die // wäre diese // Unterscheidung so unbrauchbar sein, wie // Unterscheidung nicht müssiger sein als // die, zwischen einem Schock Aepfel und 61 Aepfeln.

     

     Zu dem Problem vom “Sandhaufen”: Man kö[h|n]nte sich hier, wie in ähnlichen
Fällen, einen offiziellen //offiziell festgesetzten// Begriff denken
//…denken, dass es einen offiziellen Begriff, wie den einer Schrittlän-
ge gäbe, // etwa: Haufe ist alles, was über einen ha[k|l]ben m3 gross ist. Die-
ser wäre aber dennoch nicht unser gewöhnlich gebrauchter Begriff. Für die-
sen liegt keine Abgrenzung vor (und bestimmen wir eine, so ändern wir den
Begriff); sondern es liegen nur Fälle vor, welche wir zum dem Umfang des
Begriffs // zu den Haufen// rechnen und solche, die wir nicht mehr zu
dem Umfang des Begriffs rechnen.

Ts-213,141r


141

     

     “Mach' mir hier einen Haufen Sand”. — “Gut, das nennt er gewiss noch
einen Haufen”. Ich konnte dem Befehl Folge leisten, also war er in Ordnung.
Wie aber ist es mit diesem Befehl: “Mach' mir den kleinsten Haufen, den Du
noch so nennst”? Ich würde sagen: das ist Unsinn; ich kann nur eine vor-
läufige obere und untere Grenze bestimmen.
Ts-213,142r


1



     
   Das augenblickliche Verstehn und die
Anwendung des Worts in der Zeit
  .





















Ts-213,143r


143
2

     
35
Ein Wort    verstehen   = es anwenden    können  .
Eine Sprache    verstehen  : Einen Kalkül    beherrschen  .








     

     Kann ich sagen mich uns interessiert nur der    Inhalt   des Satzes
Und der Inhalt des Satzes ist in ihm.

     

     Seinen Inhalt hat der Satz als Glied des Kalküls.

     

     Ist also “einen Satz verstehen” von der gleichen Art, wie “einen Kalkül
beherrschen”? Also wie: multiplizieren können?
     

     Die Bedeutung eines Worts verstehen, heisst, seinen Gebrauch kennen,
verstehen.

     

     “Ich kann das Wort ‘gelb’ anwenden” — ist das auf einer anderen Stufe
als “ich kann Schach spielen”, oder “ich kann den König im Schachspiel
verwenden”?

     

     Die Frage, die unmittelbar mit unserer in Beziehung steht, ist die
nach dem Sinn der Aussage “ich    kann   Schach spielen”?

     “Ich weiss, wie ein Bauer [d|z]iehen darf”.

     “Ich weiss, wie das Wort ‘Kugel’ gebraucht werden darf”.
Ts-213,144r


3
144
     
     

     Wenn ich sage “ich kann dieses Gewicht heben”, so kann man antworten:
“das wird sich zeigen, wenn Du es versuchst”; und geht e[w|s] dann nicht, so
kann man sagen “siehst Du, Du konntest es nicht”; und ich kann darauf
nicht antworten “doch, ich konnte es, als ich es sagte, nur als es zum
Aufheben kam, konnte ich es nicht”. Ob man es kann,    wird die Er-
fahrung zeigen
  . Anders ist es, wenn ich sage “ich verstehe
diesen Befehl”; dies ist, oder scheint ein Erlebnis zu sein. “Ich muss
wissen, ob ich ihn (jetzt) verstehe” — aber nicht: Ich muss wissen, ob
ich das Gewicht jetzt heben kann. — Wie ist es nun in dieser Hinsicht mit
dem Satz “ich kann Schach spielen”? Ist das etwas, was sich zeigen wird,
oder kann man sagen “als ich es behauptete, konnte ich Schach spielen, nur
jetzt kann ich es nicht”.

     Ist nicht das, was mich rechtfertigt, nur, dass ich mich erinnere, frü-
her Schach gespielt zu haben? Und etwa, dass ich, aufgefordert zur Probe
die Regeln im Geiste durchfliegen kann?

     

     Ist es nicht auch so beim Gebrauch des Wortes “Kugel”? Ich gebrauche
das Wort instinktiv. Aufgefordert aber, Rechenschaft darüber zu geben, ob
ich es verstehe, rufe ich mir, gleichsam zur Probe, gewisse Vorstellungen
hervor.

     (Es kann nicht darauf ankommen, ob die Sprache instinktiv oder halbin-
stinktiv gebraucht wird. Wir sind hier im Sumpf der graduellen Unterschie-
de, nicht auf dem festen Grund der Logik.)

     

     Wenn ich sage “sieh', dort ist eine Kugel”, oder “dort ist ein Kegel ”,
so kann die Ansicht auf beides passen, und wenn ich sage “ja,
ich sehe es ”, so unterscheide ich doch zwischen den beiden Hypothesen. Wie
ich im Schachspiel zwischen einem Bauer und dem König unterscheide, auch
Ts-213,145r


4
145
wenn der gegenwärtige Zug einer ist, den beide machen könnten, und wenn
selbst eine Königsfigur als Bauer fungierte.

     Das Wort “Kugel” ist mir    bekannt   und steht in mir für etwas;
d.h., es bringt mich in eine gewisse Stellung zu sich (wie ein Magnet ei-
ne Nadel in seine Richtung bringt).

     

     Man ist in der Philosophie immer in der Gefahr, eine Mythologie des
Symbolismus zu geben, oder der Psychologie. Statt einfach zu sagen, was
jeder weiss und zugeben muss.

     

     Wenn ich gefragt würde “kannst Du das Alphabet hersagen”, so würde
ich antworten: ja. — “Bist Du sicher” — “Ja”. Wenn ich nun aber im Hersa-
gen steckenbliebe und nicht weiter wüsste, so gibt es doch einen Fall, in
welchem ich sagen würde “ja, als ich sagte, ich könne es hersagen, da
konnte ich es”, und zwar dann, wenn ich es mir dama[.|l]s “im Geiste” herge-
sagt hätte. Ich würde dies auch als Beweis angeben. Das heisst aber, dass
das Hersagen im Geiste die Fähigkeit zum wirklichen Hersagen — so wie wir
hier das Wort Fähigkeit verstehen — enthält.



     

     Etwas tun    können   hat ja eben jenen schattenhaften Charakter, das
heisst, es erscheint wie als ein Schatten des wirklichen tatsächlichen Tuns, gerade wie der
Sinn des Satzes als Schatten seiner Verifikation // als Schatten einer
Tatsache // erscheint; oder das Verständnis des Befehles als Schatten sei-
ner Ausführung. Der Befehl “wirft, gleichsam, seinen Schatten schon vor-
aus”, oder, im Befehl wirft die Tat ihren Schatten voraus”. — Dieser
Schatten aber,    was immer   er sein mag, ist, was er ist, und nicht
das Ereignis. Er ist in sich selbst abgeschlossen und weist nicht weiter
als er selbst reicht.
     

     Das ist doch der gleiche Fall wie: “Kannst Du Deinen Arm heben?” In
welchem Falle würde ich dies verneinen müssen, oder bezweifeln? Solche
Ts-213,146r


5
146
Fälle sind leicht zu denken.

     Als Die Bestätigung dessen, dass wir den Arm heben können, sehen wir etwas
ein in einem Zucken mit den Muskeln an, oder eine kleine einer kleinen Bewegung des Arms. Oder
die geforderte Bewegung selbst, jetzt ausgeführt, als Kriterium dafür,
dass ich sie gleich darauf ausführen    kann  .
Ts-213,147r


6
147


     
36
Wie begleitet das Verstehen des Satzes das Aussprechen oder Hören
des Satzes?







     
     

     Das schwierigste Problem scheint der Gegensatz, das Verhältnis zu sein
zwischen dem Operieren mit der Sprache in der Zeit // im Lauf der Zeit //
und dem momentanen Erfassen des Satzes.

     

     Aber    wann   erfassen oder verstehen wir den Satz?!    Nachdem  
wir ihn ausgesprochen haben? — Und wenn, während wir ihn aussprechen; ist
das Verstehen ein artikulierter Vorgang, wie das Bilden des Satzes, oder
ein unartikulierter? Und wenn ein artikulierter: muss er nicht projektiv
mit dem andern verbunden sein? Denn sonst wäre seine Artikulation von
der ersten unabhängig.

     

     “Er sagt das, und    meint   es”: Vergleiche das einerseits mit: “er
sagt das, und schreibt    es   nieder”; anderseits mit: “er schreibt das
und unterschreibt    es  ”.

     

     Man könnte fragen: Wie lange braucht es man, um einen Satz zu verstehen.
Und wenn man ihn eine Stunde lang versteht, beginnt man da immer wieder
vom frischen?
Ts-213,148r


7
148
     

     Ist das Verstehen nicht das Erfassen des Satzes, so kann es auch nach
diesem (und warum nicht auch vorher) vor sich gehen.

     

     Ist das Verstehen eines Satzes dem Verstehen eines Schachzuges, als sol-
chen , nicht analog? Wer das Schachspiel gar nicht kennt und sieht jemand
einen Zug machen, der wird ihn nicht verstehen, d.h. nicht als Zug eines
Spieles verstehen. Und es ist etwas anderes, dem Spiel Zug mit Verständnis zu
folgen, als es ihn bloss zu sehen.

     

     Was ist es aber dann, das uns immer das Gefühl gibt, dass das Verstehen
eines Satzes das Verstehen von etwas ausserhalb ihm Liegendem ist und zwar
nicht von der Welt ausserhalb des Zeichens, wie sie eben ist, sondern von
der Welt, wie das Zeichen sie — gleichsam — wünscht.

     

     Man würde etwa (so?) sagen: Ich sage ja nicht nur “zeichne einen Kreis”,
sondern ich wünsche doch, dass der Andre etwas tut. (Gewiss!) Und dieses
Tun ist doch etwas anderes als das Sagen, und ist eben das Ausserhalb, wo-
rauf ich weise // worauf der Satz weist //.

     

     Das Verstehen eines Satzes der Wortsprache ist dem Verstehen eines mu-
sikalischen Themas (oder Musikstückes) viel verwandter, als man glaubt. Und
zwar so, dass das Verstehen des sprachlichen Satzes näher als man denkt
dem liegt, was man gewöhnlich das Verständnis des musikalischen Ausdrucks
nennt. — Warum pfeife ich das gerade    so  ? warum ich den Wechsel
der Stärke und des Zeitmasses gerade auf dieses ganz bestimmte Ideal ?
Ich möchte sagen: “weil ich weiss, was das alles heisst” — aber was heisst
es denn? — Ich wüsste es nicht zu sagen, ausser durch eine Uebersetzung in
einen Vorgang vom gleichen Ry Rhythmus.

Ts-213,148v


Ts-213,149r


8
149
     

     Das Können und Verstehen wird von der Sprache scheinbar als Zustand
dargestellt, wie der Zahnschmerz, und das ist die falsche Analogie, unter
der ich laboriere.

     

     Wie, wenn man fragte: Wann    kannst   Du Schach spielen? Immer? oder
während Du es sagst? aber während des ganzen Satzes? — Und wie seltsam ,
dass Schachspielen-Können so kurze Zeit braucht // dauert// und eine
Schachpartie so viel länger!

     

     Wenn nun “das Wort ‘gelb’ verstehen” heisst, es anwenden können, so
besteht ist die gleiche Frage: Wann    kannst   Du es anwenden. Redest Du von
einer Dispo[w|s]ition? Ist es eine Vermutung?

     

     Augustinus: “   Wann   messe ich einen Zeitraum? Aehnlich meiner Frage:
   Wann kann   ich Schach spielen.
Ts-213,149v


Ts-213,150r


9
150


     
37
Zeigt sich die Bedeutung eines Wortes in der Zeit? Wie der tatsächliche
Freiheitsgrad eines Mechanismus.
Enthüllt sich die Bedeutung des Worts erst nach und nach wie seine
Anwendung fortschr[¿i¿|e]itet?







     


     Es ist eine sehr merkwürdige Tatsache, dass ich mich bei dem Gebrauch
der Sprache nicht erinnere, wie ich sie gelernt habe. Ich sage “hier sehe
ich eine schwarze Kugel”. Ich wei[w|s]s nicht, wie ich “schwarz” und “Kugel”
gelernt habe. Meine Anwendung der Wörter ist unabhängig von diesem Erler-
nen
. Es ist so, als hätte ich die Wörter selbst geprägt. Und hier werden
wir wieder zu der Frage geführt: Wenn die Grammatik, die von den Wörtern
handelt, für ihre Bedeutung wesentlich ist, muss ich die grammatischen Re-
geln, die von einem Wort handeln, alle im Kopf haben, wenn es für mich et-
was bedeuten soll? Oder ist es hier, wie im Mechanismus: Das Rad, das
stillsteht, oder auch sich dreht, das Rad in einer Lage, weiss, gleichsam,
nicht, welche Bewegung ihm noch erlaubt ist, der Kolben weiss nicht, wel-
ches Gesetz seiner Bewegung vorgeschrieben ist; und doch wirkt das Rad und
der Kolben nur durch jene Gebundenheit // jenes Gebundensein//.

     Soll ich also sagen: Die grammatischen Regeln wirken in der Zeit? (Wie
jene Führung.)
     
     
     

     Also: Das Wort “Kugel” wirkt nur in der Art durch die Art seiner Anwendung. Und es
Ts-213,150v


Ts-213,151r


10
151
wäre die seltsame Frage denkbar: “wie kann ich denn dann gleich wissen, was
ich mit ‘Kugel’ meine , ich kann doch nicht die ganze Art der Anwendung auf
einmal
im Kopfe haben?”

     

     Und ist es nicht ähnlich mit dem Schachspiel: in irgend einem Sinne kann
man sagen, ich wisse die Regeln des Schachspiels (habe sie im Kopf), wäh-
rend ich spiele. Aber ist dieses “sie im Kopf haben” nicht wirklich nur ei-
ne Hypothese. Habe ich sie nicht nur insofern im Kopf, als si ich sie in je-
dem besondern Falle anwende? — Gewiss, dies issen ist nur das hypotheti-
sche Reservoir, woraus das wirklich gesehene Wasser fliesst.

     

     Das Verständnis der Sprache — quasi des Spiels — scheint wie ein Hinter-
grund, auf dem der einzelne Satz erst Bedeutung gewinnt.

     

     Die allgemeine Regel erst enthüllt den [D|F]reiheitsgrad, die Beweglichkeit
des Mechanismus. Das Bild des Mechanismus in einer seiner Stellungen ent-
hält hievon nicht.

     

     Soll ich nun sagen, der Freiheitsgrad des Mechanismus kann sich nur mit
der Zeit enthüllen? Aber wie kann ich dann je wissen, dass er gewisse Bewe-
gungen    nicht   machen kann (und dass er gewisse Bewegungen machen kann,
die er gerade noch nicht gemacht hat).

     

     Das Verständnis als eine    Disposition   der Seele, oder des
Gehirns, geht uns nichts an.

     
     
38
Begleitet eine Kenntnis der grammatischen Regeln den Ausdruck des Sat-
zes, wenn wir ihn — seine Worte — verstehn?







     
     

     Kann ich nicht sagen: ich meine die Verneinung, welche verdoppelt eine
Bejahung gibt?

     

     Wäre das nicht, als würde man sagen: Ich meine die Gerade, deren zwei
sich in einem Punkt schneiden.

     

      Wenn Du von Rot gesprochen hast, hast Du dann das gemeint,
wovon man sagen kann, es sei hell, aber nicht grün, auch wenn Du an diese
Regel nicht gedacht, oder von ihr Gebrauch gemacht hast? — Hast Du das
‘non’ verwendet, wofür non—non—non—p = non—p ist? auch wenn Du diese
Regel nicht verwendet hast? Ist es etwa eine Hypothese, dass es    das  
non war? Kann es zweifelhaft sein, ob es dasselbe war, und durch die Er-
fahrung bestätigt werden.

     

     Was heisst die Frage: Ist das dasselbe ‘non’, für welches die Regel
non—non—non—p = non—p gilt?

     

     “Meinst Du das ‘non’ so, dass ich aus non—p non—non—non—p schliessen
kann?”
Ts-213,152v


Ts-213,153r


12
153
     

     Das Schachspiel ist gewiss durch seine Regeln (sein Regelverzeichnis)
charakterisiert. Und wir sagen, daß Einer, der eine Partie
Schach spielt
und jetzt einen Zug macht, etwas anderes tut, als der, der nicht Schach
spielen kann ( d.h. das Spiel nicht kennt) und nun eine Figur in die Hand
nimmt und sie zufällig der Regel gemäss bewegt. Anderseits ist es klar,
dass der Unterschied nicht darin besteht, dass der Erste in irgend einer
Form die Regeln des Schachspiels vor sich hersagt oder überdenkt. — Wenn
ich nun sage: “dass er Schach spielen kann, (wirklich Schach spielt, die
Absicht hat, Schach zu spielen) besteht darin, dass er die Regeln kennt”,
ist diese Kenntnis der Regeln in jedem Zuge in irgendeiner Form enthalten?

     Was heisst das: “er tut etwas anderes”? Hierin liegt schon die Verwen-
dung eines falschen Bildes. Worin besteht der Unterschied? Man denkt da
wieder an Gehirnvorgänge.

     
      Wenn das Schachspiel durch seine Regeln definiert ist, so gehören diese
Regeln zur Grammatik des Wortes “Schach”.
Ts-213,154r


13
154

     
      Kann man eine Intention haben, ohne sie auszudrücken? Kann man die Ab-
sicht haben, Schach zu spielen (in dem Sinne, in welchem man apodiktisch
sagt “ich hatte die Absicht Schach zu spielen;    ich muss es
doch wissen”),
   ohne einen Ausdruck dieser Absicht? — Könnte man
da nicht fragen: Woher weisst Du, dass das, was Du hattest,    diese   Ab-
sicht war?

     Ist die Absicht Schach zu spielen etwa wie die Vorliebe für das Spiel,
oder für eine Person. Wo ? man auch fragen könnte: Hast Du diese Vorliebe
die ganze Zeit oder etc., und die Antwort ist, dass “eine Vorliebe haben”
gewisse Handlungen, Gedanken und Gefühle einschliesst und andere aus-
schliesst.


     

      ich nicht sagen: “Ich weiss, dass ich die Absicht hatte,    denn  
ich habe mir gedacht ‘jetzt komme ich endlich zum Schachspielen’” oder
etc. etc..

     

     Es würde sich mit der Absicht in diesem Sinne auch vollkommen vertra-
gen, wenn ich beim ersten Zug darauf käme, dass ich alle Schachregeln ver-
gessen habe, und zwar so, dass ich nicht etwa sagen könnte “ja, als ich
den Vorsatz hatte // fasste //, da hatte // habe// ich sie noch gewusst”.

     

     Es wäre wichtig, den Fehler allgemein auszudrücken, den ich in allen
diesen Betrachtungen zu machen neige //geneigt bin //. Die falsche Analo-
gie, aus der er entspringt.

     

     Ich glaube, jener Fehler liegt in der Idee, dass die Bedeutung eines
Wortes eine Vorstellung ist, die das Wort begleitet.

     Und diese Conception hat wieder mit der des Bewusst-Seins zu tun.
// Und diese Conception steht wieder … in Verbindung.// Dessen, was
ich immmer “das Primäre” nannte.

     

     Es stört uns quasi, dass der Gedanke eines Satzes in [m|k]einem Moment ganz
vorhanden ist. Hier sehen wir, dass wir den Gedanken mit einem Ding ver-
gleichen, welches wir erzeugen, und das wir nie als Ganzes besitzen; son-
dern, kaum entsteht ein Teil, so verschwindet ein andrer. Das hat gewisser-
massen
etwas unbefriedigendes, weil wir — wieder durch eine Erklärung //ein
Gleichnis// verführt — uns etwas Anderes erwarten.

     

     Der Spieler, der die Intention hatte, Schach zu spielen, hatte sie schon
dadurch, dass er zu sich etwa die Worte sagte “jetzt wollen wir Schach
spielen”.
Ts-213,154v


Ts-213,155r


14
155
spielen”.
      Ich will sagen, dass das Wort “Schach” eben auch (nur) ein Stein in
einem ist . Wird der Kalkül beschrieben, so müssen wir die Regeln
tabulieren // tabuliert vor uns haben//, wird er aber angewandt, so wird
jetzt gemäss der einen, dann gemäss der andern Regel vorgegangen, dabei
kann uns ihr Ausdruck vorschweben, oder auch nicht.

     

     Muss denn dem, der das Wort “Schach” gebraucht, eine Definition des
Wortes vorschweben? Gewiss nicht. — Gefragt, was er unter “Schach” ver-
steht, wird er erst eine geben. Diese Definition ist selber ein bestimm-
ter Schritt .

     

     Wenn ich aber nun fragte: Wie Du das Wort ausgesprochen hast, was
hast Du damit gemeint? — Wenn er mir darauf antwortet: “ich habe das Spiel
gemeint, das wir so oft gespielt haben etc.. etc.”, so weiss ich, dass
ihm diese Erklärung in keiner Weise beim Gebrauch des Wortes vorgeschwebt
hatte, und dass seine Antwort meine Frage nicht in    dem   Sinn beantwor-
tet, dass sie mir sagt, was, , “in ihm vorging // vorgegangen ist//”,
als er dieses Wort sagte.

     
     

     Denn die Frage ist eben, ob unter der “Bedeutung, in der man ein Wort
gebraucht” ein Vorgang verstanden werden soll, den wir beim Sprechen oder
Hören des Wortes erleben.

     
      Die Quelle des Fehlers scheint die Idee vom    Gedanken   zu sein,
   der      den Satz begleitet  . Oder seinem Ausdruck voran-
geht. Dem Wortausdruck kann natürlich ein andrer Ausdruck vorangehen, aber
für uns kommt der [u|U]nterschied // Artunterschied// dieser beiden Ausdrük-
ke — oder Gedanken — nicht in Betracht. Und es kann der Gedanke unmittel-
Ts-213,156r


15
156
bar in seiner Wortform gedacht werden.

     

     Man könnte sagen: auf die Aussage “dieser Satz hat Sinn” kann man nicht
wesentlich fragen “welchen?” So wie man ja auch auf den Satz “diese Worte
sind ein Satz” nicht fragen kann “welcher?”

     

     “Er hat diese Worte gesagt, sich aber dabei gar nichts gedacht.” —
“Doch, ich habe mir etwas gedacht”. — “Und zwar was denn?” — “Nun,
, was ich gesagt habe”.

     

     “Dieses Wort hat doch eine ganz bestimmte Bedeutung”. Wie ist sie denn
(ganz) bestimmt?

     

     ”Ich habe etwas bestimmtes damit gemeint, als ich sagte …”. — hast Du bei jedem
Wort etwas anderes gemeint, oder während des ganzen Satzes dasselbe?”

     
Uebrigens komisch, wenn man bei jedem — sagen wir, deutschen —
Wort etwas meint, eine Zusammenstellung solcher Wörter Unsinn sein kann!

     

     “Ich meine aber doch mit diesen Worten etwas”. Gewiss: im Gegensatz zu dem Falle, wo ich nichts meine, wo ich etwa Silben ihres komischen
Klangs wegen aneinander reihe.

     Ich will eigentlich sagen, dass ‘ich meine etwas mit den Worten’ nur
heisst: ich unterscheide doch diesen Fall von dem des sinnlossen Plapperns
etc.. Und das ist zugegeben. Aber es ist damit noch keine besondere Theorie
des Meinens gegeben.

     

     Und so geht es in allen solchen Fällen. Wenn etwa jemand sagt: “aber
ich meine doch wirklich, dass der Andere Zahnschmerzen hat; nicht, dass er
Ts-213,157r


16
157
sich bloss so benimmt”. Immer muss man antworten: “Gewiss” und zugeben,
dass auch wir diese Unterscheidung machen müssen. //dass diese Unterschei-
dung besteht.//

     
      “Jetzt

     “Jetzt sehe ich's erst, er zeigt immer auf die Leute, die dort vorüber-
gehen”. Er hat ein System verstanden: wie Einer, dem ich die Ziffern
1, 4, 9, 16 zeige und der sagt “ich versteh' jetzt das System, ich kann
jetzt selbst weiterschreiben”. Aber was ist diesem Menschen geschehen, als
er das System plötzlich verstand?

     

     Es handelt sich beim Verstehen nicht um einen Akt des momentanen, sozu-
sagen nicht diskursiven, Erfassens der Grammatik. Als könnte man sie gleich-
sam auf einmal herunterschlucken.

     

     Das also, was der macht , der auf einmal die Bewegung des Andern deutet
(ich sage nicht “richtig deutet”), ist ein Schritt in einem Kalkül. Er
   tut   ungefähr was er    sagt  , wenn er seinem Verständnis Ausdruck
gibt. — Und wenn ich sage “was er
macht, ist der Schritt eines Kalküls”, so heisst das, dass ich diesen Kal-
kül schon kenne; in dem Sinne, in dem ich die deutsche Sprache kenne, oder
das Ei[i|n]maleins.

     Welche ich ja auch nicht so in mir habe, als wäre wären die ganze deutsche
Grammatik und die Einmaleins-Sätze zusammengeschoben auf Etwas, was man
auf einmal, als Ganzes, erfassen kann. // was ich nun als Gan-
zes besitze. //

     

     Gewiss, der Vorgang des “jetzt versteh' ich …!” ist ein ganz spezi-
Ts-213,158r


17
158
fischer, aber es    ist   eben auch ein ganz spezifischer Vorgang, wenn wir
auf einen bekannten Kalkül stossen, wenn wir “weiter wissen”.

     Aber dieses Weiter-Wissen ist eben auch    diskursiv   (nicht intui-
tiv
).



     

     Intuitives Denken, das wäre so, wie eine Schachpartie auf die Form eines
dauernden, gleichbleibenden Zustandes gebracht

Ts-213,159r


18
159
     
39
Die grammatischen Regeln — und die Bedeutung eines Wortes.
Ist die Bedeutung, wenn wir sie verstehen, ‘auf einmal’ erfasst: und in
den grammatischen Regeln gleichsam ausgebreitet?







     

     Und doch ist noch etwas unklar // nicht klar//, was sich z.B. in der
dreifachen Verwendung des Wortes ‘ist’ zeigt. Denn, was heisst es, wenn
ich sage, dass im Satz ‘die Rose ist rot’ das ist eine andere Bedeutung
hat, als in ‘zweimal zwei ist vier’? Wenn man sagt, es heisse, dass ver-
schiedene Regeln von diesen beiden Wörtern gelten, so muss man zunächst
sagen, dass wir hier nur    ein   Wort haben. Zu sagen aber: von diesem
gelten in einem Fall    die   Regeln, im anderen jene, ist Unsinn.

     Und das hängt wieder mit der Frage zusammen, wie wir uns denn aller Re-
geln bewusst sind, wenn wir ein Wort in einer bestimmten Bedeutung gebrau-
chen, und doch die Regeln die Bedeutung ausmachen?

     

     Wenn ich nun aber das Wort “ist” betrachte: Wie kann ich hier zwei ver-
schiedene Anwendungsarten unterscheiden, wenn ich nur auf die grammati-
schen Regeln sehe //achte //? Denn diese erlauben ja eben die Verwendung
des Wortes im Zusammenhang “die Rose ist rot” und “zweimal zwei ist vier”.
An diesen Regeln sehe ich nicht, dass es sich um zwei verschiedene Wörter
Ts-213,159v


Ts-213,160r


19
160
handelt // dass wir hier zwei verschiedene Wörter haben //. — Ich ersehe
es aber z.B. wenn ich versuche, in beiden Sätzen statt “ist” “ist gleich”
zu setzen // einzusetzen// (oder auch den Ausdruck “hat die Eigenschaft”).
Aber nur wieder, weil ich für den Ausdruck “ist gleich” die Regel kenne,
dass er in “die Rose …rot” nicht eingesetzt werden darf //nicht stehen
darf//.

     

     Wenn ich mich weigere ein Wort, z.B. das Wort ‘ist gleich’ in zwei Zu-
sammenhängen zu gebrauchen, so ist der Grund das, was wir mit den Worten
beschreiben “das Wort habe in den beiden Fällen verschiedene Bedeutung”.
//das Wort werde in diesen Fällen in verschiedenem Sinn gebraucht.//

     

     Kann ich nun aber das, was die grammatischen Regeln von einem Worte sa-
gen, auch anders beschreiben, nämlich durch die Beschreibung des Vorgangs,
der beim Verstehen des Wortes stattfindet?

     

     Wenn also die Grammatik — z.B. — die Geometrie der Verneinung ist, kann
ich sie durch eine Beschreibung dessen ersetzen, was bei der Verwendung
sozusagen hinter dem Wort ‘nicht’ steht?

     

     Aber so eine Beschreibung wäre doch — wie gesagt — ein Ersatz des Wor-
tes // für das Wort // ‘nicht’, etwa wie
und könnte die Grammatik
nicht ersetzen. (?)

     

      In meiner Darstellung schienen doch die grammatischen Regeln die Aus-
einanderlegung dessen, was ich im Gebrauch des Wortes auf einmal erlebe. Sozusagen (nur?) Folgen, Aeusserungen, der Eigenschaften, die ich beim Ver-
Ts-213,161r


20
161
stehen auf einmal erlebe. Das muss natürliche ein Unsinn sein.

     

     Man sagen: die Verneinung hat die Eigenschaft,
sie verdoppelt eine Bejahung . Während die Regel die Verneinung
nicht näher beschreibt, sondern konstituiert.

     

     Dass wir dieses Wort dieser Regel gemäss gebrauchen, das dafür einsetzen
etc., damit dokumentieren wir, wie wir es meinen.

     

     “Wie ich einen Körper durch seine verschiedenen Ansichten geben kann
und er mit diesen äquivalent ist, so offenbart sich die Natur der Negation
in den verschiedenen, grammatisch erlaubten Anwendungen des Negationszei-
chens.”

     

     ”Die doppelte Negation gibt eine Bejahung”, das klingt so wie: Kohle
und Sauerstoff gibt Kohlensäure. Aber in Wirklichkeit    gibt   die doppel-
te Negation nichts, sondern    ist   etwas.

     

     ”Wer die Negation versteht, der weiss, dass die doppelte Negation …”

     

     Es täuscht uns da etwas eine physikalische Tatsache vor.

     So, als sähen wir ein Ergebnis    des logischen   Prozesses.
Während das Ergebnis nur das des    physikalischen   Prozesses ist.

     

     Das Wort ‘nicht’ in der grammatischen Regel hat keine Bedeutung, sonst
könnte    das   nicht von ihm ausgesagt werden.

     

     Die Negation hat keine andere Eigenschaft, als etwa die, in gewissen
Ts-213,162r


21
162
Sätzen, die Wahrheit zu ergeben.

     Und ebenso hat ein Kreis die Eigenschaft, da oder dort zu stehen, diese
Farbe zu haben, von einer Geraden    tatsächlich   geschnitten zu
werden; aber nicht, was ihm die Geometrie zuzuschreiben scheint. (Nämlich
diese Eigenschaften haben zu können.)

     


     Was heisst es: “Dieses Papier ist nicht schwarz und ‘nicht’ ist hier in
dem Sinne // ist hier so// gebraucht, dass eine dreifache Verneinung eine
Verneinung ergibt”? Wie hat sich denn das im Gebrauch geäussert?

     Oder: “Dieses Papier ist nicht schwarz und zwei von diesen Verneinungen
geben eine Bejahung”. Kann ich das sagen?

     Oder: “Dieses Buch ist rot und die Rose ist rot und die beiden Wörter
‘rot’ haben die gleiche Bedeutung”. (Dieser Satz ist von gleicher Art wie die
beiden oberen.) Was ist denn das für ein Satz? ein grammatischer? Sagt er et-
was über das Buch und die Rose?

     Ist der Zusatz zum Verständnis des ersten Satzes nicht nötig, so ist er Un-
sinn, und wenn nötig, dann war das erste noch kein Satz; und dasselbe gilt in
den oberen Fällen.

     

     “Dass 3 Verneinungen wieder eine Verneinung ergeben, muss doch schon in der
einen Verneinung, die ich jetzt gebrauche, liegen”. Aber deute ich hier nicht
schon wieder? ( D.h. bin ich nicht im Begriffe, eine Mythologie zu erfinden?)

     

     Heisst es etwas, zu sagen, dass drei    solche   Verneinungen eine Ver-
neinu[g|n]g ergeben. (Das erinnert immer an “drei solche Pferde können diesen Wa-
gen fortbewegen”.) Aber, wie gesagt, in jenem logischen Satz ist gar nicht
von der Verneinung die Rede (von der Verneinung handeln nur Sätze wie: es reg-
net nicht) sondern nur vom Wort ‘nicht’, und es ist eine Regel über die Er-
setzung eines Zeichens durch ein anderes.
Ts-213,163r


22
163
     

     Aber können wir die Berechtigung dieser Regel nicht einsehen, wenn wir
die Verneinung verstehen? Ist sie nicht eine Folge aus dem Wesen der Ver-
neinung? Sie ist nicht eine Folge, aber ein Ausdruck dieses Wesens.

     

     Was wir sehen, wenn wir einsehen, dass eine doppelte Verneinung etc.…
muss von der Art dessen sein, was wir im Zeichen
wahrnehmen. (?)

     

     Die Geometrie spricht so wenig von Würfeln, wie die Logik von der
Verneinung.

     (Man möchte hier vielleicht einwenden, dass die Geometrie vom Begriff
des Würfels und die Logik vom Begriff der Negation handelt. Aber diese Be-
griffe gibt es nicht.)

     

     Man kann einen Würfel
beschreiben. Aber kann ich denn nicht beschreiben, wie man z.B. eine Kiste
macht? und ist damit nicht eine Beschreib[j|u]ng gegeben? Das We-
sentliche am Würfel ist damit nicht beschrieben, das steckt vielmehr in der
Möglichkeit dieser Beschreibung, d.h. darin, dass sie eine Beschreibung
ist; nicht darin, dass sie zutrifft.

     

     Nun kann ich doch aber sagen: “Ich sehe die Figur
3-dimensional”. Aber dieser Satz entspricht der Be-
schreibung einer Kiste. Er beschreibt einen bestimmten Würfel, nicht die
Würfelform. Freilich kann ich das Wort “Würfelform” definieren. D.h. Zei-
chen geben, durch die es ersetzt werden kann. darf.

     

     Man kann eine geometrische Figur nicht be[¿w¿|s]chreiben. Auch die Gleichung
beschreibt sie nicht, ?—sondern vertritt sie durch die Regeln, die von ihr
gelten—?.
Ts-213,164r


23
164


     

     Und haben wir hier nicht das Wort “Figur” so angewendet // angewandt//,
wie in unseren Betrachtungen so oft das Wort “Gedanke” oder “Symbol”? Die
Art der Anwendung dieses Wortes, von welcher ich sagte, es bedeute dann kein
Phänomen, sondern sei quasi ein unvollständiges Zeichen //Symbol// und ent-
spreche eher einer Funktion.

     

     Man kann auch nicht sagen, die Würfelform habe die Eigenschaft, lauter
gleiche Seiten zu besitzen. Wohl aber hat ein Holzklotz diese Eigenschaft.
(Noch hat “die Eins die Eigenschaft, zu sich selbst addiert, zwei zu erge-
ben”.)

     

     Ich sagte doch: Es schien, als wären die grammatischen Regeln die ‘Folgen
in der Zeit’ dessen, was wir in einem Augenblick wahrnehmen, wenn wir eine
Verneinung verstehen.

     Und als gebe es also zwei Darstellungen des Wesens der Verneinung: Den
Akt (etwa den seelischen Akt) der Verneinung selbst, und seine Spiegelung in
dem System der Grammatik.

     

     Man ist versucht zu sagen // könnte sagen//: die Gestalt eines Würfels
wird doch sowohl durch die Grammatik des Wortes “Würfel[|], als auch durch ei-
nen Würfel, dargestellt.

     

     In “non-p & (non-non-p = p)” kann der zweite Teil nur eine Spielregel
sein.

     

      Es hat den Anschein, als könnte man aus der Bedeutung der Negation
   schliessen  , dass non-non-p, p heisst.

     

     Als würden aus der Natur der Negation die Regeln über das Negationszeichen
   folgen  .
Ts-213,165r


24
   folgen  .

     So dass, in gewissem Sinne, die Negation zuerst vorhanden wäre ist und dann
die Regeln der Grammatik.

     

     Es ist also, als hätte das Wesen der Negation einen zweifachen Ausdruck
in der Sprache: Dasjenige, was ich sehe, wenn ich die Negation verstehe,
und die Folgen dieses Wesens in der Grammatik.

     

     Zu sagen, dass eine Vierteldrehung ein Quadrat mit sich selbst zur Deckung
bringt, heisst doch offenbar nichts andres als: Das Quadrat ist um ?
zwei zueinander senkrechte Achsen symmetrisch, und das wieder, dass es Sinn
hat, von zwei senkrechten Achsen zu reden, ob sie vorhanden sind oder nicht.
Dies ist ein Satz der Grammatik.

     

     Die Schwierigkeit ist wieder, dass es scheint, als wäre in einem Satz,
der das Wort ‘Quadrat’ enthält, schon der Schatten eines andern Satzes
mit diesem Worte enthalten. — Nämlich eben die    Möglichkeit   je-
nen anderen Satz zu bilden, die ja, wie ich sagte, im Sinn des Wortes ‘Qua-
drat’ liegt.

     Und doch kann man eben nur sagen, der andere Satz ist nicht mit diesem
ausgesprochen, auch nicht schattenhaft.

     
      Statt der Betrachtung der Negation, könnte ich auch die eines Pfeiles
setzen und z.B. sagen: wenn ich ihn zweimal um 180o drehe, zeigt er wieder,
wohin er jetzt zeigt: welcher Satz dem non-non-p = p entspricht. Wie ist
es nun hier mit der Darstellung des Wesens dieses Pfeils durch die Sprache?
Jener Satz muss doch unmittelbar von diesem Wesen abgeleitet // abgelesen //
sein und es also darstellen.
Ts-213,166r


25
darstellen.
      Oder nehmen wir den Fall eines Quadrats und eines Rechtecks und die Sät-
ze, dass das Quadrat durch eine Vierteldrehung mit sich selbst zur Deckung
gebracht werden kann; das Rechteck aber erst durch eine halbe Drehung.

     

     Es frägt sich: Was ist das für ein Satz “das Wort ‘ist’ in ‘die Rose ist
rot’ ist dasselbe, wie in ‘das Bu[h|c]h ist rot’, aber nicht dasselbe, wie in
‘zweimal zwei ist vier’? Man kann nicht antworten, es heisse, verschiedene
Regeln gelten von den beiden Wörtern, denn damit geht man im Zirkel. Wohl
aber heisst es, das Wort ist in seinen verschiedenen Verbindungen durch zwei
Zeichen ersetzbar, die nicht für einander einzusetzen sind. Ersetze ich da-
gegen das Wort in den beiden ersten Sätzen durch zwei verschiedene Wörter, so
darf ich sie für einander einsetze[h|n].

     

     Nun könnte ich wieder fragen: sind diese Regeln // ist diese Regel// nur
eine    Folge   des    Ersten  : dass im einen Fall die beiden Wörter ‘ist’
die gleiche Bedeutung haben, im andern Fall nicht? Oder ist es so, dass diese
Regel eben der sprachliche Ausdruck dafür ist, dass die Wörter das Gleiche be-
deuten?

     

     Ich will es damit vergleichen , dass das Wort ‘ist’ einen andern körper
hinter sich hat . Dass es beide Male die gleiche Fläche ist, die einem andern
Körper angehört, wie wenn ich ein Dreieck im Vordergrund sehe, das das eine
Mal die Endfläche eines Prismas, das andre Mal eine[w|s] Tetraeders ist.

     

     Oder denken wir unsd diesen Fall: Wir hätten Glaswürfel, deren eine Seite
//Seitenfläche// rot gefärbt wäre. Wenn wir sie aneinander reihen, so w[r|i]rd
¿im¿ Raum nur eine ganz bestimmte Anordnung roter Quadrate entstehen können, be-
dingt durch die Würfelform der Körper. Ich könnte nun die Regel, nach der
Ts-213,167r


26
hier rote Qud Quadrate angeordnet sein können, auch ohne Erwähnung der Würfel
angeben , aber in ihr wäre doch bereits das Wesen der Würfelform präjudiziert.
Freilich nicht, dass wir gläserne Würfel haben wohl aber die Geometrie des
Würfels.

     

     Wenn wir nun aber einen Würfel    sehen  , sind    damit   wirk-
lich schon alle Gesetze der möglichen Zusammenstellung ge[b|g]eben?! Also die Geometrie.

     Kann ich die Geometrie des Würfels von einem Würfel ablesen?

     

     Der Würfel ist dann eine Notation der Regel.

     Und hätten wir eine solche Regel gefunden, so könnten wir sie wirklich
nicht besser notieren, als durch die Zeichnung eines Würfels (und dass es
hier eine Zeichnung tut, ist wieder ungemein bedeutsam ).

     

     Und nun ist die Frage: in wiefern kann der Würfel oder die Zeichnung (denn
die beiden kommen hier auf dasselbe hinaus // auf eine hinaus//) als Nota-
tion der geometrischen Regeln dienen?

     

     Doch nur, sofern er einem System angehört : nämli[h|c]h der Würfel mit der
einen roten Endfläche wird etwas anderes notieren, als eine Pyramide mit qua-
dratischer roter Basis, etc.. D.h., es wird dasjenige Merkmal der Regeln no-
tieren, worin sich z.B. der Würfel von der Pyramide unterscheidet.

     

     Jedes Zeichen der Negation ist gleichwertig jedem andern, denn

ist ebenso ein Komplex von Strichen, wie das Wort “nicht”, und
zur Negation wird es nur durch die Art, wie es ‘   wirkt  ’.
Ts-213,167v


Ts-213,168r


27
     

     Ich möchte sagen: Nur dynamisch wirkt das Zeichen, nicht statisch.
Der Gedanke ist dynamisch.

     

     Dass die Tautologie und Kontradiktion nichts sagen, geht nicht etwa aus dem
W-F-Schema hervor, sondern muss festgesetzt werden. Und die Schemata machen
nur die Form der allgemeinen Festsetzung einfach. // …machen nur die Fest-
setzung der Form leicht. einfach.//



     


     Du sagst, das Hinweisen auf einen roten Gegenstand ist das primäre Zeichen
für ‘rot’. Aber das Hinweisen auf einen roten Gegenstand ist nicht mehr, als
die bestimmte Handbewegung gegen einen roten Gegenstand, und ist gar
kein Zeichen. Wenn Du sagst, Du meinst: das Hinweisen auf den roten Gegenstand
   als Zeichen verstanden   — so sage ich: das Verständnis, auf
das es uns ankommt, ist kein Vorgang, der das Hindeuten begleitet (etwa ein
Vorgang im Gehirn) und wenn Du doch so einen Vorgang meinst, so ist dieser an
sich wieder kein Zeichen. ((Die Idee ist hier immer wieder, dass die Meinung,
die Interpretation, ein Vorgang sei, der das Hinweisen begleitet und ihm sozu-
sagen die Seele gibt (ohne welche es tot wäre). Das scheint besonders dort
so, wo ein Zeichen die ganze Grammatik zusammenzufassen scheint, dass wir sie
aus ihm ableiten können sie in ihm enthalten wäre, wie
eine Perlenschnur in einer Schachtel und wir sie nur herausziehen müssten.
(Aber dieses Bild ist es eben, was welches uns irreführt.) Als wäre das Ver-
ständnis ein momentanes Erfassen von etwas, wovon später nur die Konsequen-
zen gezogen werden; und zwar so, dass diese Konsequenzen bereits in einem
ideellen Sinn existieren, ehe sie gezogen wurden. Als ob der Würfel schon die ganze Geometrie des Würfels enthielte und ich sie nun nur noch auszubreiten habe hätte. Aber welcher Würfel? Der Gesichtswürfel, oder ein Eisen-
würfel? Oder gibt es einen Würfel? — Offenbar schwebt uns der Vor-
gang vor, aus einer Zeichnung, Vorstellung (oder einem Modell) Sätze der Geo-
Ts-213,169r


28
metrie ableiten. Aber welche Rolle spielt dabei das Modell? Doch wohl die
des Zeichens: Des Zeichens, welches eine bestimmte Verwendungsart hat und
nur durch diese bezeichnet. Es ist allerdings interessant und merkwürdig, wie
dieses Zeichen verwendet wird, wie wir etwa die Zeichnung des Würfels wieder
und wieder bringen mit immer andern Zutaten. Einmal sind die Diagonalen ge-
zogen, einmal Würfel aneinander gereiht, etc. etc.. Und es ist dieses Zeichen
(   mit der Identität eines des Zeichens  ), welches wir
für jenen Würfel nehmen, in dem die geometrischen Gesetze bereits liegen.
(Sie liegen in ihm so wenig, wie im Schachkönig die Dispositionen, in gewis-
ser Weise benützt zu werden.) Die geometrischen Gesetze    konstituie-
ren
   den Begriff des Würfels (sie geben eine Konstitution, eine Verfassung).
Was ich seinerzeit über den “Wortkörper” geschrieben habe, ist der klare Aus-
druck des besprochenen Irrtums.))
Ts-213,170r


170





     
Wesen der Sprache.





















Ts-213,170v


Ts-213,171r


171












     
40
Lernen, Erklärung, der Sprache.
Kann man die Sprache durch die Erklärung gleichsam aufbauen, zum
Funktionieren bringen?







     

     Wenn ich erkläre “ ‘non-p’ ist wahr, wenn ‘p’ nicht wahr ist”, so setzt
das voraus, dass ich verstehe, was es heisst, ‘p’ sei nicht wahr. Dann ha-
be ich aber nichts getan als zu definieren:
non-p = ‘p’ ist falsch.


     Es kommt nämlich wesentlich darauf an, dass es nicht möglich ist, das
Zeichen “p” auf der rechten Seite der Definition auszulassen, bezw. durch
ein anderes zu ersetzen (es sei denn wieder durch eine // mit Hilfe einer//
Definition). Solange das nicht möglich ist, kann und muss man auch die
rechte Seite als Funktion auffassen von p, nämlich: ‘( )’ ist falsch.
     Das hängt auch damit zusammen, dass ja der Tintenstrich nicht
   falsch   ist. Wie er schwarz oder krumm ist.

     
     
     

     Wenn ich also auch dem Schriftzug “p” den Namen A gebe und daher schrei-
be: “non-p = A ist falsch”, so hat das nur einen Sinn, d.h. die rechte Sei-
te kann nur verstanden werden, wenn A für uns als    Satzzeichen  
steht. Dann aber ist nichts gewonnen: zum mindesten keine    Erklärung  
Ts-213,171v


Ts-213,172r


172
des Mechanismus der Negation.

     

     Und dasselbe muss der Fall sein, wenn man erklärt, “(x).fx” sei wahr,
wenn f( ) für alle Substitutionen wahr ist.
Man muss auch dazu schon den lo-
gischen Mechanismus der Verallgemeinerung verstehen. Es ist (auch) nicht
so, dass man erst ahnungslos ist, und die Verallgemeinerung nun durch die
Erklärung erst zum Funktionieren gebracht wird. Wie wenn man in eine Ma-
schine ein Rad einsetzt und sie dann // nun// erst funktioniert (oder, die
Maschine erst in zwei getrennten Teilen da ist und sie nun erst durch das
Zusammensetzen als diese Maschine funktionieren).



     

     Die Erklärung einer Sprache (der Zeichen einer Sprache) führt uns nur
von einer Sprache in eine andere.

     

     Wie schaut die Erklärung eines Zeichens aus? Das müsste doch eine für
die Sprache ausserordentlich wichtige Form sein, sei dieser Behelf nun ein
Satz oder nicht.

     

     Denken wir uns eine Sprache, in der ich “A ist grösser als B” nicht nur
so ausdrücke: “ ist grösser als ”, sondern in der ich auch statt des
Wortes “grösser” eine Geste mache, die die Bedeutung des Wortes zeigt. —
Wie könnte ich nun so eine Sprache erklären? (Wie könnte ich die Zeichen so
einer Sprache erklären?) Und würde ich nun noch das frühere Bedürfnis nach
einer Erklärung fühlen?

     Eine Erklärung für die Bedeutung eines Zeichens tritt an Stelle des er-
klärten Zeichens.
Ts-213,173r


173

     

     Auch das Kind    lernt   in diesem Sinne // durch Erklärungen// nur ei-
ne Sprache vermittels einer anderen. Die Wortsprache durch die Gebärden-
sprache.

     

     Die Gebärdensprache ist eine    Sprache   und wir haben sie nicht —
im gewöhnlichen Sinne — gelernt. Das heisst: sie wurde uns nicht geflissent-
lich gelehrt. — Und jedenfalls nicht durch Zeichenerklärungen.

     

     Man kann sich das Lernen einer Sprache in anderm Sinne aber analog dem
Fingerhutsuchen vorstellen, wo die gewünschte Bewegung durch “heiss, heiss”,
“kalt, kalt” herbeigeführt wird. Man könnte sich denken, dass der Lehrende
statt dieser Worte auf irgendeine Weise (etwa durch Mienen) angenehme und
unangenehme Empfindungen hervorruft, und der Lernende nun dazu gebracht
wird,    die   Bewegung auf den Befehl hin auszuführen, die regelmässig von
der angenehmen Empfindung begleitet wird (oder zu ihr führt).



     

     Verbindung von Wort und Sache durch die Erklärung // das Lehren der
Sprache// hergestellt. Was ist das für eine Verbindung, welche Art? Was
für Arten von Verbindungen gibt es?

     Eine elektrische, mechanische, psychische Verbindung kann funktionieren
oder nicht funktionieren: Anwendung auf die Verbindung, die die Worterklä-
rung herstellt.

     

     Die Zuordnung von Gegenstand und Name ist keine andere, als die durch
die Worte “das ist…” oder eine Tabelle erzeugte etc.. Sie ist ein Teil
des Symbolismus. Es ist daher unrichtig, die Beziehung von // zwi-
schen// Name und Gegenstand sei eine psychologische.

     

     Das Wort ‘Teekanne’ hat doch Bedeutung; gewiss, im Gegensatz zum Worte
Ts-213,174r


174
‘Abracadabra’, nämlich in der deutschen Sprache. Aber wir könnten ihm na-
türlich auch eine Bedeutung geben; das wäre ein Akt ganz analog dem, wenn
ich ein Täfelchen mit der Aufschrift ‘Teekanne’ an eine Teekanne hänge. Aber
was habe ich hier anders als eine Teekanne mit einer Tafel, auf der Striche
zu sehen sind? Also wieder nichts logisch Interessantes. Die Festsetzung
der Bedeutung eines Wortes kann nie (wesentlich) anderer Art sein.
Ts-213,174v


Ts-213,175r


175


     
41
Wie wirkt die einmalige Erklärung der Sprache, das Verständnis?






     

     [B|V]ielleicht ist die eigentliche Schwierigkeit die: dass ich das Wort
“rot” erkläre, indem ich auf etwas Rotes zeige und sage “das ist rot”,
während doch dieses Rote später meinem Blick entschwindet. Und nun s[d|c]hein-
bar    etwas Anderes   an seine Stelle tritt (die Erinnerung oder
[d|w]ie man es heissen mag).

     

     “Also    so   wird dieses Wort gebraucht!” Aber wie bewahre ich denn
dieses    So   in der Erinnerung?

     

     Das Lernen der Sprache ist in ihrer Benützung // ihrem Gebrauch//
nicht en    enthalten  . (Wie die Ursache eben nicht in ihrer Wir-
kung.)

     

     Ich kann die Regel selbst    festsetzen   und mich eine die Sprache
lehren. Ich gehe spazieren und sage mir: Wo immer ich einen Baum treffe,
soll mir das das Zeichen sein, bei der nächsten Kreuzung links zu gehen,
und nun richte ich mich nach den Bäumen in dieser Weise (fasse ihre Stel-
lung als einen Befehl auf).
Ts-213,176r


176
     

     Wie kann ich mir vornehmen, einer Regel zu folgen?

     Nicht nur soweit, als ich die Regel ausdrücken kann?

     

     Welche Wirkung hatte nun die hinweisende Erklärung? Hatte sie sozusagen
nur eine automatische Wirkung? Das heisst aber, wird sie nun immer wieder
benötigt, oder hatte sie eine Wirkung, wie etwa eine Impfung,
die uns ein für allemal, oder doch bis auf weiteres, geändert hat.

     

     Ich sage “wähle alle blauen Kugeln aus”; er aber weiss nicht, was “blau”
heisst. Nun zeige ich und sage “das ist blau”. Nun versteht er mich und
kann meinem Befehl folgen.

     

     Ich setze ihn in Stand, dem Befehl zu folgen. Was geschieht nun aber,
wenn er in Zukunft diesen Befehl hört? Ist es nötig, dass er sich jener
   Erklärung  , d.h. des einmaligen Ereignisses jener Erklärung erin-
nert? Ist es nötig, dass das Vorstellungsbild die des blauen Gegenstands
oder eines blauen Gegenstands vor seine Seele tritt? Alles das scheint
   nicht   nötig zu sein, obwohl es möglicherweise geschieht. Und doch
scheint das Wort “blau” jetzt einen anderen Aspect für ihn zu haben, als
da es ihm noch nicht erklärt war. Es gewinnt gleichsam Tiefe.

     

     In wiefern hilft die hinweisende Erklärung “   das   ist ‘rot’” zum Ver-
ständnis des Wortes.

     (Sie ‘   hilft  ’ gar nicht, sondern    ist   eben eine der symbolischen
Regeln für den Gebrauch des Wortes ‘rot’.)



     

     Eine Erklärung kann nicht in die Ferne wirken. Ich meine: sie wirkt nur,
Ts-213,176v


Ts-213,177r


177
wo sie angewandt wird. Wenn sie ausserdem noch eine “Wirkung” hat, dann
nicht die als Erklärung.

     

     Ist es so, dass eine Erklärung, eine Tabelle , zuerst so gebraucht werden
kann , dass man sie “nachschlägt”; dass man sie dann gleichsam im Kopf nach-
schlägt, d.h., sie sich vor das innere Auge ruft (oder dergleichen); und
dass man endlich ohne diese Tabelle arbeitet, also so, als wäre sie nie da
gewesen. In diesem letzten Fall spielt man also ein anderes Spiel. sie ist aus unserm Spiel ausgeschieden
und wenn ich auf sie zurückgreife, so tue ich, was der Erblindete tut, der
etwa auf den Tastsinn zurückgreift. Eine Erklärung ist das Anlegen // die
Konstruktion // Anfertigung // einer Tabelle und wird Geschichte, wenn
ich die Tabelle nicht mehr benütze. Eine Erklärung fertigt eine Tabelle
an und sie wird zur Geschichte, wenn …

     

     Ich muss unterscheiden zwischen den Fällen: wenn ich mich einmal nach
einer Tabelle richte, und ein andermal in Uebereinstimmung mit der Tabelle
(der Regel, welche die Tabelle ausdrückt) handle, ohne die Tabelle zu be-
nützen. — Die Regel, deren Erlernung uns veranlasste, jetzt so und so zu
handeln, ist als Ursache unserer Handlungsweise Geschichte Sofern sie aber eine allgemeine Beschreibung unserer Hand-
lungsweise ist, ist sie eine Hypothese. die Hypothese, dass diese
zwei Leute, die am // über dem // Schachbrett sitzen, so und so handeln wer-
den (wobei auch ein Verstoss gegen die Spielregeln unter die Hypothese
fällt, denn diese sagt dann etwas darüber aus, wie sich die Beiden benehmen
werden, wenn sie auf diesen Verstoss aufmerk[d|s]am werden). Die Spieler kön-
nen aber die Regel auch benützen, indem sie in jedem besonderen Fall nach-
schlagen, was zu tun ist; hier tritt die Regel in die Spielhandlung selbst
Ts-213,177v


Ts-213,178r


178
ein und verhält sich zu ihr nicht, wie eine Hypothese zu ihrer Bestätigung.
“Hier gibt es aber eine Schwierigkeit. Denn der Spieler, welcher ohne Be-
nützung des Regelverzeichnisses spielt, ja, der nie eins gesehen hätte,
könnte dennoch, wenn es verlangt würde, ein Regelverzeichnis anlegen und
zwar nicht — behaviouristisch — indem er durch wiederholte Beobachtung fest-
stellte, wie er in diesem und in jenem Fall gehandelt hat //handelt //,
sondern, indem er vor einem Zug stehend sagt: ‘in diesem Fall    zieht
man so
  ’”. — Aber wenn so ist, so zeigt es doch nur, dass er unter
gewissen Umständen eine Regel aussprechen wird, nicht, dass er von ihr beim
Zug expliciten Gebrauch gemacht hat. Dass er ein Regelverzeichnis anlegen
würde // wird //, wenn man es verlangte verlangt, ist eine Hypothese und wenn man ei-
ne Disposition, ein Vermögen, ein Regelverzeichnis anzulegen annimmt, so
ist es eine psychische Disposition auf gleicher Stufe mit einer physiologi-
schen. Wenn gesagt wird, diese Disposition charakterisiert den Vorgang des
Spiels, so charakterisiert sie ihn als einen psychischen oder physiologi-
schen, was er tatsächlich ist. (Im Stdium des Symbolismus gibt es keinen
Vordergrund und Hintergrund, nicht ein sichtbares // greifbares// Zeichen
und ein es begleitendes unsichtbares // ungreifbares// Vermögen, oder Ver-
ständnis.)

     

     Wie wirkt nun die hinweisende Erklärung? Sie lehrt den Gebrauch eines
Zeichens; und das Merkwürdige ist nur, dass sie ihn auch für die Fälle zu
lehren scheint, in denen ein Zurückgehen auf das hinweisende Zeichen nicht
möglich ist. Aber geschieht das nicht, indem wir, quasi, die in der hinwei-
senden Definition gelernte Regel in bestimmter Weise transformieren?

(Wenn z.B. der Mann, der mir vorgestellt wurde, abwesend ist und ich nun
trotzdem seinen Namen gebrauche,
   in
wiefern mache ich da von der hinweisenden
Erklärung Gebrauch
  ?
Es gibt ein Spiel, worin ich immer statt des Namens das hinweisende Zeichen
geben kann, und eins, in welchem das nicht möglich ist. Und wir müssen
nur daran festhalten, dass die Erklärung, als fortwirkende    Ursache  
unseres Gebrauchs von Zeichen, uns nicht interessiert, sondern nur, sofern
wir von ihr in unserm Kalkül Gebrauch machen können. Eine Schwierigkeit
// Es macht eine Schwieri[k|g]keit // in der Erklärung des Gebrauchs der hinwei-
senden Definition macht es dass wir Definition, dass wir verschiedene Kriterien der Identität
anwenden (also das Wort Identität in verschiedener Weise gebrauchen), je
nachdem, ob ein Ding sich vor unsern Augen bewegt, oder unserm Blick ent-
schwindet und vielleicht wieder erscheint. Das ist wichtig, denn für den
zweiten Fall gibt uns die hinweisende Definition ein Muster
   Muster   und tut , was auch der Hinweis auf ein Bild tut. Das drückt
sich darin aus, dass die gegebene hinweisende Erklärung nichts nützt, wenn
wir vergessen haben, wie der Mensch, auf den gezeigt wurde, aussah.

     

     Es ist möglich, dass Einer die Bedeutung des Wortes “blau” vergisst. Was
hat er da vergessen?: Wie äussert sich das?

     Da gibt es verschiedene Fälle: Er zeigt etwa auf verschieden gefärbte
Täfelchen und sagt: “ich weiss nicht mehr, welche von diesen man ‘blau’
nennt”. Oder aber, er weiss überhaupt nicht mehr, was das Wort // es// be-
deutet, und nur, dass es ein deutsches Wort ist // ein Wort der deutschen
Sprache ist//.

     Wenn wir ihn nun fragen: “weisst Du, was das Wort ‘blau’ bedeutet”, und
er sagt “ja”; da konnte er verschiedene Kriterien anwenden, um sich “zu
überzeugen”, dass er die Bedeutung wisse. (Denken wir wieder an die entspre-
chenden Kriterien dafür, dass er das Alphabet hersagen kann.) Vielleicht
rief er sich ein blaues Vorstellungsbild vor die Seele, vielleicht sah er
nach einem blauen Gegenstand im Zimmer, vielleicht fiel ihm das englische
Wort “blue” ein, oder er dachte an einen “blauen Fleck”, den er sich geholt
Ts-213,180r


180
hatte, etc., etc..

     Wenn nun gefragt würde: wie kann er sich denn zur Probe seines Ver-
ständnisses ein blaues Vorstellungsbild vor die Seele rufen, denn, wie
kann ihm das Wort ‘blau’ zeigen, welche Farbe aus dem Farbenkasten seiner
Vorstellung er zu wählen hat, — so ist zu sagen, dass es sich ebenso so
zeigt, dass das Bild vom Wählen, etwa, eines blaues Gegenstands mittels
eines blauen Mustertäfelchens hier unpassend // ungeeignet// ist. Und
der Vorgang eher mit dem zu vergleichen ist, wenn beim Drücken eines
Knopfes, auf dem das Wort “blau” geschrieben steht, automatisch ein blau-
es Täfelchen vorspringt, oder, wenn der Mechanismus versagt, nicht vor-
springt.

     Man könnte nun sagen: Der, welcher die Bedeutung des Wortes “blau”
vergessen hat und aufgefordert wurde, einen blauen Gegenstand aus anderen
auszuwählen, fühlt beim Ansehen dieser Gegenstände, dass die Verbindung
zwischen dem Wort “blau” und jenen Farben nicht mehr besteht (unterbro-
chen ist). Und die Verbindung wird wieder hergestellt, wenn wir ihm die
Erklärung des Wortes wiederholen. Aber wir konnten die Verbindung auf man-
nigfache Weise wieder herstellen: Wir konnten einen blauen Gegenstand
zeigen und die hinweisende Definition geben, oder ihm sagen “erinnere
Dich an Deinen ‘blauen Fleck’”, oder wir konnten ihm das Wort “blue” zu-
flüstern, etc. etc.. Und wenn ich sagte, wir konnten die Verbindung auf
diese verschiedenen Arten herstellen, so liegt nun der Gedanke nahe, dass
ich    ein   bestimmtes Phänomen, welches ich die Verbindung zwischen Wort
und Farbe, oder das Verständnis des Wortes nenne, auf alle diese ver-
schiedenen Arten hervorgerufen habe; wie ich etwa sage, dass ich die En-
den zweier Drähte durch Drahtstücke verschiedener Länge und Materialien
leitend miteinander verbinden kann. Aber von so einem Phänomen, etwa dem
Entstehen eines blauen Vorstellungsbildes, muss keine Rede sein und das
Verständnis wird sich dann dadurch zeigen, dass er etwa die blaue Kugel
Ts-213,181r


181
aus den andern tatsächlich auswählt, oder sagt, er könne es nun tun, wol-
le es aber nicht; etc., etc. etc.. Wir können dann immer ein Spiel fest-
setzen, welches    eine   Möglichkeit so eines Vorgangs darstellt, und
müssen nicht vergessen, dass in Wirklichkeit hundert verschiedene und ih-
re Kreuzungen mit den Worten “die Bedeutung vergessen”, “sich an die Be-
deutung erinnern”, “die Bedeutung kennen” beschrieben werden.
     
     
42
Kann man etwas Rotes nach dem Wort “rot” suchen? braucht man ein Bild
dazu?

Verschiedene Suchspiele.








     

     Man könnte eine wesentliche Frage auch so stellen: Wenn ich jemandem
sage “male diesen Kreis rot”, wie entnimmt er aus dem Wort rot, welche
Farbe er zu nehmen hat?

     

     Heisst es etwas, zu sagen, dass das Wort ‘rot’, um ein brauchbares
Zeichen zu sein, ein Supplement — etwa im Gedächtnis — braucht?

      D.h., inwiefern ist es allein nicht Zeichen?

     

     Wenn ich eine Erfahrung mit den Worten beschreibe “vor mir steht ein
blauer Kessel”, ist die Rechtfertigung dieser Worte, ausser der Erfahrung
die in den Worten beschrieben wird, noch eine andere, etwa die Erinne-
rung, dass ich das Wort ‘blau’ immer für diese Farbe verwendet habe, etc.?

     

     Wenn ich jemandem sage “wenn ich läute, komm' zu mir”, so wird er zu-
erst, wenn er läuten hört, sich diesen Befehl (das Läuten) in Worte über-
Ts-213,182v









Ts-213,183r


183
setzen und erst den übersetzten befolgen. Nach einiger Zeit aber wird er
das Läuten ohne Intervention anderer Zeichen in die Handlung übersetzen.

     Und so, wenn ich sage “zeige auf einen roten Fleck”, befolgt er diesen
Befehl, ohne daß ihm dabei zuerst das Phantasiebild eines roten Flecks
als Zeichen für ‘rot’ erscheint.

     
     

     Wenn er läutet, som komme ich zu ihm, ohne mir erst ein Bild meiner
Bewegungen vorzustellen, wonach ich (dann) handle.

     


     Ich kann gewiss sagen: “Tu jetzt, was Du Deiner Erinnerung nach ge-
stern um diese Zeit getan hast”. Und wenn er sich daran erinnert, kann er
seiner Erinnerung folgen. Erinnert er sich aber nicht, so hat der Befehl
keinen Sinn für ihn.
     

     


     


     Wäre dieser Befehl also wie der: “Tu, was auf dem Zettel in dieser La-
de aufgeschrieben steht”. Wenn in der Lade kein Zettel ist, so ist das
kein Befehl. Oder denken wir uns, dass auf dem Zettel eine unsinnige sinnlose Wort-
verbindung steht.

     

     Wenn ich jemandem sage “male das Grün Deiner Zimmertür nach dem Ge-
dächtnis”, so bestimmt das, was er zu tun hat, nicht eindeutiger, als der
Befehl “male das Grün, was Du auf dieser Tafel siehst”.

     

     Wenn es bei der Bedeutung des Wortes “rot” auf das Bild ankommt, das
mein Gedächtnis beim Klang dieses Wortes automatisch reproduziert, so
muss ich mich auf diese Reproduktion gerade so verlassen, als wäre ich
entschlossen, die Bedeutung durch Nachschlagen in einem Buche zu bestim-
men, wobei ich mich diesem Buche, dem Täfelchen, das ich darin fände,
quasi auf Gnade und Ungnade ergeben würde.
Ts-213,184r


184

     

     Ich bin dem Gedächtnis ausgeliefert.

     

     Freilich kann man sagen: das rote Täfelchen ist in Wirklichkeit auch
nicht massgebend, weil das Gedächtnis immer als Kontrolle des Täfelchens
verwendet wird.

     

     Die Frage aber ist: Ist im Falle einer relativen Veränderung der Farbe
des Täfelchens zu meinem Gedächtnis (ein gewagter Ausdruck) in irgend ei-
nem Sinne unbedingt der Deutung der Vorzug zu geben, das Täfelchen habe
sich geändert und ich müsse mich also nach dem Gedächtnis richten? Offen-
bar nein. Uebrigens besagt die ‘Deutung’, das Täfelchen und nicht das Ge-
dächtnisbild habe sich verändert, nichts als eine Worterklärung der Wör-
ter “verändern” und “gleichbleiben”.

     

     Könnte ich behaupten, dass mein Gedächtnis immer etwas nachdunkle?

     Jedenfalls könnte ich sagen: “wähle die Farbe, die Du im Gedächtnis
hast” und auch “wähle eine etwas dunklere Farbe, als die Du im Gedächtnis
hast”. Von einem Nachdunkeln kann man natürlich nur im Vergleich zu Etwas
// etwas andrem// sprechen und es genügt nicht, zu sagen “nun, mit der
Farbe, wie sie wirklich war”, weil hier die besondere Art der Verifikation,
d.h., die (besondere) Grammatik der Worte “wie sie war” noch nicht festge-
legt ist, diese Worte (al[w|s]o) noch mehrdeutig sind.

     

     Mit einem Draht nach einem Kurzschluss suchen: er ist gefunden, wenn es
läutet. Aber suche ich dabei auch nach etwas, was der Idee des Klingelns
gleich ist?

     
      Der Befehl sei: “Stelle Dir einen roten Kreis vor”. Und ich tue es. Wie
Ts-213,185r


185
konnte ich den Worten auf diese Weise folgen?
      Das ist doch ein Zeichen // Beweis// dafür, dass wir den Worten auch
ohne Vorstellungen gehorchen können.

     
     
      Wie kann ich es    rechtfertigen  , dass ich mir auf diese
Worte hin diese Vorstellung mache?



     Hat mir jemand die Vorstellung der blauen Farbe gezeigt und gesagt,
dass sie das ist?



     

     Es ist also richtig: “Ich erinnere mich    daran  ”, an das, was ich
hier vor mir sehe. Das Bild ist dann in einem gewissen Sinne gegenwärtig
und vergangen.

     

     Der Vorgang des Vergleiches eines Bildes mit der Wirklichkeit ist also
der Erinnerung nicht wesentlich.

     

     Es ist instruktiv zu denken, dass, wenn wir mit einem gelben Täfelchen
die Blume suchen, uns jedenfalls nicht die Relation der Farbengleichheit
in einem weiteren Bild gegenwärtig ist. Sondern wir sind mit dem einen
ganz zufrieden.

     

     (So wie wir nicht für einen Augenblick daran dächten, ein Kind die Ge-
bärdensprache zu lehren.)

     

     Ich kann die Bedeutung der Zeichen,
     
, durch die Tabelle
erklären; aber diese Tabelle wieder erklären,
indem ich sie so schreibe
     

und sie einer anderen entgegenstelle:
     

Ts-213,186r


186

     Aber konnte denn auch die erste Erklärung wegbleiben? Gewiss, wenn die
Zeichen , , ,
     
uns (etwa) ursprünglich ebenso beigebracht worden
wären, wie die Wörter “Kirche”, “Haus”, “Stadt”. Aber diese mussten uns
doch erklärt werden! — Soweit sie uns überhaupt ‘erklärt’ wurden, geschah
es durch eine Gebärdensprache, die uns nicht erklärt wurde. — Aber wäre
denn diese Gebärdensprache einer Erklärung fähig gewesen? — Gewiss; z.B.
durch eine Wortsprache.

     

     Denken wir an das laute Lesen nach der Schrift (oder das Schreiben nach
dem Gehör). Wir könnten uns natürlich eine Art Tabelle denken, nach der wir
uns dabei richten könnten. Aber wir richten uns nach keiner. Kein Akt des
Gedächtnisses, nichts, vermittelt zwischen dem geschriebenen Zeichen und
dem Laut.

     

     (Das Wort ‘rot’ ist ein Stein in einem Kalkül und das rote Täfelchen ist
auch einer.)

     

     Es ist ein anderes Spiel, mit einem Täfelchen herumgehen, es an die Ge-
genstände anzulegen und so die Farbengleichheit zu prüfen; und anderseits:
ohne ein solches Muster nach Wörtern in einer Wortsprache handeln.

     Man denkt nun: Ja, das erste Spiel verstehe ich; das ist ja ganz einfach:
Der erste Schritt ist der, von einem geschriebenen Wort auf das gleiche ge-
schriebene Wort des Musters; der zweite ist der Uebergang von dem Wort auf
dem Mustertäfelchen zu der Farbe auf dem    gleichen   Täfelchen; und
der dritte, das Vergleichen von Farben. Jeden Schritt die[w|s]es Kalküls gehen
wir also auf einer Brücke. (Wir sind geführt, der Schritt ist vorgezeich-
net.)

     Aber wir sind doch hier nur insofern geführt, als wir uns führen lassen.
Auf diese Weise ka    kann   ich alles, und    muss   ich nichts eine Füh-
rung nennen. — Und am Schluss tu ich, was ich tue und das ist Alles.
Ts-213,186v


Ts-213,187r


187
Alles.


     Aber ein Unterschied bleibt doch: Wenn ich gefragt werde “warum nennst
Du gerade diese Farbe ‘rot’, so würde ich tatsächlich antworten: weil sie
auf dem gleichen Täfelchen mit dem Wort ‘rot’ steht. Würde ich aber in dem
gleichen Täfelchen mit zweiten Spiel gefragt “warum nennst Du diese Farbe
‘rot’ ”, so gäbe es darauf keine Antwort und die Frage hätte keinen Sinn. —
Aber im ersten Spiel hat die Frage keinen Sinn: “warum nennst Du    die  
Farbe ‘rot’, die auf dem gleichen Täfelchen mit dem Wort ‘rot’ steht”. So
handle ich eben (und man kann dafür wohl eine Ursache angeben, aber keinen
Grund).

     Bedenke vor allem: Wie weiss man, dass das Täfelchen rot bleibt? Braucht
man dazu wieder ein Bild? Und wie ist es mit dem? etc.. Woran erkennt er
das Vorbild als Vorbild?

     


     (Ein Grund lässt sich nur    innerhalb   eines Spiels angeben.)

     

     Die Kette der Gründe kommt zu einem Ende und zwar dem Ende in diesem
Spiel // und zwar (an?) der Grenze des Spiels //.

     
     

     Man kann sagen: Die Regeln des Spiels sind die, die gelehrt werden, wenn
das Spiel gelehrt wird. — Nun wird z.B. dem Menschen, der lesen lernt, tat-
sächlich gelehrt: das ist ein a, das ist ein e, etc.; also, könnte man sagen,
gehören diese Regeln, gehört diese Tabelle mit zum Spiel. — Aber erstens:
lehrt man denn auch den Gebrauch dieser Tabelle? und    könnte   man ihn,
anderseits, nicht lehren? Und zweitens kan[h|n] doch das Spiel    wirklich  
auf zwei verschiedene Arten gespielt werden.

     Man kann nun fragen: ist es denn aber auch noch ein Spiel, wenn Einer
die Buchstaben abbc sieht und    irgend etwas   macht? Und wo hört
das Spiel auf, und wo fängt es an?

     Die Antwort ist natürlich: Spiel ist es, wenn es nach einer Regel vor
Ts-213,188r


188
sich geht. Aber was ist noch eine Regel und was keine mehr?

     Eine Regel kann ich nicht anders geben, als durch ihren Ausdruck; denn
auch Beispiele, wenn sie Beispiele sein sollen, sind ein Ausdruck für die
Regel, wie jeder andre.

     Wenn ich also sage: Spiel nenne ich es nur, wenn es einer Regel gemäss
geschieht und die Regel ist eine Tabelle, so kann ich nicht die Verwendungs-
art // die Art des Gebrauches // dieser Tabelle garantieren, denn ich kann
sie nur durch eine weitere Tabelle festlegen, oder durch Beispiele. Diese
Beispiele tragen nicht weiter, als sie selbst gehen // reichen // und die
zwei[f|t]e Tabelle ist im gleichen Fall wie die erste.

     Ich könnte auch sagen: was ist das Schachspiel andres (oder was ist vom
Schachspiel andres vorhanden[,|)], als Regelverzeichnisse (gesprochen, geschrie-
ben, etc.) und die Beschreibung einer Anzahl von Schachpartien?

     Es steht mir (danach) natürlich frei, ‘Spielregel’ nur ein Ding von be-
stimmt festgelegter Form zu nennen.
Ts-213,188v


Ts-213,189r


189




     
43
“Die Beziehung // Verbindung // zwischen Sprache und Wirklichkeit” ist
durch die Worterklärungen hergestellt // gemacht //, welche wieder zur
Sprachlehre gehören. So dass die Sprache in sich geschlossen, autonom,
bleibt.







     

     Uebereinstimmung von Gedanke und Wirklichkeit. Wie alles Metaphysische
ist die (prästabilierte) Harmonie zwischen Gedanken und Wirklichkeit in
der Grammatik der Sprache aufzufinden.

     
     
     
      Es ist auch zu sagen, die Uebereinstimmung (und Nichtüber-
einstimmung) zwischen Satz und Welt // Realität// sei willkürlich durch
eine Zuordnung</>geschaffen. Denn, wie ist die Zuordnung auszudrücken? Sie
besteht darin, dass der Satz “p” sagt, es sei    gerade das   der
Fall. Aber wie ist dieses “gerade das” ausgedrückt // gegeben//? Wenn
durch einen andern Satz, so gewinnen wir nichts dabei; wenn aber durch die
Realität, dann muss diese schon in bestimmter Weise — artikuliert — aufge-
fasst sein. Das heisst: man kann nicht auf einen Satz und auf eine Realität
deuten und sagen: “   das   entspricht    dem  ”. Sondern, dem Satz ent-
spricht nur wieder das schon Artikulierte. D.h., es gibt keine hinweisende
Ts-213,190r


190
Erklärung für    Sätze  .

     

     Um in einer Sprache im Chinesischen einen Satz bilden zu können, dazu genügt es nicht,
die Lautreihe zu lernen und zu wissen, dass sie, etwa in der Fibel neben
einem bestimmten Bild steht. Denn das befähigt mich nicht, die Tatsache in
jener Sprache auf Chinesisch zu porträtieren.

     Ja, wenn es mir im Deutschen so geschähe, dass ich die ganze Sprache
vergässe , mir aber bei einer bestimmten Gelegenheit doch die Lautverbindung
einfiele, die man in diesem Falle gebraucht , so würde ich diese Lautverbin-
dung in diesem Falle nicht    verstehen  .

     

     Wenn man jemanden fragt “wie weisst Du, dass diese Beschreibung wieder-
gibt, was Du siehst”, so könnte er etwa antworten “ich meine das mit die-
sen Worten”. Aber was ist dieses “   das  ”, wenn es nicht (selbst) wieder
artikuliert, also schon Sprache ist? Also ist “ich meine das” gar keine
Antwort. Die Antwort ist eine Erklärung der Bedeutung der Worte.

     

     Wenn ich die Beschreibung nach Regeln bilde, dann
übersetze ich sie als eine Sprache aus einer anderen. Und das kann ich na-
türlich mit Grammatik und Wörterbuch tun und so rechtfertigen. — Aber dann
ist die Uebertragung von Artikuliertem in Artikuliertes. Und wenn ich sie
durch Berufung auf die Grammatik und das Wörterbuch rechtfertige, so tue
ich nichts, als eine Beziehung zwischen Wirklichkeit und Beschreibung (ei-
ne projektive Beziehung) festzustellen, von der Intention aber, meiner Be-
schreibung ist hiebei keine Rede. ( D.h., ich kann eben nur die Aehnlichkeit
des Bildes prüfen, nichts weiter.)

Ts-213,190v


Ts-213,191r


191






     
44
Die Sprache in unserem Sinn nicht als Einrichtung definiert, die einen
bestimmten Zwe[f|c]k erfüllt.
Die Grammatik kein Mechanismus, der durch seinen Zweck gerechtfertigt ist.







     

     
     
     
     
     

     Könnte ich nicht die Sprache als soziale Einrichtung betrachten, die
gewissen Regeln unterliegt, weil sie sonst nicht wirksam wäre // wirken
würde//.

     

     Aber wie ist es: Ich gehe diesen Weg, um dorthin zu kommen; ich drehe
den Hahn auf, um Wasser zu erhalten, ich winke, damit jemand zu mir kommt
und endlich teile ich ihm meinen Wunsch mit, damit er ihn erfüllt! (( D.h.:
War also die Mitteilung meines Wunsches nicht nur das Ziehen eines Hebels
und der Sinn meiner Mitteilung hr Zweck?))

     
      Aber was geht vor sich, wenn ich den Hahn aufdrehe,    damit   Wasser
herausfliesst? Was geschieht, ist, dass ich den Hahn aufdrehe, und dass
dann Wasser herauskommt, oder nicht. Was geschieht, ist also, dass ich den
Hahn aufdrehe. —
Ts-213,191v


Ts-213,192r


192
aufdrehe.

     Was auf das Wort “damit” folgt, die Absicht, ist darin nicht enthalten.
Ist sie vorhanden, so muss [d|s]ie ausgedrückt sein und sie kann nur dann be-
reits durch das Aufdrehen des Hahnes ausgedrückt sein, wenn das Teil ei-
ner Sprache ist.

     
     
     
     
     

     Wenn man sagte: Sprache ist alles, womit man sich verständigen kann, so
muss // müsste // man fragen: Aber worin besteht ,es, ‘sich verständigen’ ?

     Ich könnte als Antwort darauf einen realen oder fiktiven Fall einer
Verständigung von Menschen oder andern Lebewesen beschreiben. In dieser
Beschreibung werden dann fingierte kausale Verbindungen eine Rolle spie-
len. Aber wenn der Begriff Sprache durch solche bestimmt ist, so interes-
siert er uns nicht. Und abgesehen von jenen empirischen Regelmässigkeiten
der Ereignisse, haben wir dann nur noch einen willkürlichen // beliebi-
gen
// Kalkül. — Aber worin besteht denn das Wesentliche eines Kalküls?

     

     ‘Sprache’ und ‘Lebewesen’. Der Begriff des Lebewesens hat die gleiche
Unbestimmtheit wie der der Sprache // … ist so unbestimmt wie … //

     

     “Ein Zeichen ist doch immer für ein lebendes Wesen da, also muss das
etwas dem Zeichen Wesentliches sein”. Gewiss: auch ein Sessel ist immer
nur für einen Menschen da, a[v|b]er er lässt sich beschreiben, ohne dass wir
von seinem Zweck reden. Das Zeichen hat nur einen Zweck in der menschli-
chen Gesellschaft, aber dieser Zweck kümmert uns gar nicht.

     Ja am Schluss sagen wir überhaupt keine Eigenschaften von den Zeichen
aus — denn diese interessieren uns nicht — sondern nur die (allgemeinen)
Regeln ihres Gebrauchs. Wer das Schachspiel beschreibt, gibt weder Eigen-
schaften der Schachfiguren an, noch redet er vom Nutzen und Gebrauch des
Schachspiels.
Ts-213,192v


Ts-213,193r


193
     


     Denken wir uns den Standpunkt eines Forschers: er findet, dass in der
Sprache der Erde ein Zeichen benützt wird, das nach diesen und diesen Re-
geln (etwa nach denen der Negation) gebraucht wird, und fragt sicht: Wozu
können sie das brauchen? Die Antwort wäre aber: Wenn immer ein Zeichen mit
diesen Regeln zu gebrauchen ist.

     
     
     
     
     

     Eine Sprache erfinden, heisst nicht auf Grund von Naturgesetzen (oder
im Einklang mit ihnen // in Uebereinstimmung mit ihnen //) eine Vorrich-
tung zu einem bestimmten Zweck erfinden. Wie es etwa die Erfindung des
Benzinmotors oder der Nähmaschine ist. Auch die Erfindung eines Spiels ist
nicht in    diesem   Sinne eine Erfindung, aber vergleichbar der Erfin-
dung einer Sprache.

     

     Ich brauche nicht zu sagen, dass ich nur die Grammatik des Wortes “Spra-
che” weiter beschreibe, indem ich sie mit der Grammatik des Wortes “Erfin-
dung” in Verbindung bringe.


     

     Ist alles, was ich sagen darf // kann// damit gesagt: Man kann nicht
von den grammatischen Regeln sagen, sie seien eine Einrichtung dazu, dass
die Sprache ihren Zweck erfüllen könne. Wie man etwa sagt: wenn die Dampf-
maschine keine Steuerung hätte, so könnte der Kolben nicht hin und her
gehen, wie er soll. Als könne man sich eine Sprache auch ohne Grammatik
denken.

     
      Die grammatischen Regeln sind, wie sie nun einmal da sind, Regeln des
Gebrauchs der Wörter. Uebertreten wir sie, so können wir deswegen die Wör-
ter dennoch mit Sinn gebrauchen. Wozu wären dann die grammatischen Regeln
da? Um den Gebrauch der Sprache im Ganzen gleichförmig zu machen? (etwa
aus ästhetischen Gründen?) Um den Gebrauch der Sprache als gesellschaftli-
Ts-213,193v


Ts-213,194r


194
che Einrichtung zu ermöglichen? also wie eine Verkehrsordnung, damit kei-
ne Kollision geschieht // entsteht//? (Aber was macht es uns // geht es
uns an//, wenn eine entsteht?) Die Kollision, die nicht geschehen // entstehen// darf, darf nicht entstehen können! D.h., ohne Grammatik ist es
nicht eine schlechte Sprache, sondern keine Sprache.

     

     Anderseits muss man doch sagen, die Grammatik einer Sprache als    all-
gemein anerkannte Institution ist
   eine Ver-
kehrsordnung. Denn, dass man das Wort “Tisch”    immer   in dieser Weise
gebraucht, ist nicht der Sprache als solcher wesentlich, sondern quasi nur
eine praktische Einrichtung.

     

     Wie unterscheiden sich die Sprachregeln von denen des Anstandes?
Wenn man kein Ziel angeben kann, das nicht erreicht würde, wenn diese
Regeln anders wären.

     
     
     
     
     
     

     Der Zweck der Grammatik ist nur der Zweck der Sprache.

     Der Zweck der Grammatik ist der Zweck der Sprache.

     

     Woher die Bedeutung der Sprache? Kann man denn sagen: Ohne Sprache
könnten wir uns nicht miteinander verständigen. Nein, das ist ja nicht so,
wie: ohne Telephon könnten wir nicht von Amerika nach Europa reden. (Es
sei denn, dass wir unter “Telephon” jede Vorrichtung verstehen, welche etc
etc..)

     

     Wir können aber sagen: Ohne Sprache könnten wir die Menschen nicht be-
einflussen. Oder, nicht trösten. Oder: nicht ohne eine Sprache Häuser und
Maschinen bauen.

Ts-213,194v


Ts-213,195r


195
     
     

     Es ist auch richtig // sinnvoll// zu sagen, ohne den Gebrauch des Mun-
des oder der Hände können sich Menschen nicht verständigen.

     

     Die Worte, die Einer bei gewisser Gelegenheit sagt, sind insofern nicht
willkürlich, als gerade    diese   in der Sprache, die er sprechen will
(oder muss) das meinen, was er sagen will; d.h., als gerade für sie diese
grammatischen Regeln gelten. Was er aber meint, d.h. das grammatische
Spiel, das er spielt, ist insofern nicht willkürlich, als er etwa seinen
Zweck nur so glaubt erreichen zu können.

     
     
     
     
     
     
     
     
45
Die Sprache funktioniert als Sprache nur durch die Regeln, nach denen
wir uns in ihrem Gebrauch richten, wie das Spiel nur durch seine Regeln
ein Spiel ist.







     
     
     
     
     

     Wie, wenn eine Sprache aus lauter einfachen und unabhängigen Signalen
bestünde?! Denken wir uns diesen Fall: Es handle sich etwa um die Be-
schreibung einer Fläche, auf der in schwarz und weiss [i|s]ich allerlei Figu-
ren zeigen können. Wäre es nun möglich, alle möglichen Figuren durch un-
abhängige Symbole zu bezeichnen // kennzeichnen//? (Ich nehme dabei an,
dass ich nur über, sagen wir 10000 Figuren reden will.) Wenn ich Recht ha-
be, so muss die ganze Geometrie in den Regeln über die Verwendung dieser
10000 Signale wiederkehren. (Und zwar ebenso, wie die Arithmetik, wenn
wir statt 10 unabhängiger Zahlzeichen eine Billion verwendeten.)

     

     Um eine Abhängigkeit auszudrücken, bedarf es einer Abhängigkeit.

     

     Denken wir uns ein Tagebuch mit Signalen geführt. Etwa die Seite in Ab-
schnitte für jede Stunde eingeteilt und nun heisst ‘A’ ich schlafe, ‘B’
ich stehe auf, ‘C’ ich schreibe, etc..
Ts-213,196v


Ts-213,197r


197
     

     Muss denn nicht die Regel der Sprache — dass also dieses Zeichen    das  
bedeutet — irgendwo niedergelegt sein?

     Freilich auch:    Mehr   als die Regel niederlegen, kann ich nicht.

     Ist die Regel niedergelegt, so ist es eben eine andere Sprache, als wenn
sie nicht niedergelegt ist.

     
     

     Und warum soll ich, dass ‘A’ in dieser Zeile steht, nicht ein Bidl Bild
dessen nennen, dass ich dann schlafen gehe? Freilich, dass es die Multipli-
zität dessen wiedergeben soll die in jenen Worten liegt, kann ich nicht
verlangen.

     Der Akt des Schlafengehens war ja auch nicht dadurch bestimmt.

     Denken wir, ich zeichne einen Sitzplan
     
, ist ein Kreuzchen das Bild
eines Menschen oder nicht? —

     

     Wie kann ich denn kontrollieren, dass es immer dasselbe ist, was ich ‘A’
nenne. Es sei denn, dass ich etwa ein Erinnerungsbild zuziehe. Das aber
dann zum Zeichen gehört.

     

     Wenn z.B. Einer fragte: wie weisst Du, dass Du jetzt dasselbe tust, wie
vor einer Stunde, und ich antwortete: ich habe mir's ja aufgeschrieben, hier
steht ja ein ‘A’!

     

     Wenn ich mich in    dieser   Sprache ausdrücke, so werde ich also mit
‘B’ immer dasselbe meinen. Es kann einen // keinen // Sinn haben, zu sagen,
dass ich beide Male dasselbe tue, wenn ich den Befehl ‘B’ befolge (oder
dasselbe getan habe, als ich tat, was <…> ich durch ‘B’ bezeichnete).




     

      D.h. die Sprache funktioniert als Sprache nur durch die Regeln, nach
Ts-213,197v


Ts-213,198r


198
denen wir uns in ihrem Gebrauch richten. (Wie das Spiel nur durch Regeln
als Spiel funktioniert.)

     

     Und zwar, ob ich zu mir oder Andern rede. Denn auch mir teile ich nichts
mit, wenn ich Lautgruppen ad hoc mit irgend welchen Fakten associiere.

     
     

     Ich muss, wenn ich zu mir rede, schon auf einem bestehenden // gegebe-
nen
// Sprachklavier spielen.

     
     
     

     ‘Ich verstehe diese Worte’ (die ich etwa zu mir selbst sage), ‘ich meine
etwas damit’, ‘sie haben einen Sinn’ muss immer dasselbe heissen wie: ‘sie
sind nicht ad hoc erfundene Laute, sondern Zeichen aus einem System ’. Ich
spiele ein Spiel mit ihnen .

     

     Etwa?, wie die Teilstriche auf einem Masstab nur solche sind, wenn sie ein
System bilden.

     

     Denn, wenn wir einen Befehl befolgen, so deuten wir die Worte nicht will-
kürlich.

      D.h. wieder, wir müssen die Unterscheidung anerkennen zwischen dem ‘Be-
folgen eines Befehls’ und einem ‘willkürlichen Zuordnen einer Handlung’.

     

     Das Aussprechen eines Satzes wäre kein Porträtieren, wenn ich meine Wor-
te nicht aus einem System wählte, so dass man sagen kann, ich wähle    sie  
im Gegensatz zu anderen.

     Aber die Worte, wenn sie nicht in einem grammatischen System stehen, sind
ja alle gleichwertig und also wäre es dann ˇganz gleichgültig, welche ich wählte,
ja, — man könnte sagen — als Worte würden sie sich (dann) voneinander gar
Ts-213,198v


Ts-213,199r


199
nicht unterscheiden.

     Man muss die Worte wählen, wie // in demselben Sinne wie// man die
Striche und Farben wählt, mit denen man einen Körper abbildet.

     

     Warum wir ein Wort — und nicht ein anderes — an dieser Stelle gebrauchen,
erfahren wir, wenn wir jemand fragen: warum gebrauchst Du hier das Wort A.
Die Antwort wird sein: das und das heisst A. Und das ist eine Regel der
Grammatik, die die Position des Wortes in der Sprache bestimmt. (Und Und
(zum Zeichen, dass es sich hier wi[l|r]klich um Grammatik handelt) wenn A das
Wort “und” gewesen wäre, so könnte man weiter nichts tun, als die Regeln für
“und” angeben.

     

     Sage ich jemandem “bringe eine rote Blume” und er bringt eine, und nun
frage ich “warum hast Di mir eine von dieser Farbe gebracht?” — und er:
“diese Farbe nenne ich // heisst doch// rot”: so ist dies Letzte ein
Satz der Grammatik. Er rechtfertigt eine Anwendung des Worts.

     
     

     Fehlt dieser Satz // diese Regel//, so ist die Grammatik des Worts (sei-
ne Bedeutung) eine andere.

     

     Wenn man einen Satz braucht, so muss er schon irgendwie    funktio-
nieren
  . Das heisst, man gebraucht ihn nicht, um einer Tatsache einen
Lärm beizuordnen.

     
     
     

     Es wäre doch nicht, einen Tatbestand porträtieren, wenn ich etwa beliebi-
ge Striche auf das Papier kritzelte und sagte “es gibt gewiss eine Projek-
tionsmethode, die diesen Tatbestand in diese Zeichnung projiziert”.
Ts-213,199v


Ts-213,200r


200
     

     Ja auch hier (beim Porträtieren // Abbilden//) fühle ich mich schon
beim ersten Strich verpflichtet — d.h. er ist nicht willkürlich. Jeden-
falls aber fängt das    Bild   erst dort an, wo die Verpflichtung an-
fängt.
     
     
     
     
     
     
     
     
     

     


     
     
     
     
     
     
     
     
     

     
Ts-213,200v


Ts-213,201r


201
     
46
Funktionieren des Satzes an einem Sprachspiel erläutert.






     
     

     Ich halte meine Wange, und jemand fragt, warum ich es tue und ich ant-
worte: “Zahnschmerzen”. Das heisst offenbar dasselbe, wie “ich habe Zahn-
schmerzen”, aber weder stelle ich mir die fehlenden Worte im Geiste vor,
noch gehen sie mir im Sinn irgendwie ab. Daher ist es auch möglich, dass
ich die Worte “ich habe Zahnschmerzen” in    dem   Sinne aussprache, als
sagte ich nur das letzte Wort oder, als wären die drei nur    ei[h|n]   Wort.
     (Eliptischer Satz. Was tut die Grammatik, wenn sie sagt: “ ‘Hut und
Stock!’ heisst eigentlich ‘gib mir meinen Hut und meinen Stock!’ ”)

     

     Ein einfaches Sprachspiel ist z.B. dieses: Man spricht zueinem Kind
(es kann aber auch ein Erwachsener sein), indem man das elektrische Licht
in einem Raum andreht: “Licht”, dann, indem man es abdreht: “Finster”; und
tut das etwa mehrere Male mit Betonung und variierenden Zeitlängen. Dann
geht man etwa in das Nebenzimmer, dreht von dort aus das Licht im ersten
an und bringt das Kind dazu, dass es mitteilt, ob es licht oder finster
ist. // dasse es mitteilt: “Licht”, oder “Finster”.

     Soll ich da nun “Licht” und “Finster” ‘Sätze’ nennen? Nun, wie ich will.
— Und wie ist es mit der ‘Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit’?
Ts-213,201v


Ts-213,202r


202
     

     Wenn ich bestimmte einfache Spiele beschreibe, so geschieht es nicht,
um mit ihnen nach und nach die Vorgänge der Sprache — oder des
Denkens — aufzubauen, was nur zu Ungerchtigkeiten führt, — sondern ich
stelle die Spiele als solche hin, und lasse sie ihre aufklärende Wirkung
auf die besonderen Probleme ausstrahlen.

     

     Man könnte sagen: “die Worte ‘Licht’, ‘Finster’ sind hiera als
Sätze gemeint und sind nicht einfach Wörter”. Das he[k|i]sst, sie sind hier
nicht so gebraucht, wie wir sie in der gewöhnlichen Sprache gebrauchen
(obwohl wir tatsächlich auch oft    so   sprechen). wenn ich plötzlich
ohne sichtbaren Anlass das Wort “Licht” isoliert ausspreche, so wird man
allerdings sagen: “was heisst</>das? das ist doch kein Satz” oder: “Du sagst
‘Licht’, was soll's damit?” Das Aussprechen des Wortes “Licht” ist in
diesem Fall sozusagen noch ?—kein (kompletter) Zug des Spiels, das, wie wir
annehmen, der Andre spielt. —?

     

     Wie unterscheidet sich nun “Licht”, wenn es den Wunsch nach Licht aus-
drüc[j|k]t, von “Licht”, wenn es konstatiert, dass es im Zimmer licht ist?
Dass wir es in jedem Fall anders    meinen  ? Und worin besteht das? In
bestimmten Vorgängen, die das Aussprechen begleicheten, oder in einem be-
stimmten Benehmen, das ihm vorangeht, eventuell es begleitet, und ihm
folgt?


     

     Wenn ein Mann im Ertrinken “Hilfe!” schreit, — konstatiert er die Tat-
sache, dass er Hilfe bedarf? dass er ohne Hilfe ertrinken wird? — Dagegen
gibt es den Fall, in dem man, quasi sich beobachtend sagt “ich hätte
(oder: habe) jetzt den Wunsch nach…”.

     

     Ich sage das Wort “Licht!”, — der Andere fragt mich: “was meinst Du?” —
Ts-213,202v


Ts-213,203r


203
und ich sage // antworte //: “Ich meinte, Du sollst Licht machen”. — Wie
war das, als ich es    meinte  ? Sprach ich den “[j|k]ompletten Satz” in der
Vorstellung unhörbar aus, oder den entsprechenden in einer andern Sprache?
(Ja, das    kann   vorkommen oder auch nicht.) Die Fälle, die man alle mit
dem Ausdruck “ich meinte” zusammenfasst, sind    sehr mannigfach  .

     

     Nun kann man ruhig annehmen: ‘ich meinte, Du solltest Licht machen’
heisst, dass mir dabei ein Phantasiebild von Dir in dieser Tätigkeit vorge-
schwebt hat, und ebensogut: der Satz heisst, dass mir dabei die Worte des
vollständigen Satzes in der <…> Phantasie gegenwärtig waren, oder, dass
eins von diesen beiden der Fall war; — <…> nur muss ich wissen, dass ich da-
mit eine Festsetzung über die Worte “ich meinte” getroffen habe und eine
engere als die ist, welche dem tatsächlichen allgemeinen Gebrauch des Aus-
druckse entspricht.

     

     Wenn das Meinen für uns irgend eine Bedeutung, Wichtigkeit, haben soll,
so muss dem System der Sätze ein System der Meinungen zugeordnet sein,    was
immer
   für Vorgänge die Meinungen sein sollen .

     
     
     

     Inwiefern stimmt nun das Wort “Licht” im obigen Symbolismus oder Zeichen-
spiel mit einer Wirklichkeit überein, — oder nicht überein?

     Wie gebrauchen wir das Wort “übereinstimmen”? — Wir sagen “die
beiden Uhren stimmen überein”, wenn sie die gleiche Zeit zeigen, “die bei-
den Masstäbe stimmen überein”, wenn gewisse Teilstriche zusammenfallen, “die
beiden Farben stimmen überein”, wenn etwa ihre Zusammenstellung uns ange-
nehm ist. Wir sagen “die beiden Längen stimmen überein”, wenn sie gleich
sind, aber auch, wenn sie in einem von uns gewünschten Verhältnis stehen.
Und, dass sie “übereinstimmen” heisst dann nichts andres, als dass sie in
diesem Verhältnis — etwa 1:2 — stehen.
So muss also in jedem Fall erst
Ts-213,204r


204
festgesetzt werden, was unter “Uebersti “Uebereinstimmung” zu verstehen
ist. — So ist es nun auch mit der Uebereinstimmung einer Längenangabe mit
einer Länge . Wenn ich sage: “dieser Stab ist 2 m lang”, so kann ich z.B.
erklären // eine Erklärung geben//, wie man nach diesem Satz mit einem
Masstab die Länge des Stabes kontrolliert, wie man etwa nach diesem Satz
einen Messtreifen für den Stab erzeugt. Und ich sage nun, der Satz stimmt
mit der Wirklichkeit überein, wenn der auf diese Weise konstruierte Mess-
streifen mit dem Stab übereinstimmt. Diese Konstruktion eines Messtreifens
illustriert übrigens, was ich in der “Abhandlung” damit meinte, dass der
Satz bis an die Wirklichkeit herankommt. — Man könnte das auch so klar ma-
chen: Wenn ich die Wirklichkeit daraufhin prüfen will, ob sie mit einem
Satz übereinstimmt, so kann ich das auch so machen, dass ich sie nun be-
schreibe und sehe, ob der gleiche Satz herauskommt. Oder: ich kann die
Wirklichkeit nach grammatischen Regeln in die Sprache des Satzes überset-
zen und nun im Land der Sprache ?—den Vergleich durchführen—?.

     Als ich nun dem Andern erklärte: “Licht” (indem ich Licht machte), “Fin-
ster” (indem ich auslöschte), hätte ich auch sagen können und mit genau
derselben Bedeutung: “das ist // heisst// ‘Licht’” (wobei ich Licht ma-
che) und “das ist // heisst// ‘Finster’” etc., und auch ebensogut : “das
stimmt mit ‘Licht’ überein”, “das stimmt mit ‘Finster’ überein”.

     

     Es kommt eben wieder auf die Grammatik des Wortes “Uebereinstimmung”
an, auf seinen Gebrauch. Und hier liegt die Verwechslung mit ‘Aehnlich-
keit’ nahe, in dem Sinn, in dem zwei Personen einander ähnlich sind, wenn
ich sie leicht miteinander verwechseln kann.

     Ich kann auch wirklich nach der Aussage über die Gestalt eines Körpers
eine Hohlform konstruieren, in die nun der Körper passt, oder nicht passt,
je nachdem die Beschreibung richtig oder falsch war, und die konstruierte
Hohlform gehört dann in dieser Auffassung noch zur Sprache (die bis an die
Wirklichkeit herankommt).
Ts-213,204v


Ts-213,205r


205

     Aber auch die Hohlform macht kein finsteres Gesicht, wenn der Körper
nicht in sie passt.

     

     Wenn das Wort “Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit” gebraucht wird
// werden darf//, dann nicht als metalogischer Ausdruck, sondern als Teil
eines Kalküls, als Teil der gewöhnlichen Sprache.
Man kann etwas sagen: Im
Sprachspiel “Licht! — Finster!” kommt der Ausdruck “Uebereinstimmung mit
der Wirklichkeit” nicht vor.

     

     In dem Sprachspiel “Licht — Finster” kommt keine Frage vor. — Aber
wir könnten es auch mit Fragen spielen.

     
Ts-213,206r


206



     
47
       Behauptung, Frage, Annahme, etc.






     

     Das Frege'sche Behauptungszeichen ist am Platze, wenn es nichts wei-
ter bezeichnen soll, als den Anfang des Satzes. Man könnte sagen “den
Anfang der Behauptung”, im Gegensatz zu den Sätzen, die in der Behaup-
tung vorkommen können. Das Behauptungszeichen dient dann demselben Zweck,
wie der Schlusspunkt des vorhergehenden Satzes.

     “Ich denke p” hat dann mit “!-p” eben    nur   das Zeichen “p” gemein // gemeinsam//.

     

     Was zum Wesen des Satzes gehört, kann die Sprache schon darum nicht
ausdrücken, weil es für jeden Satz das Gleiche wäre; und ein Zeichen, das
in jedem Satz vorkommen muss, logisch eine blosse Spielerei wäre. Die
Zeichen des Satzes sind ja nicht Talismane oder magische Zeichen, die
auf den Betrachter einen bestimmten Eindruck hervorrufen sollen.

     Gäbe es philosophische Zeichen im Satz, so müsste ihre Wirkung // Funk-
tion// eine solche unmittelbare sein.

     

     Man hat natürlich das Recht, ein Behauptungszeichen zu verwenden, wenn
man es im Gegensatz etwa zu einem Fragezeichen gebraucht. Irreleitend
Ts-213,206v


Ts-213,207r


207
ist es nur, wenn man meint, dass die Behauptung nun aus zwei Akten beste-
he, dem Erwägen und dem Behaupten (Beilegen des Wahrheitswertes, oder
dergl.) und dass wir diese Akte nach dem geschriebenen Satz ausführen, un-
gefähr wie wir nach Noten .

     Mit dem Klavierspielen nach Noten ist nun allerdings das laute oder
auch leise, Lesen nach dem geschriebenen oder gedruckten Satz zu verglei-
chen und ganz analog; aber n[k|i]chts, was wir ‘denken’ nennen . Ist also z.B.
ein Behauptungszeichen im geschriebenen Satz, so wird wieder ein Behaup-
tungs   zeichen   im gelesenen sein (etwa die Betonung, oder der
Stimmfall).



     
     

     Eine Sprache (ich meine eine Sprechart) ist denkbar, in der es keine
Behauptungssätze gibt, sondern nur Fragen und die Bejahung und Verneinung.

     
      Behauptung, Annahme, Frage. Man kann auf dem Schachbrett einen Zug in
einer Schachpartie machen, — aber auch während eines Gespräches über ein
Schachproblem zur Illustration, oder wenn man jemand das Spiel lehrt, —
etc.. Man sagt dann auch etwa: “angenommen, ich zöge    so  , …”. So
ein Zug hat Aehnlichkeit mit dem, was man in der Sprache ‘Annahme’ nennt.
Ich sage nun etwa “im Nebenzimmer ist ein Dieb”, — der Andre fragt mich
“woher weisst Du das?” und ich antworte: “oh ich wollte nicht sagen,
dass wirklich ein Dieb im Nebenzimmer ist, ich habe es nur in Erwägung
gezogen”. — Möchte man da nicht fragen:    Was   hast Du erwogen? wie Du
Dich benehmen würdest, wenn ein Dieb da wäre, oder, was für ein Geräusch
es machen würde, oder, was er Dir wohl stehlen würde?

     Freges Anschauung könnte man so wiedergeben: dass die Annahme (so wie
er das Wort gebraucht) das ist, was die Behauptung, dass p der Fall
ist, mit der Frage, ob p der Fall ist, gemeinsam hat. Oder auch, dass
Ts-213,208r


208
die Annahme dasselbe ist wie die Frage. Man könnte auch eine Behauptung
immer als eine Frage mit einer Bejahung darstellen. Statt “Es regnet”:
“Regnet es? Ja!”

     

     Wenn es so etwas gäbe, wie eine Annahme im Sinne Freges, müsste dann
nicht die Annahme, dass p der Fall ist gleich der sein, dass non-p der
Fall ist?

     

     In dem Sinn, in welchem die Frage “ist p der Fall?” die gleiche ist
wie “ist p nicht der Fall?”.

     

     Es gibt wirkliche Annahmen, die wir eben durch Sätze von der Form “an-
genommen p wäre (oder: ist) der Fall” ausdrücken. Aber solche Sätze nen-
nen wir nicht vollständig und sie scheinen sehr ähnlich den Sätzen der
Form // erinnern uns an Sätze der Form// “wenn p der Fall ist, …”.

     

     Ist nun aber eine solche Annahme    ein Teil   einer Behauptung?
Ist das nicht, als sagte man, die Frage, ob p der Fall ist, sei ein Teil
der Behauptung, dass p der Fall ist?

     

     Ist es aber nicht auffällig, dass wir es in unsern gewöhnlich philoso-
phisch-grammatischen Problemen nie damit zu tun haben, ob sie sich auf
Behauptungen oder Fragen beziehen? (Etwa in dem Problem vom Idealismus
und Realismus.)

     

     Und welcher Art ist ein Satz, wenn sich Einer eine mögliche Situation,
etwa ihrer Seltsamkeit wegen, notiert? Oder: die Erzählung eines Witzes?

     

     Sprachspiel: eine Geschichte erfinden. Oder: eine Geschichte erfinden
Ts-213,208v


Ts-213,209r


209
und zeichnen. — Etc..

     
     

     Wir könnten uns auch eine Sprache denken, die nur aus Befehlen be-
steht. So eine Sprache verhält sich zu der unseren, wie eine primitive
Arithmetik zu unserer. Und wie jene Arithmetik nicht wesentlich unvoll-
ständig ist, so ist es auch die primitivere Form der Sprache nicht.


     

     



     
     
     
     
     
     

     
     
     
     
     
     
   Gedanke  .

   Denken  .





















Ts-213,210v


Ts-213,211r


211



     
48
Wie denkt man den Satz ‘p’, wie erwartet, (glaubt, wünscht) man, dass p
der Fall sein wird? Mechanismus des Denkens.







     
     

     

     Man ist versucht, zu fragen: wie
denkt man den Satz p, wie erwartet man, dass das und das eintreffen wird
(wie macht man das).

     

     “Wie arbeitet der Gedanke, wie bedient er sich seines Ausdrucks?” —
das ist analog der Frage : “wie arbeitet der Musterwebstuhl,
wie bedient er sich der Karten?”

     
      Das Gefühl ist, dass mit dem Satz “ich glaube, dass p der Fall ist”
der Vorgang des Glaubens nicht beschrieben sei (dass vom Webstuhl nur die
Karten gegeben seien und alles übrige bloss angedeutet ist). Dass man die
Beschreibung “ich glaube p” durch die Beschreibung eines Mechanismus er-
setzen könnte, worin dann p, d.h. jetzt die Wortfolge “p”, wie die Karten
im Webstuhl nur als    ein   Bestandteil vorkommen würde. Aber hier ist
der Irrtum: Was immer diese Beschreibung enthielte, wäre für uns wertlos,
Ts-213,212r


212
ausser eben der Satz p    mit seiner Grammatik  . Sie ist
quasi der eigentliche Mechanismus, in welchem // dem // er eingebettet
liegt.

     

     Wenn man fragt “wie macht der Gedanke // Satz// das, dass er darstellt?”
So könnte die Antwort sein: “Weisst Du es denn (wirklich) nicht? Du siehst
es doch, wenn Du denkst // wenn Du ihn benützt//”. Es ist ja nichts ver-
borgen.

     Wie macht der Satz das? — Weisst Du es denn nicht? Es ist ja nichts ver-
steckt.

     


     Dass ‘alles fliesst’ scheint uns am Ausdruck der Wahrheit zu hindern,
denn es ist, als ob wir sie nicht auffassen könnten, da sie uns entgleitet.

     
Aber es hindert uns eben nicht am Ausdruck. — Was es heisst, etwas Ent-
fliehendes in der Beschreibung festhalten zu wollen, wissen wir. Das ge-
schieht etwa, wenn wir das Eine vergessen, während wir das Andere beschrei-
ben wollen. Aber darum handelt es sich doch hier nicht. Und so ist der Aus-
druck // das Wort// “entfliehen” anzuwenden.

     

     Aber auf die Antwort “Du weisst ja, wie es der Satz macht, es ist ja
nichts verborgen”, möchte man sagen: “ja, aber es fliesst alles so rasch
vorüber und ich möchte es gleichsam breiter auseinander gelegt sehen”.

     
      Aber auch hier irren wir uns. Denn es geschieht dabei auch nichts, was
uns durch die Geschwindigkeit entgeht.

     
      Warum können wir uns keine Maschine mit einem Gedächtnis denken? Es w[r|u]r-
de oft gesagt, dass das Gedächtnis darin besteht, dass Ereignisse Spuren
Ts-213,212v


Ts-213,213r


213
hinterlassen, in denen nun gewisse Vorgänge vor sich gehen müssten. Wie wenn
Wasser sich ein Bett macht und das folgende Wasser in diesem Bett fliessen
muss; der eine Vorgang fährt für den nächsten das Gleise aus. // der eine
Vorgang fährt das Gleise aus, das den andern führt. Geschieht dies nun
aber in einer Maschine, wie es wirklich geschieht, so sagt niemand, die Ma-
schine habe Gedächtnis, oder habe sich den einen Vorgang gemerkt.

     

     Nun ist das aber ganz so, wie wenn man sagt, eine Maschine kann nicht
denken, oder kann keine Schmerzen haben. Und hier kommt es darauf an, was
man darunter versteht “Schmerzen zu haben”.
Es ist klar, dass ich mir eine
Maschine denken kann, die sich genau so benimmt (in allen Details), wie ein
Mensch der Schmerzen hat. Oder vielmehr: ich kann den Andern eine Maschine
nennen, die Schmerzen hat, d.h.: den andern    Körper  . Und ebenso, na-
türlich, meinen Körper. Dagegen hat das Phänomen der Schmerzen, wie es auf-
tritt
, wenn ‘ich Schmerzen habe’, mit meinem Körper, d.h. mit dem Erfahrun-
gen, die ich als Existenz meines Körpers zusammenfasse, gar nichts zu tun.
(Ich kann Zahnschmerzen haben ohne Zähne.) Und hier hat nun die Maschine gar
keinen Platz. — Es ist klar, die Maschine kann nur einen physikalischen Kör-
per ersetzen. Und in dem Sinne, wie man von einem solchen sagen kann, er
“habe” Schmerzen, kann man es auch von einer Maschine sagen. Oder wieder,
die    Körper  , von denen wir sagen, sie hätten Schmerzen, können wir
mit Maschinen vergleichen und auch Maschinen nennen.

     

     Und ganz ebenso verhält es sich mit dem Denken und dem Gedächtnis.

     

     Es ist uns — wie gesagt — als ginge es uns mit dem Gedanken so, wie mit
einer Landschaft, die wir gesehen haben und beschreiben sollen, aber wir
erinnern uns ihrer nicht genau genug, um sie in? allen ihren Zusammenhängen
beschreiben zu können. So, glauben wir, können wir das Denken nachträglich
Ts-213,214r


214
nicht beschreiben, weil uns alle die feineren Vorgänge dann verloren
gegangen sind.

     Diese feinen Verhäkelungen möchten wir sozusagen unter der Lupe sehen.
Ts-213,215r


215




     
49
“Was ist ein Gedanke, welcher Art muss er sein, um seine Funktion erfül-
len zu können?”
Hier will man sein Wesen aus seinem Zweck, seiner Funktion erklären.







     

     Wir fragen: Was ist ein Gedanke, welcher Art muss etwas sein, um die
Funktion des Gedankens verrichten zu können? Und diese Frage ist ana-
log der: Was ist, oder wie funktioniert, eine Nähmaschine. “Wie macht sie
das?” Aber die Antwort könnte sein: Schau den Stich an; alles, was der
Nähmaschine    wesentlich   ist, ist in ihm zu sehen; alles andre
kann so, oder anders sein.

     

     Wir fragen, wie muss der Gedanke beschaffen sein, um seine Bestimmung //Funktion // zu erfüllen; aber was ist denn seine Bestimmung // Funktion//?
Wenn sie nicht in ihm selbst liegt ( d.h. wenn sie nicht ist, (das?) zu sein,
was er ist), liegt sie in seiner    Wirkung  ; aber die interessiert
uns nicht.

     

     Wir sind nicht im Bereiche der Erklärungen und jede Erklärung klingt
uns trivial.
Ts-213,216r


216
     

     Aber dieser Verzicht auf die Erklärung macht es so schwer zu sagen,
was der Gedanke uns eigentlich bedeutet.

     

     Man kann etwa sagen: Er rechnet auf Grund von Gegebenem und endet in ei-
ner Handlung.

     

      Die Berechnung der Wandstärke eines Kessels und,    der   entsprechenden,
Verfertigung ist ein sicheres Beispiel des Denkens. // …muss ein Beispiel
des Denkens sein.//
//die Berechnung der Wandstärke eines Kessels und die dieser entsprechenden
Verfer[i|t]igung…//

     

     Der Schritt, der von der Berechnung auf dem Papier zur Handlung führt,
ist noch ein Schritt der Rechnung.

     

     Wir sagen, wir werden das Denken untersuchen von dem Standpunkt aus, dass
es auch von einer Maschine ausgeführt werden könnte.

     Aber hier befinden wir uns in einer falschen Betrachtungsweise. Wir se-
hen das Denken als einen Vorgang wie das Schreiben an, oder das
Weben das Erzeugen eines Stoffes, etc.. Und dann lässt sich natürlich sa-
gen, dass dieser Vorgang der Erzeugung sich im Wesentlichen auch maschinell
muss denken lassen.
Ts-213,217r


217



     
50
Ist die    Vorstellung   das Porträt par excellence, also grund-
verschieden, etwa, von einem gemalten Bild und durch ein solches oder
etwas Aehnliches nicht ersetzbar? Ist sie das, was eigentlich eine be-
stimmte Wirklichkeit darstellt, — zugleich Bild und Meinung ?







     
     

     

     Sokrates zu Theaitetos: “Und wer vorstellt, sollte nicht etwas vor-
stellen?” Th.: “Notwendig”. Sok.: “Und wer etwas vorstellt, nichts Wirk-
liches?” Th.: “So scheint es”.

     
     

     “Ist die Vorstellung nur die Vorstellung, oder ist sie Vorstellung von
Etwas in der Wirklichkeit?”

     Und von dieser Frage aus könnte man // Und von dieser Frage aus könnte man…// auch die Beziehung der Vorstellung
zum gemalten Bild erfassen.




     
      Die Frage könnte aber nicht heissen: “Ist die Vorstellung immer Vor-
stellung von etwas, was inn der Wirklichkeit existiert” — denn das ist sie
offenbar nicht immer —; sondern, es müsste heissen: bezieht sich die
Vorstellung immer, wahr oder falsch, auf Wirklichkeit. — Denn das kann
man von einem gemalten Bild nicht sagen. — Aber worin besteht dieses
‘sich auf die Wirklichkeit beziehen?’ Es ist doch wohl die Beziehung des
Ts-213,218r


218
Porträts zu seinem Gegenstand.

     

     Aber warum sollte man dann nicht sagen, dass eine Vorstellung Vor-
stellung eines Traumes sei?

     

     Wenn mit heute geträumt hat, dass N mich besuche und N besucht mich nun
wirklich, so war darum jene Traumphantasie? keine Erwartung, und die Tatsa-
che, dass N mich besuchte, keine Erfüllung der // einer // Erwartung.

     

     Diese Situation ist nicht denkbar: Ich habe irgend ein Vorstellungsbild
vor mir und sage: “jetzt weiss ich nicht, ist das eine Erwartung oder eine
Erinnerung, oder nur ein Bild ohne jede Beziehung zur Wirklichkeit”.

     Denn ich erwarte ebenso wirklich, wie ich    warte  .
Ts-213,218v


Ts-213,219r


219



     
51
Ist das Denken ein spezifisch organischer Vorgang? Ein spezifisch mensch-
lich-psychischer Vorgang? Kann man ihn in diesem Falle durch einen anor-
ganischen Vorgang ersetzen, der denselben Zweck erfüllt, a sozusagen
durch eine Prothese?







     
     
     

     Eine Gedankenprothese ist darum nicht möglich, weil der Gedanke für uns
nichts spezifisch Menschliches ist.

     Wir könnten die Rechenmaschine als eine Prothese statt der 10 Finger
ansehen, aber die    Rechnung   ist nichts spezifisch Menschliches und
für sie gibt es keinen Ersatz // keine Prothese //.
Ts-213,220r


220




     
52
Ort des Denkens.







     
     

     Eine der gefährlichsten Ideen ist, merkwürdigerweise, dass wir mit dem
Kopf, oder im Kopf denken.

     

     Die Idee von einem Vorgang im Kopf, in dem gänzlich abgeschlossenen Raum,
gibt dem Denken etwas Okultes.

     

     “Das Denken geht im Kopf vor sich” heisst eigentlich nichts anderes, als,
unser Kopf hat etwas mit dem Denken zu tun. Man sagt freilich auch: “ich
denke mit der Feder auf dem Papier” und diese Ortsangabe ist mindestens so
gut, wie die erste.

     

     Wenn wir fragen “wo geht das Denken vor sich”, so ist dahinter immer die
Vorstellung eines maschinellen Prozesses, der in einem abgeschlossenen Raum
vor sich geht, sehr ähnlich, wie der Vorgang in der Rechenmaschine.

     
      Schon die Bezeichnung ‘Tätigkeit’ für's Denken ist in einer Weise irre-
führend. Wir sagen: das Reden ist eine Tätigkeit unseres Mundes. Denn wir
Ts-213,221r


221
sehen dabei unseren Mund sich bewegen und fühlen es, etc. In demselben diesem Sin-
ne kann man nicht sagen, das Denken sei eine Tätigkeit unseres Gehirns.

     Und kann man sagen, das Denken sei eine Tätigkeit des Mundes oder des
Kehlkopfs oder der Hände (etwa, wenn wir schreibend denken)?

     Zu sagen, Denken sei eben eine Tätigkeit des Geistes, wie Sprechen des
Mundes, ist eine Travestie (der Wahrheit).

     Wir gebrauchen eben ein Bild, wenn wir von der Tätigkeit des Geistes
reden.

     

     Das Denken ist nicht mit der Tätigkeit eines Mechanismus zu vergleichen,
die wir von aussen sehen // der wir von aussen zuschauen//, deren Inneres
aber wir sehen müssten // müssen// um sie zu verstehen.

     // Das Denken ist nicht die Tätigkeit eines Mechanismus, der wir von
aussen zusehen, deren Inneres aber erforscht werden muss.//

     // Das Denken ist nicht mit der Tätigkeit eines Mechanismus zu verglei-
chen, den wir von aussen sehen, in dessen Inneres wir aber erst dringen
müssen.//

     

     Die Wendung “dass etwas in unserem Geist vor sich geht”, soll, glaube
ich, andeuten, dass es im physikalischen Raum nicht lokalisierbar ist. Von
Magenschmerzen sagt man nicht, dass sie in unserem Geist vor sich gehen, ob-
wohl der physikalische Magen ja nicht der unmittelbare Ort der Schmerzen
ist, in dem Sinn, in welchem d er der Ort der Verdauung ist.
Ts-213,221v


Ts-213,222r


222




     
53
        Gedanke und Ausdruck des Gedankens.






     



     
     
     
     

     Der Gedanke ist wesentlich das, was durch den Satz ausgedrückt ist, wo-
bei ‘ausgedrückt’ nicht heisst ‘hervorgerufen’. Ein Schnupfen wird durch
ein kaltes Bad hervorgerufen, aber nicht ausge-
drückt.

     

     Man hat nicht den Gedanken, und    daneben   die Sprache. — Es ist
also nicht so, dass man für den Andern die Zeichen, für sich selbst aber
einen stummen Gedanken hat. Gleichsam einen gasförmigen oder ätherischen
Gedanken, im Gegensatz zu sichtbaren, hörbaren Symbolen.

     

     Man könnte so sagen, am    Gedanken   ist nichts wesentlich privat.—
Es kann jeder in ihn Einsicht nehmen.

     

     Man hat nicht den Zeichenausdruck und daneben, für sich selbst, den
(gleichsam dunkeln) Gedanken. Dann wäre es doch auch zu merkwürdig, dass
man den Gedanken durch die Worte sollte wiedergeben können.
Ts-213,223r


223
     

      D.h.: wenn der Gedanke nicht schon artikuliert wäre, wie könnte der
Ausdruck durch die Sprache ihn artikulieren. Der artikulierte Gedanke aber
ist in allem Wesentlichen ein Satz.

     

     Wie sich der Gedanke zur Rede verhält, kann man am besten verstehen,
wenn man bedenkt, ob das Verständnis (der Gedanke) einer Rechnung
( einer Multiplikation ) als gesonderter Prozess neben dem Rechnungsvor-
gang einherläuft.

     

     Wenn man das Verstehen, Wissen, etc., als    Zustand   auffasst, dann
nur hypothetisch im Sinne einer psychischen Disposition, welche auf der-
selben Stufe steht, wie eine physiologische Disposition.

     

     “Dachtest Du denn, als Du den Satz sagtest, daran, dass Napoleon…” —
“ich dachte nur, was ich sagte”.

     

     Plato nennt die Hoffnung eine Rede. (Philebos)

     

     Der Gedanke ist kein geheimer — und verschwommener — Prozess von dem wir
nur Andeutungen in der Sprache sehen, als wäre die Negation ein Stoss und
der Gedanke darauf wie? ein unbestimmter Schmerz, von diesem Stoss hervorge-
rufen, aber gänzlich von ihm verschieden.

     

     Gedankenlesen kann nur darin bestehen, dass wir Zeichen interpretieren,
also einfach lesen (nur vielleicht    andere   Zeichen). Oder aber es
besteht darin, dass Einem, wenn man des Anderen Hand hält (oder in andrer
Art mit ihm in Kontakt steht) Gedanken kommen, die durch nachträgliche
Fragen als die Gedanken auch des Anderen erkannt werden. Aber da handelt
es sich überhaupt um kein Lesen, sondern es wäre nur die    Hypothese  
Ts-213,224r


224
erlaubt, dass zwei Leute unter gewissen Umständen das Gleiche dächten.

     

     Ist das Denken ein augenblicklicher Vorgang oder etwa ein andauernder
Zustand, wovon die Worte, der Satz, nur eine ungeschickte Wiedergabe sind
(sodass man etwa sagen könnte, wie von dem Eindruck einer Landschaft: Wor-
te können das gar nicht wiedergeben)? Der Gedanke braucht solange wie sein
Ausdruck. Weil der Ausdruck der Gedanke ist.

     

     Ich habe ein französischer Politiker ,
die französische Sprache sei dadurch ausgezeichnet, dass in ihr die Wörter
in der Ordnung folgen, wie man wirklich denkt.

     

     Niemand würde fragen, ob die Multiplikation zweier Zahlen (etwa nach der
gewöhnlichen Art durchgeführt) gleichläuft mit dem Gedanken . Weil jeder die
Multiplikation als ein Instrument ansieht . Während man den nicht
als ein Instrument ansieht.

     

     Die Idee, dass eine Sprache eine Wortfolge haben kann, die der Reihenfol-
ge des Denkens entspricht, im Gegensatz zu einer anderen Sprache , rührt von
der Auffassung her, dass das Denken vom Ausdruck der Gedanken getrennt vor-
geht. Also ein wesentlich anderer Vorgang ist. Nach dieser Auffassung könn-
te man nun freilich sagen: Die wesentlichen Eigenschaften des Negationszei-
chens offenbaren sich freilich erst nach und nach im Gebrauch, aber ich
   denke   die Negation auf einmal. Das Zeichen “nicht” ist ja nur ein Hin-
weis auf den Gedanken “nicht”. Es stösst mich nur, dass ich das Rechte den-
ke. (Es ist nur Signal.)

     

     Willkürlichkeit des sprachlichen Ausdrucks: Könnte man sagen: das Kind
muss das    Sprechen   einer bestimmten Sprache zwar lernen, aber nicht
Ts-213,224v


Ts-213,225r


225
das Denken, d.h. es würde von selber denken, auch ohne irgend eine Spra-
che zu lernen? (( D.h. Willkürlichkeit, wie sie gewöhnlich aufgefasst wird.
Sozusagen: “auf den Gedanken kommt es an, nicht auf die Worte<>.))

     Ich meine aber, wenn es denkt, so macht es sich eben Bilder und diese
Ich sind in einem gewissen Sinne willkürlich, insofern nämlich, als an-
dere Bilder denselben Dienst geleistet hätten. Und andererseits ist ja die Sprache auch natürlich entstanden, d.h., es muss wohl einen ersten Men-
schen gegeben haben, der einen bestimmten Gedanken zum ersten Mal in ge-
sprochenen Worten ausgedrückt hat. Und übrigens ist das Ganze gleichgül-
tig, weil in gesprochenen Worten ausgedrückt jedes Kind, das die Sprache
lernt, sie nur in dieser Weise lernt, dass es anfängt in ihr zu denken.
Plötzlich anfängt; ich meine: Es gibt kein Vorstadium, in welchem das
Kind die Sprache zwar schon gebraucht, sozusagen Verständigung ge-
braucht, aber noch nicht in ihr denkt.

     
     
     

     Ist es quasi eine Verunreinigung des Sinnes, dass wir ihn in einer be-
stimmten Sprache, mit ihren Zufälligkeiten, ausdrücken und nicht gleichsam
körperlos und rein?? Nein, denn es ist wesentlich, dass ich die Idee der
Uebersetzung von einer Sprache in die andere verstehe.

     

     Spiele ich eigentlich doch nicht das Schachspiel selbst, da die Figuren
?—ja auch anders sein könnten?!

     

     Da der Sinn eines Satzes ganz in der Sprache fixiert ist, und es auf
den Sinn ankommt, so ist jede Sprache gleich gut. Der Sinn aber ist, was
Sätze, die in einander übersetzbar sind, gemein haben.


     

Ts-213,226r


226



     
54
Was ist der Gedanke? Was ist sein Wesen?
“Der Gedanke, dieses seltsame Wesen”.







     
     

     Der Gedanke, soweit man überhaupt von ihm reden kann, muss etwas ganz
hausbackenes sein. (Man pflegt sich ihn als etwas Aetherisches, noch Uner-
forschtes, zu denken; als handle es sich um Etwas, dessen Aussenseite bloss
wir kennen, dessen Wesen aber noch unerforscht ist, etwa wie das unseres
Gehirns.) unser Gehirn.)

     

     Der Gedanke hat aber nur eine Aussenseite und kein Innen. Und ihn ana-
lysieren heisst nicht in ihn dringen.

     

     Man kann wieder nur die Grammatik des Wortes “erwarten” //“denken”//
explicit machen. (Und so des Wortes “erwarten” //“denken”//, etc..)
Ts-213,227r


227



     
55
Zweck des Denkens.

Grund des Denkens.







     
     

     Wozu denkt der Mensch? wozu ist es nütze? Wozu    berechnet   er
Dampfkessel und überlässt nicht dem Zufall, Es ist doch nur Erfahrungs-
tatsache, dass Kessel, die so berechnet wurden, nicht so oft explodieren
. Aber so, wie er alle[r|s] eher täte, als die Hand ins Feuer
stecken, das ihn früher gebrannt hat, so wird er alles eher tun, als den
Kessel nicht berechnen. Da uns aber Ursachen nicht interessieren, können
wir nur sagen: die Menschen denken tatsächlich sie gehen z.B. auf diese
Weise vor, wenn sie einen Dampfkessel bauen. Kann nun ein so erzeugter Kes-
sel nicht explodieren?

     
     

     Sich etwas überlegen. Ich überlege, ob ich jetzt ins Kino gehen soll.
Ich mache mir ein Bild der Zeiteinteilung des Abends. Aber    wozu   tue
ich das?? Ich mache ja kein “Gedankenexperiment”!

     
     

     Wir verstehen alle, was es heisst, in einem Kalender nachschlagen, an
welchem Tag der Woche wir frei sind. Das Bild, das wir sehen, ist etwa
Ts-213,227v


Ts-213,228r


228
und wir sagen nun, wir seien nur Freitag frei, und handeln
demgemäss. Mit welcher Berechtigung handeln wir nach dem Bild ?

     

     Wir erwarten etwas und handeln der Erwartung gemäss. Muss die Erwartung
eintreffen? Nein. Warum aber handeln wir nach der Erwartung? Weil wir dazu
getrieben werden, wie dazu, einem Automobil auszuweichen, uns niederzuset-
zen, wenn wir müde sind und aufzuspringen, wenn wir uns auf de einen Dorn
gesetzt haben.

     

     Die Natur des Glaubens an die Gleichförmigkeit des Geschehens wird viel-
leicht am klarsten im Falle, in dem wir Furcht vor dem erwarteten
em[f|p]finden. Nichts könnte mich dazu bewegen, meine Hand in die Flamme zu
stecken, obwohl ich mich doch    nur in der Vergangenheit  
verbrannt habe.

     

     Dass mci mich das Feuer brennen wird, wenn ich die Hand hineinstecke:
das ist Sicherheit.

      D.h., da sehe ich was Sicherheit bedeutet. (Nicht nur was das Wort “Si-
cherheit” bedeutet, sondern auch, was es mit ihr auf sich hat.)

     

     Der Glaube, dass mich das Feuer brennen wird, ist von der Natur der
Furcht, dass es mich brennen wird.

     

     Wenn man mich ins Feuer zöge, so würde ich mich wehren und nicht gut-
willig gehn; und ebenso würde ich schreien: “das Feuer wird mich brennen!”
und ich würde nicht schreien: “vielleicht wird es ganz angenehm sein!”

     

     Ich kalkuliere    so  , weil ich nicht anders kalkulieren kann. (Ich
glaube    das  , weil ich nicht anders glauben kann.)
Ts-213,229r


229
     

     Es lässt sich kein // Man kann keinen // Grund angeben, weswegen man
denken soll.       Es sei denn ein Grund von der Art dessen, weswegen man essen soll.

     

     Man kann einen Gedanken aus anderen begründen, aber nicht das Denken .
Das, glaube ich, ist es, was unsere Untersuchung rein beschreibend macht.

     

     Es lässt sich kein rationaler Grund angeben, weshalb wir denken sollten
// müssten //.

     
     

     Ich nehme an, dass dieses Haus nicht in einer halben Stunde zusammen-
stürzen wird. Wann nehme ich das an? Die ganze Zeit? und was ist dieses An-
nehmen für eine Tätigkeit? Heisst, das annehmen, nicht (wieder) zweierlei?
Einmal bezeichnet es eine hypothetische psychologische Disposition; einmal
den Akt des Denkens, Ausdrückens, jenes Satzes // des Satzes “das Haus wird
nicht einstürzen”//. Im ersten Sinne ist das Kriterium dafür, dass ich
jene Annahme mache // das annehme// das, was ich sonst sage, fühle und
tue; im andern Sinn, dass ich einen Satz sage, der wieder ein Glied einer
Rechnung // Kalkulation// ist. Nun sagt man: Du musst aber doch einen
Grund haben, das anzunehmen, sonst ist die Annahme ungestützt und wertlos
(erinnere Dich daran, dass wir zwar auf der Erde stehen, die Erde aber
nicht wieder auf irgend etwas; und Kinder glauben, sie müsse fallen, wenn
sie nicht gestützt ist). Nun, ich habe auch Gründe zu meiner Annahme. Sie
lauten etwa: dass das Haus schon jahrelang gestanden hat, aber nicht so
lang, dass es schon baufällig sein könnte, etc. etc..    Was   ein Grund
   wofür   ist (Was als Grund wofür gilt), kann von vornherein angegeben
werden und beschreibt // bestimmt// einen Kalkül, in welchem // dem//
eben das eine ein Grund des andern ist. Soll aber nun ein Grund für diesen
ganzen Kalkül gegeben werden, so sehen wir, dass er fehlt. Fragt man aber,
Ts-213,229v


Ts-213,230r


230
ob der Kalkül also eine willkürliche Annahme ist, so ist die Antwort, dass
er so wenig ist, wie die Furcht vor dem Feuer oder einem wütenden Men-
schen, der sich uns nähert.


     Wenn man nun sagt: gewiss sind doch die Regeln der Grammatik, nach de-
nen wir vorgehen und operieren, nicht willkürlich; so müsste man zur Ant-
wort fragen: Gut also, warum denkt denn ein Mensch wie er denkt? warum
geht er denn durch diese Denkhandlungen? (gefragt ist hier natürlich nach
den Gründen    Gründen  , nicht Ursachen). Nun, da lassen sich Gründe in
dem Kalkül angeben; und ganz zum Schluss ist man dann versucht zu sagen:
“es ist eben sehr wahrscheinlich, dass sich das Ding jetzt so verhalten
wird, wie es sich immer verhalten hat” //…dass das Ding jetzt das glei-
che Verhalten zeigen wird, das es immer gezeigt hat”//, — oder dergleichen.
Eine Redensart, die den Anfang des Raisonnements verhüllt und hier // an
diesem Anfang
// eine ähnliche Rolle spielt, wie der Schöpfer am Beginn
// Anfang// der Welt, der // welcher// zwar in Wirklichkeit nichts er-
klärt, aber ein einen den Menschen acceptabler acceptablen Anfang ist. macht.

     Das, was so schwer einzusehen ist, ist dass,    solange   wir ein
Wahr-Falsch-Spiel spielen // dass,    solange   wir im Bereich der Wahr-
Falsch-Spiele bleiben //, eine Aenderung der Gramm. uns nur von einem
solchen Spiel zu einem andern führen kann, aber nicht von etwas Wahrem zu
etwas Falschem. Und wenn wir anderseits aus dem Bereich dieser Spiele
heraustreten, so nennen wir es eben nicht mehr Grammatik, und zu einem Wi-
derspruch mit der Wirklichkeit kommen wir wieder nicht.

     

     Denken wir uns die Tätigkeit in einem Haus, in einer Werkstätte. Da wird
gehobelt, gesägt, gestrichen, etc. etc.; und ausserdem gibt es da eine Tä-
tigkeit, die man ‘rRechnen’ nennt, und die sich scheinbar von allen den an-
dern unterscheidet // von allen diesen unterscheidet//, besonders, was
den // ihren// Grund anbelangt. Wir machen da etwa ein Bild, die Tätigkeit
Ts-213,231r


231
des Rechnens (Zeichnens, etc.) verbindet Teile der andern Tätigkeit. Er
setzt aus, rechnet etwas, dann misst er und arbeitet mit dem Hobel weiter.
Er setzt auch manchmal aus, um das Hobelmesser zu schleifen; aber ist diese
Tätigkeit analog der andern des Kalkulierens? — “Aber Du glaubst doch auch,
dass mehr Kessel explodieren würden // mehr Kesselexplosionen wären //,
wenn die Kessel nicht berechnet würden”. Ja, ich glaube es ; — aber was will
das sagen? Folgt daraus, dass weniger    sein   werden? Und was ist denn
die Grundlage dieses Glaubens?

     Wenn man nun nach dem Grund einer einzelnen Denkhandlung (Kalkülhand-
lung) fragt, so erhält man als Antwort die Auseinandersetzung eines Systems
dem die Handlung angehört.

     
Ts-213,232r


232




     
   Grammatik  .





















Ts-213,233r


233



     
56
Die Grammatik ist keiner Wirklichkeit Rechenschaft schuldig.
Die grammatischen Regeln bestimmen erst die Bedeutung (konstituieren sie)
und sind darum keiner Bedeutung verantwortlich und insofern willkürlich.







     

     Angenommen, wir lassen die Uebersetzung in die Gebärdensprache fort;
zeigt es sich dann in der Anwendung (ich meine, in den grammatischen Regeln
der Anwendung), dass diese Uebersetzung möglich ist?

     

     Und kann es sich nur zeigen, dass die    möglich   ist, oder auch,
dass sie notwendig ist?

     Wenn sie    notwendig   ist, so heisst das, dass die Sprache ver-
mittels des roten Täfelchens in irgend einem Sinn notwendig ist; und nicht
gleichberechtigt der Wortsprache.

     

     Aber wie könnte das sein? denn dann wären ja die hinweisenden Erklärun-
gen überflüssig: das heisst aber schon, implicite in den andern enthalten.
Wie kann denn eine Regel eines Spiels überflüssig sein,    wenn   es eben
   das   Spiel sein soll, was auch durch    diese   Regel charakterisiert
wird.
Ts-213,234r


234
     

     Der // Mein // Fehler besteht hier immer wieder darin, dass ich vergesse
dass erst    alle   Regeln das Spiel, die Sprache, charakterisieren, und
dass diese Regeln nicht einer Wirklichkeit verantwortlich sind, so dass sie
von ihr kontrolliert würden, und so dass man von einer Regel bezweifeln
könnte, dass sie notwendig, oder richtig, wäre. ([C|V]ergleiche das Problem der
Widerspruchsfreiheit der Nicht-euklidischen Geometrie.)

     

     Die Grammatik ist keiner Wirklichkeit verantwortlich.

     

     (Die Grammatik ist kei der Wirklichkeit nicht Rechenschaft schuldig.)

     

     Kann diese hinweisende Erklärung mit den Regeln der Verwendung kolli-
dieren?

     
      Denn eigentlich können ja Regeln nicht kollidieren, ausser sie widerspre-
chen einander. Denn im Uebrigen bestimmen sie ja eine Bedeutung, und sind
nicht einer verantwortlich, so dass sie ihr widersprechen könnten. ((Dazu
eine Bemerkung, dass die hinweisende Erklärung    eine   der Regeln ist,
die von einem Wort gelten.))

     

     Eine Sprache ist, was sie ist, und eine andere Sprache ist nicht    die-
se
   Sprache. Ich gebrauche also die Nummern des Musterkataloges anders,
als die Wörter “rot”, “[B|b]lau”, etc..

     

     Es kann keine Diskussion darüber geben, ob diese Regeln oder andere die
richtigen für das Wort ‘nicht’ sind. Denn das Wort hat ohne diese // die//
Regeln noch keine Bedeutung, und wenn wir die Regeln ändern, so hat es nun
eine andere Bedeutung (oder keine) und wir können dann ebensogut auch das
Wort ändern. Daher sind diese Regeln willkürlich, weil die Regeln erst
Ts-213,234v


Ts-213,235r


235
Zeichen

     

     Das einzige Korrelat in der Sprache zu einer Naturnotwendigkeit ist
eine willkürliche Regel. Sie ist das einzige, was man von dieser Notwendig-
keit in Sätze // einen Satz // abziehen kann.




     

     Wenn man fragt “warum gibst Du Eier in diesen Teig”, so ist die Antwort
etwa “weil der Kuchen dann besser schmeckt”. Also, man hört // erfährt//
eine Wirkung und sie wird als Grund gegeben.

     Wenn ich dem Holzblock eine bestimmte Form geben will, so ist der Hieb
der richtige, der diese Form erzeugt. — Ich nenne aber nicht das Argument
das richtige, das die erwünschten Folgen hat. Vielmehr nenne ich die Rech-
nung falsch, auch wenn die Handlungen, die dem Resultat ent-
springen, zum gewünschten Ende geführt haben. (
Das zeigt, dass die Rechtfertigung in den
beiden Fällen verschiedene , In einem Fall kann man sagen: “Wart' nur, Du wirst schon
sehen, dass das Richtige ( d.h. hier: Gewünschte) herauskommt”; im andern
ist dies keine Rechtfertigung.

     Wenn man nun von der Wirklich Willkürlichkeit der grammatischen Regeln
spricht, so kann das nur bedeuten, dass es die Rechtfertigung, die    in  
der Grammatik als solcheˇr liegt, nicht    für   die Grammatik gibt. Und wenn
man das Rechnen und // aber// nicht das Kochen dem Spiel vergleicht, ?—so
ist es eben aus aus eben diesem Grunde—?. Das ist aber auch der Grund, warum man das
Kochen keinen Kalkül nennen würde. Wie ist es aber mit dem Aufräumen eines
Zimmers, oder dem Ordnen eines Bücherschrankes, — oder dem Stricken eines
bestimmten Musters? Diese Dinge kommen dem Spiel in irgendeiner Weise nä-

Ts-213,235v


Ts-213,236r


236
her.Ich glaube, der Grund, warum man das Kochen kein Spiel zu nennen ver-
sucht ist, ist der: es gibt natürlich auch für das Kochen Regeln, aber “Ko-
chen” bezeichnet nicht wesentlich eine Tätigkeit nach diesen Regeln, son-
dern eine Tätigkeit, die ein bestimmtes Resultat hat. Es ist etwa eine
Regel, dass man Eier 3 Minuten lang kocht, um weiche Eier zu erhalten; wird
aber durch irgend welche Umstände das gleiche Ergebnis durch 5 Minuten lan-
ges Kochen erreicht, so sagt man nun nicht “das heisst dann nicht ‘weiche
Eier kochen’”. Dagegen heisst “Schachspielen” nicht die Tätigkeit, die ein
bestimmtes Ergebnis hat, sondern dieses Wort bedeutet eine Täti[v|g]keit, die
nach gewissen ausgeführt wird . Die Regeln der Kochkunst hängen mit
der Grammatik des Wortes “kochen” anders zusammen, als die Regeln des
Schachspiels mit der Grammatik des Wortes “Schach spielen” und als die Re-
geln des Multiplizierens mit der Grammatik des Wortes “multiplizieren”.
     

     Die Regeln der Grammatik sind in demselben Sinne willkürlich,
wie die Wahl einer Masseinheit.

     Man ist versucht, Regeln der Grammatik durch Sätze zu rechtfertigen
von der Art: “Aber es gibt doch wirklich 4 primäre Farben”; und gegen die
Möglichkeit die[w|s]er Rechtfertigung, die nach dem Modell der Rechtfertigung
eines Satzes durch (den?) Hinweis auf seine Verifikation gebaut ist, richtet
sich das Wort, dass die Regeln der Grammatik willkürlich sind.

     Kann man aber nicht doch in irgend einem Sinne sagen, dass die Gramma-
tik der Farbwörter die Welt, wie sie tatsächlich ist, charakterisiert? Man
möchte sagen: kann ich nicht wirklich vergebens nach einer fünften primä-
ren Farbe suchen?
Nimmt man nicht die primären Farben zusammen, weil sie eine Aehnlichkeit
Ts-213,236v


Ts-213,237r


237
haben, oder zum mindesten die Farben, im Gegensatz z.B. von // zu den//
Formen oder Tönen, weil sie eine Aehnlichkeit haben? Oder habe ich, wenn
ich diese Einteilung der Welt als die richtige hinstelle, schon eine vorge-
fasste Id[d|e]e als Paradigma der im Kopf? Von der ich dann etwa nur sagen kann:
“ja, das ist die Weise // Art//, wie wir die Dinge betrachten”, oder “wir
wollen eben ein solches Bild (von der Wirklichkeit) machen”. Wenn ich näm-
lich sage: “die primären Farben haben doch eine bestimmte Aehnlichkeit mit-

einander” — woher nehme ich den Begriff dieser Aehnlichkeit? Ist nicht so, wie der Begriff “primäre Farbe” nichts andres
ist, als “blau oder ro[r|t] oder grün oder gelb”, — auch der Begriff jener Aehn-
lichkeit nur durch die vier Farben gegeben? Ja, sind sie nicht die gleichen!
— Ja, könnte man denn auch rot, grün und kreisförmig zusammenfassen? Warum
nicht?!

     Die Wichtigkeit liegt darin, dass wir dieses Spiel spie-
len. Dass wir    diese   Handlungen ausführen. Es verliert seine Wichtig-
keit nicht dadurch, dass es selbst nicht wieder eine Handlung in einem an-
dern (übergeordneten) Spiel ist.
     Warum nenne ich die Regeln des Kochens nicht willkürlich; und warum bin
ich versucht, die Regeln der Grammatik willkürlich zu nennen? Weil Ko-
chen durch seinen Zweck definiert ist, dagegen Gebrauch der Sprache
nicht. Darum ist der Gebrauch der Sprache in einem gewissen Sinne autonom, in
dem das Kochen und Waschen es nicht ist. Denn, wer sich beim Kochen nach an-
dern als den richtigen Regeln richtet, kocht schlecht; aber wer sich nach
andern Regeln als denen des Schach richtet, spielt ein    ein anderes
Spiel
   und wer sich nach andern grammatischen Regeln richtet, als den
und den, spricht darum nichts Falsches, sondern von etwas Anderem.

     

     Könnte ich den Zweck der grammatischen Konventionen dadurch beschreiben,
Ts-213,237v


Ts-213,238r


238
dass ich sagte, ich müsste sie machen, weil etwa die Farben gewisse Eigen-
schaften haben, so wären damit diese Konventionen überflüssig, denn dann
könnte ich eben das sagen, was die Konvention gerade ausschliessen. Umge-
kehrt, wenn die Konventionen nötig waren, also gewisse Kombinationen der
Wörter als unsinnig ausgeschlossen werden mussten, dann kann ich eben darum
nicht eine Eigenschaft der Farben angeben, die die Konventionen nötig mach-
te, denn dann wäre es denkbar, dass die Farben diese Eigenschaft nicht hät-
ten und das könnte nur entgegen den Konventionen ausgedrückt werden.

     
     
     

     Ich <…> nenne die Regel der Darstellung keine Konvention, die sich durch
Sätze rechtfertigen lässt, Sätze, welche das Dargestellte beschreiben und
zeigen, dass die Darstellung adäquat ist. Die Konventionen der Grammatik
lassen sich nicht durch eine Beschreibung des Dargestellten rechtfertigen.
Jede solche Beschreibung setzt schon die Regeln der Grammatik voraus. D.h.,
was in der zu rechtfertigenden Grammatik als Unsinn gilt, kann <…> in der
Grammatik der rechtfertigenden Sätze auch nicht als Sinn gelten, u.u.

     

     Wer etwas dagegen hat, dass man sagt, die Regeln der Grammatik seien
Spielregeln, hat in dem Sinne Recht, dass das, was das Spiel zum Spiel macht
die Konkurrenz von Spielern, der Zweck der Unterhaltung und Erholung, in der
Grammatik abwesend ist, etc.. Aber niemand wird leugnen, dass das Studium
des Wesens der Spielregeln für das Studium der grammatischen Regeln nützlich
sein muss, da irgend eine Aehnlichkeit besteht. Es ist
überhaupt besser, ohne ein gefasstes Urteil oder Vorurteil über die Analogie
zwischen Grammatik und Spiel, und nur getrieben von dem sicheren Instinkt,
dass hier eine Verwandtschaft vorliegt, die Spielregeln zu betrachten. Und
hier wieder soll man einfach berichten, was man sieht und nicht fürchten,
dass man ei damit eine wichtige Anschauung untergräbt, oder auch, seine Zeit
Ts-213,239r


239
mit etwas Ueberflüssigem verliert.

     Man sieht dann vor allem, wie der Begriff des Spiels und damit der Spiel-
regel ein an den Rändern verschwimmender ist.

     Ferner sieht man etwa Folgendes, wenn man die Regeln z.B. des Schachspiels
betrachtet: Es gibt hier Sätze, die die Züge der einzelnen Figuren beschrei-
ben; allgemeiner ausgedrückt, Regeln über Spielhandlungen. Dann aber gibt es
doch die Sätze, die die Grundstellung beschreiben und solche, die das Schach-
brett beschreiben.

     
     
Ts-213,240r


240



     
57
Regel und Erfahrungssatz.

Sagt eine Regel, dass Wörter tatsächlich so und so gebraucht werden?







     
     
     
Regel und Erfahrungssatz. Ist eine Regel ein Erfahrungssatz — etwa
über den Gebrauch der Sprache? Ist eine Regel des Schachspiels ein Satz
darüber, wie die Menschen seit dem Ereignis der Erfindung des Schach-
spiels es gespielt haben; d.h. etwa mit so geformten Figuren gezogen ha-
ben? Denn, wenn davon die Rede ist, dass die Menschen das Schachspiel
so gespielt haben, so muss das Schachspiel so definiert sein, dass es
Sinn hat, davon auszusagen, es sei anders gespielt worden. Sonst nämlich
gehören die Regeln zur Definition des Schachspiels. Dass jemand der Re-
gel … gemäss spielt, das ist eine Erfahrungstatsache; oder: “A spielt
der Regel … gemäss”, “die meisten Menschen spielen der Regel … ge-
mäss”, “niemand spielt der Regel … gemäss” sind Erfahrungssätze. Die
Regel ist kein Erfahrungssatz, sondern nur der Teil eines solchen Sat-
zes.

     

     Die Regel ist die Festsetzung der Masseinheit // Die Regel setzt die
Masseinheit fest //, und der Erfahrungssatz sagt, wie la[h|n]g ein Gegen

stand ist. (Und hier sieht man, wie logische Gleichnisse funktionieren,
denn die Festsetzung der Masseinheit ist wirklich eine grammatische Re-
Ts-213,241r


241
gel und die Angabe einer Länge in dieser Masseinheit ein Satz, der von
der Regel Gebrauch macht.)

     

     Wenn man die Regel dem Satz beifügt, so ändert sich der Sinn des Sat-
zes nicht. Wenn die Definition des Meters die Länge des Pariser Urmeters
so sagt der Satz “dieses Zimmer ist 4 m lang” dasselbe wie “dieses
Zimmer ist 4 m lang und 1 m = die Länge des Pariser Urmeters”.

     Die Legende zu einer Landkarte ist so eine Anweisung zum Gebrauch —
oder ˇzum Verständnis — einer Beschreibung.

     Diese Legende sagt jedenfalls nichts über die Geographie des Landes
aus. So wenig, wie der Satz ” 1 m ist die Länge des Urmeters ”
die Länge eines Gegenstandes .

     

     Ferner muss sich die Regel auf die Anwendung in der Beschreibung (<…> der
Wirklichkeit
) beziehen. Denn, was hat es für einen Sinn von einem Stab zu
sagen “das ist das Urmeter”, wenn sich diese Aussage nicht auf Messungen
mit dem Metermass bezieht. Insofern könnten wir uns die Regel jedem Satz
beigefügt denken.

     Die Regel ist eine Art vorgezeichneter Route; ein vorgezeichneter Weg.

     

     Die Regel möchte ich ein Instrument nennen.

     

     Wenn eine Regel ein Satz ist, dann wohl einer, der von den Wörtern der
Sprache handelt. Aber was sagt so ein Satz von den Wörtern aus? Dass sie
in dem und dem Zusammenhang gebraucht werden? Aber von wem und wann?
Oder, dass jemand wünscht, dass sie so gebraucht werden? Und wer? — Viel-
mehr ist die Regel von allen diesen Aussagen ein Teil.

     
      Die Regel “links gehen!” oder einfach ein Pfeil. Wie, wenn ich mir in
meinem Zimmer einen Pfeil an die Wand malte — wäre der auch der Ausdruck
Ts-213,242r


242
eines Gesetzes, wie es der Pfeil auf einem Bahnhof wohl sein könnte? Um
ihn zu einem Gesetz zu machen, gehört doch // wohl// noch der übrige Ap-
parat, dessen ?—einer Teil der Pfeil nur ist—?.

     (Sraffa) Ein Ingenieur baut eine Brücke; er schlägt dazu in mehreren
Handbüchern nach; in technischen Handbüchern und in juridischen. Aus dem
einen erfährt er, dass die Brücke zusammenbrechen würde, wenn er diesen
Teil schwächer machen würde als etc. etc.; aus den andern, dass er einge-
sperrt würde, wenn er sie so und so bauen wollte // würde//. — Stehn nun
die beiden Bücher nicht auf gleicher Stufe? — Das kommt drauf an, was für
eine Rolle sie in seinem Leben spielen. Das juridische Handbuch kann ja
für ihn einfach ein Buch über die Naturgeschichte der ihn umgebenden Men-
schen sein. Vielleicht muss er auch ein Buch über das Leben der Biber nach
schlagen, um zu erfahren, wie er die Brücke streichen muss, dass die Biber
sie nicht annagen. — Gibt es aber nicht noch eine andere Weise, die Ge-
setze zu betrachten? Fühlen wir nicht sogar deutlich, dass wir sie nicht
so betrachten? — Ist dies nicht die gleiche Frage, wie: — Ist ein Vertrag
nur die Feststellung, dass es für die Parteien nützlich ist, so und so zu
handeln? Fühlen wir uns nicht in manchen Fällen (wenn auch nicht in</>allen)
auf andre Weise “durch den Vertrag gebunden”? Kann man nun sagen: “Wer
sich durch einen Vertrag oder ein Gesetz gebunden fühlt, stellt sich irr-
tümlicherweise das Gesetz als einen Menschen (oder Gott) vor, der ihn mit
physischer Gewalt zwingt”? — Nein; denn, wenn er handelt, als ob ihn je-
mand zwänge, so ist doch seine Handlung jedenfalls Wirklichkeit und auch
die Vorstellungsbilder, die er etwa dabei hat, sind nicht Irrtümer; und er
braucht sich in nichts irren und kann doch handeln wie er handelt und sich
auch vorstellen, was er sich etwa vorstellt. Die Worte “der Vertrag bindet
mich” sind zwar eine bildliche Darstellung und daher mit der gewöhnlichen
Bedeutung des Wortes “binden” ein falscher Satz: aber, richtig aufgefasst,
sind sie wahr (oder können es sein) und unterscheiden einen Fall von dem,
Ts-213,242v


Ts-213,243r


243
in welchem der Vertrag mir bloss sagt, was zu tun mir nützlich ist. Und
wenn man etwas gegen die Worte einwendet “der Vertrag (oder das Gesetz)
bindet mich”, so kann man nichts sagen gegen die Worte: “ich    fühle  
mich durch den Vertrag gebunden”.

     
      Die Regel — wie ich sie verstehe — ist wie ein Weg in einem Garten.
Oder wie die vorgezeichneten Felder auf einem // dem// Schachbrett, oder
die Linien einer Tabelle. Von diesen Linien etc. wird man nicht sagen, dass
sie uns etwas mitteilen (obwohl sie ein Teil einer Mitteilung sein können,
ja auch selbst Mitteilungen). Ich lege in einer Abmachung mit jemandem ei-
ne Regel fest. In dieser Abmachung teile ich ihm etwa die Regel (einer
künftigen Darstellung) mit. Ich sage ihm etwa: “der Plan, den ich Dir von
meinem Haus zeichne, ist im Masstab 1:10”. Das ist eigentlich ein Teil der
Beschreibung des Hauses. Und wenn ich schreibe non-p & (non-non-p = p)
so ist das wirklich ähnlich, wie wenn ich dem Plan den Masstab beifüge.
     
     Ich könnte auch so sagen: Ich will nur das mitteilen, was der Satz der
Sprache mitteilt; und die Regel ist nichts als ein Hilfsmittel    dineser  
Mitteilung (so wie ich sie, die Regel, verstehe). Schon deshalb kann darf
// kann // die Regel nicht selbst eine Mitteilung sein; denn sonst würde
der Sinn des Satzes irgendwie zugleich den Sinn der Mitteilung über den
Sprachgebrauch beinhalten.

     Wir müssen uns vergegenwärtigen, wie wir in der Philosophie, d.h. beim
Klären grammatischer Fragen, wirklich von Regeln reden; — damit wir auf
der Erde bleiben und nicht nebelhafte Konstruktionen machen // bauen //.
Ich gebe z.B. Regeln wie: (∃ x). fx:⌵:fa:⌵:fb = (∃ x).fx oder
non-non-p = p, oder ich sage, dass es sinnlos ist von einem “rötlichen
Grün” zu reden, oder von “schwärzlichen Schwarz”, oder ich sage, dass “a=
“a = a” sinnlos ist, oder beschreibe eine Notation <…>ie dieses Gebilde und
“(∃ x).x=x” vermeidet, oder sage, es habe keinen Sinn zu sagen, etwas
Ts-213,244r


244
“scheine rot zu scheinen”, oder es habe Sinn zu sagen, dass im Gesichts-
raum eine krumme Linie aus geraden Stücken zusammengesetzt sei, oder es
<…> habe den gleichen Sinn, zu sagen “der Stein falle, weil er von der
Erde angezogen werde” und “der Stein    müsse   fallen, weil er von der
Erde etc.”.

     Ich biete dem Verwirrten eine Regel an und er nimmt sie an. Ich könnte
auch sagen: ich biete ihm eine Notation an.

     Wie schaut nun so eine Notation aus? Nun, in</>den meisten Fällen werde
ich Sätze der alten Notation (etwa der Wortsprache) in die entsprechenden
Sätze der neuen Schreibweise übersetzen; etwa indem ich schreibe:
alt:
(∃ x,y). f(x,y) …
(∃ x,y). f(x,y).&.x ≠ …
neu:
(∃ x,y).f(x,y) :⌵: (∃ x).f(x,x)
(∃ x,y).f(x,y)
etc..


     

     Die Regel entspricht aber in gewissem Sinne dem, was man eine “Annahme”
genannt hat. Sie ist quasi ein Satzradikal (chemisch gesprochen). Und es
ist charakteristisch für die Art unserer Untersuchung, dass wir uns nicht
für die Sätze interessiere, die mit diesem Radikal gebildet werden (kön-
nen
). Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Regel; nicht, dass ich sie jemandem anbiete, nicht, dass jemand sie benützt, etc.. Sie könnte, glau-
be ich, vergl[ei|ic]hen werden dem Plan eines Hauses, ich meine einer Zeich-
nung, die als Plan eines Hauses gebraucht werden kann, der aber kein exi-
stierendes Haus entspricht und von der auch nicht gesagt wird, dass ihr
einmal eines entsprechen soll, etc..

     

     Die Beschreibung einer neuen, etwa übersichtlicheren, Notation (denn
auf die Uebersichtlichkeit kommt es    uns   an) ist dann von der gleichen
Art, wie die Beschreibung einer jener Sprachen, die die Kinder erfinden
Ts-213,245r


245
oder von einander lernen, worin z.B. jeder Vokal der gewöhnlichen Sprache
// Wörter// verdoppelt und zwischen die Teile der Verdoppelung ein b ge-
stellt wird. Hier sind wir ganz nah an's Spiel herangekommen. So eine Beschreibung oder ein Regelverzeichnis kann man als Definiens des Namens der
Sprache oder des Spiels auffassen. Denken wir auch an die Beschreibung des
Zeichnens, Konstruierens, irgend einer Figur, etwa eines Sternes (welches
auch in Spielen eine Rolle spielt). Sie lautet etwa so: “Man zieht eine Ge-
rade von einem Punkt A nach einem Punkt B, etc. etc.”. Diese Beschreibung
könnte ich offenbar auch // einfach// durch eine Vorlage, d.h. Zeichnung, ersetzen.

     Das, was hier irrezuführen scheint, ist ein Doppelsinn des Wortes “Be-
schreibung”, wenn man einmal von der Beschreibung eines wirklichen Hauses
oder Baumes etc. spricht, ein andermal // einmal// von der Beschreibung
einer Gestalt, Konstruktion, etc., einer Notation, eines Spiels. Worunter
aber eben nicht ein Satz gemeint ist der sagt, dass ein solches Spiel ir-
gendwo wirklich gespielt, oder eine solche Notation wirklich verwendet
wird; vielmehr steht die Beschreibung statt der hier gebrauchten Wörter
“ein solches Spiel” und “eine solche Notation”.

     Die Beschreibung einer Notation fängt (man?) charakteristisch(erweise)
oft mit den Worten an: “Wir    können   auch so schreiben: …”. Man
könnte fragen: “was ist das für eine Mitteilung ‘wir können …’” etc..
Man schreibt auch etwa: “übersichtlicher wird unsere Darstellung, wennw
wir statt … schreiben: …; und die Regeln geben …”; und hier ste-
hen die Regeln in einem Satz.

     

     Denken wir uns etwa ein Bild, einen Boxer in bestimmter Kampfstellung
darstellend. Dieses Bild kann nun dazu gebraucht werden um jemandem mitzu-
teilen, wie er stehen, sich halten soll; oder, wie er sich nicht halten
soll; oder, wie ein bestimmter Mann dort und dort gestanden hat // ist//;
Ts-213,245v


Ts-213,246r


246
etc. etc.. Man könnte dieses Bild ein Satzradikal nennen.

     

     ‘Regel’ ist in demselben Sinne ein Begriff mit verschwommenen Rändern,
wie ‘Blatt’ oder ‘Stiel’ oder ‘Tisch’, etc..

     

     Wenn man eine Notation beschreibt, sagt man etwa: “ich will // werde//
in diesem Buch statt ‘p oder q’ ‘p ⌵ q’ schreiben”, und das ist natür-
lich ein kompletter Satz. Das aber, was ich ‘Regel’ nennen will, und etwa
“p oder q . = . p ⌵ q” geschrieben wird, ist keiner. — Was ich ‘Regel’
nenne, soll nichts von einer bestimmten (oder auch unbestimmten) Zeit oder
einem Ort der Anwendung enthalten, sich auf keine bestimmten (oder unbe-
stimmten) Personen beziehen; sondern nur Instrument der Darstellung sein.

     Wir sagen nun: “wir gebrauchen die Wörter ‘rot’ und ‘grün’ in solcher
Weise, dass es als sinnlos gilt (kontradiktorisch ist) zu sagen, am sel-
ben Ort sei zu gleicher Zeit rot und grün”. Und dies ist natürlich ein
Satz. Erfahrungssatz über unsere tatsächliche Sprache.

     
     
      Die Stellung der Spielregeln zu den Sätzen. Eine Regel verhält sich zu
einen Erfahrungssatz ähnlich, wie die Zeichnung, die die charakteristi-
schen Merkmale eines Wohnhausplanes hat, zu der Beschreibung, welche sich
einer solchen Zeichnung bedient, und welche sagt, dass so ein Haus dort
und dort existiere // stehe//.

     Der Respekt, den man vor den Regeln ˇ z.B. des Schachspiels — — hat, , ent-
springt // kommt// daher, dass die Spiele, die diese Regeln charakteri-
sieren , uns in vielerlei Bezei Beziehung gemäss sind. Denken wir uns aber,
ich erfände //beschriebe// ein Spiel, das ich etwa “Abracadabra” nenne
und gebe dafür die Regel : “Man lege einen Feldstein in eine viereckige
Kiste, nagle die Kiste zu und werfe mit einem andern Stein nach ihr” —
gewiss hat dieses Gebilde auch das Recht, eine Regel genannt zu werden.
Ts-213,246v


Ts-213,247r


247
Man wird nur fragen: “was soll das alles? wozu sollen wir das machen?”
Aber auf solche Fragen geben ja auch die Schachregeln keine Antwort. Aber
in dem Fall der eben gegeben Regel fällt das Wort “man lege … und
werfe” auf, // fällt das Wort auf “man lege … und werfe”,// nämlich die
imperative Form ; man möchte fragen: warum soll ich … legen etc., oder
in welchem Fall? Was muss mein Zweck sein, damit ich das tun soll? Das
heisst, der Imperativ scheint uns hier unsinnig. Aber er ist es ebensowe-
nig, wie in einer gewöhnlichen Spielregel. Nur sieht man hier // in die-
sem Fall // klar, dass man es nicht mit einem zu tun hat.
Höchstens mit der Definition von “Abracadabra; nämlich: “Abracadabra” spie
spielen” heisst, einen Feldstein in eine Kiste legen, etc..

     
     



     
     
     
58
Die strikten grammatischen Spielregeln und der schwankende Sprachgebrauch.
Die Logik normativ.

Inwiefern reden wir von idealen Fällen, einer idealen Sprache. (“Logik
des luftleeren Raums”.)







     

     Was heisst es, zu wissen, was eine Pflanze ist?

     Was heisst es, es zu wissen und es nicht sagen zu können?

     “Du weisst es und kannst hellenisch reden, also musst Du es doch sagen
können.”

     Müssigkeit einer Definition, etwa der, des Begriffs ‘Pflanze’. Aber
ist die Definition kein Erfordernis der Exaktheit? “Der Boden war ganz mit
Pflanzen bedeckt”; : damit meinen wir nicht Bacillen. Ja, wir denken dabei
vielleicht an grüne Pflanzen einer bestimmten Grössenordnung. Wer uns sa-
gen würde, wir wissen nicht, was wir reden, ehe wir eine Definition der
Pflanze gegeben haben, würden wir mit Recht für verrückt halten. Ja, wir
könnten auch mit einer solchen Definition uns in den gewöhnlichen Fällen
nicht besser verständigen. Ja, es scheint sogar, in gewissem Sinne schle[f|c]h-
ter, weil gerade das Undefinierte in diesem Fall zu unserer Sprache zu
gehören scheint.

     

Ts-213,248v


Ts-213,249r


249
     
     

     Denken wir uns in dem Satz einer Erzählung “der Boden war ganz mit
Gräsern und Kräutern bedeckt” die Wörter “Gräser” und “Kräuter” durch De-
finitionen ersetzt. Es ist klar, dass diese Definitionen lange und kom-
plizierte Ausdrücke sein müssen // werden //; und nun ist die Frage, ob
wir denn wirklich mit dem Satz das gemeint haben, was jetzt in dem un-
gleich viel komplizierteren steht. Wir würden — glaube ich — sagen, dass
wirn an alles das gar nicht gedacht hätten.

     

     Kann man nun aber auf eine solche Sprache die Idee des Kalküls anwen-
den? Und ist das nicht so, als wollte man in einem Bild, worin alle Farb-
flecken ineinander verlaufen, von Farbgrenzen reden? Oder liegt die Sache
so: Denken wir uns ein Spiel, etwa das Tennis, in dessen Regeln nichts
über die Höhe gesagt ist, die ein Ball im Flug nicht übersteigen darf. Und
nun sagte Einer: Das Spiel ist ja gar nicht geregelt, denn, wenn Einer
den Ball so hoch wirft, dass er nicht wieder auf die Erde zurückfällt,
oder so weit, dass er um die Erde herumfliegt, so wissen wir nicht, ob
dieser Ball als ‘out’ oder ‘in’ gelten soll. Man würde ihm — glaube ich —
antworten, wenn ein solcher Fall einträte, so werde man Regeln für ihn
geben, jetzt sei es nicht nötig.

     

     So können doch grammatische Regeln über den Gebrauch des Wortes “Pflan-
ze” gegeben werden und wir können also auf Fragen von der Art “folgt aus
   diesem   Sachverhalt, dass dort eine Pflanze steht” Bescheid geben.
Auf andere solche Fragen aber sind wir nicht gerüstet und können antwor-
ten: Ein solcher Fall ist noch nie vorgekommen und es wäre für uns müs-
sig, für ihn vorzusorgen. (Wenn es etwa gelänge, ein Lebewesen halb ma-
schinell und halb auf organischem Weg zu erzeugen, und nun gefragt würde:
ist das nun noch ein Tier (oder eine Pflanze).)

Ts-213,249v


Ts-213,250r


250
     

     Wenn etwa beim Preisschiessen für gewisse Grenzfälle keine Bestimmung
getroffen wäre, ob dieser Schuss noch als Treffer ins Schwarze gelten
soll (oder nicht). Nehmen wir nun aber an, ein solcher Schuss komme bei
unserem Preisschiessen gar nicht vor; könnte man dann dennoch sagen, die
ganze Preisverteilung gelte nichts, weil für diesen Fall nicht vorgesehen
// vorgesorgt// war?

     

     Ich mache mich doch anheischig, das Regelverzeichnis unserer Sprache
aufzustellen: Was soll ich nun in einem Fall, wie dem des Begriffes
‘Pflanze’, tun?

     Soll ich sagen, dass für diesen und diesen Fall keine Regel aufgestellt
ist? Gewiss, wenn es sich so verhält. Soll ich aber solche sagen, es gibt
kein Regelverzeichnis unserer Sprache und das ganze Unternehmen, eines auf-
zustellen, ist Unsinn? — Aber es ist ja klar, dass es nicht unsinnig ist,
denn wir stellen ja mit Erfolg Regeln auf, und wir müssen uns nur enthal-
ten, Dogmen aufzustellen. (Was ist das Wesen eines Dogmas? Besteht es nicht
darin, naturnotwendige Sätze über alle möglichen Regeln zu behaupten?)
// Ist es nicht die Behauptung eines naturnotwendigen Satzes über alle möglichen Regeln?//


     




     
     

     “Ich weiss, was eine Pflanze ist, kann es aber nicht sagen”. Hat dieses
Wissen die Multiplizität eines Satzes, der nur nicht ausgesprochen wurde?
So dass, wenn der Satz ausgesprochen würde, ich ihn als den Ausdruck meines
Wissens anerkennen würde? — Ist es nicht vielmehr war, dass jede exakte De-
finition als Ausdruck unseres Verstehens abgelehnt werden müsste? D.h.,
würden wir nicht von so einer sagen müssen, sie bestimme zwar einen, dem
unseren verwandten, Begriff, aber nicht diesen selbst? Und die Verwandt-
schaft sei etwa die, zweier Bilder, deren eines aus unscharf begrenzten
Farbflecken, das andere aus ähnlich geformten und verteilten, aber scharf
Ts-213,251r


251
begrenzten, bestünde. Die Verwandtschaft wäre dann ebenso unleugbar, wie
die Verschiedenheit.
     

     Die Frage ist nun: kannst Du bei dem ersten Bild auch von Flecken reden?
Gewiss, nur in einem anderen, aber verwandten, Sinn.

     

     Das heisst: die unscharfen Grenzen gehören zu meinem Begriff der Pflan-
ze, so wie er jetzt ist, d.h. so, wie ich dieses Wort jetzt gebrauche, und
es charakterisiert diesen Begriff, dass ich z.B. sage: ich habe darüber
keine Bestimmung getroffen, ob dieses Ding eine Pflanze heissen soll oder
nicht.

     

     Es verhält sich doch mit dem Begriff [/|]Pflanzex ‘Pflanze’ ähnlich, wie
mit dem der Eiförmigkeit, wie wir sie im gewöhnlichen Leben meinen. Die
Grenzen dieses Begriffs sind nicht schwarf bestimmt und wir würden z.B. ein
Osterei von dieser Form
nicht als solches gelten lassen und doch nicht
sagen können, bei welchem Verhältnis der Länge und Breite etwas anfängt,
ein Osterei zu sein. Ja, wenn Einer nun ein solches Verhältnis angäbe,
   was es auch sei  , so könnten wir es nicht als die richtige Be-
grenzung unseres Begriffs anerkennen. Sondern wir müssten entweder sagen:
nein, das nenne ich kein Osterei, es ist zu schlank, oder zu dick etc.,
oder: ja, das ist    auch   ein Osterei, aber der Grenzfall ist es nicht
gerade. Diesen gibt es eben nicht in unserm Kalkül und wer einen Grenzfall
einführt, führt einen andern Kalkül ein.

     

     Wenn man sagt “ N. existiert nicht”, so kann das verschiedenerlei bedeu-
ten. Es kann heissen, dass ein Mann, der, als er lebte, diesen Namen trug,
nicht, oder nicht zun einer gewissen Zeit, in einem gewissen Land existiert
hat; aber auch, dass spätere Geschichtsschreiber den Charakter, den wir so
Ts-213,251v


Ts-213,252r


252
(etwa “Moses”) nennen, erfunden haben, dass die und die Ereignisse nie
stattgefunden haben und ihr Held also nie gelebt hat. D.h. also: kein
Mensch hat Moses geheissen und diese Taten vollbracht; oder: das Ding, das
Dir als Herr N vorgestellt wurde, war eine Puppe; etc.. Denken wir uns, es
sagte uns Einer, er habe Moses auf der Strasse gesehen. Wir würden ihn dann
fragen: “wie meinst Du das: Du hast ihn gesehen? Wie wusstest Du denn, dass
er es war?” und nun könnte der Andre sagen: “er hat es mir gesagt”, oder
“er sah so aus, wie ich mir Moses vorstelle”, oder “er hatte diese und die-
se Merkmale”, etc.. Ich will doch wohl das sagen, was Russell dadurch aus-

drückt, dass der Name Moses durch verschiedene Beschreibungen definiert
sein kann (“der Mann, welcher ‘Moses’ hiess und zu dieser Zeit an diesem
Ort lebte”, oder “der Mann — wie immer er damals genannt wurde — welcher
die Israeliten durch die Wüste führte”, oder “der Mann, der als kleines
Kind von der Königstochter aus dem Nil gefischt wurde”, etc. etc.). Und je
nachdem wir die eine oder andere Definition annehmen, bekommt der Satz “Mo-
ses hat existiert” einen andern Sinn und ebenso jeder andere Satz, der von
Moses handelt. Man würde // könnte // auch immer, wenn uns jemand sagte
“ N existiert nicht” fragen: “was meinst Du? willst Du sagen, dass …, oder
dass … etc.?” — Wenn ich nun sage: “ N ist gestorben” so es mit “ N”
   etwa   folgende Bewandtnis : Ich glaube, dass ein Mensch N ge-
lebt hat: den ich 1.) dort und dort gesehen habe, der 2.) so und so aus-
schaut, 3.) das und das getan hat und 4.) in der bürgerlichen Welt den Na-
men “ N” führt. Gefragt, was ich unter “ N” verstehe, würde ich alle diese
Dinge, oder einige von ihnen, und bei verschiedenen Gelegenheiten verschie-
dene, aufzählen. Meine Definition von “ N” wäre also: der Mann, von dem al-
les das stimmt. Wenn aber nun einiges davon sich als falsch erwiese, — wä-
re der Satz “ N” “ N ist gest[r|o]rben” nun als falsch anzusehen? auch, wenn nur et-
was vielleicht ganz Nebensächliches, was ich von dem Menschen glaubte, nicht
stimmen würde; — und wo fängt das Hauptsächliche an? Das kommt nun darauf
Ts-213,252v


Ts-213,253r


253
hinaus, dass wir den Namen “ N” in gewissem Sinne ohne feste Bedeutung ge-
brauchen, oder: dass wir bereit sind, die Spielregeln nach Bedarf zu ver-
ändern (make the rules as we go along). Das erinnert an das, was ich frü-
her einmal über die Benützung der Begriffswörter, z.B. des Wortes “Blatt”
oder “Pflanze”, geschrieben habe. — Und hier erinnere ich mich daran, dass
Ramsey einmal betont hat, die Logik sei eine “normative Wissenschaft”.
Wenn man damit meint, sie stelle ein Ideal auf, dem sich die Wirklichkeit
nur nähere, so muss gesagt werden, dass dann dieses “Ideal” uns nur als
ein Instrument der annähernden Beschreibung der Wirklichkeit interessiert.

Es ist allerdings möglich, einen Kalkül genau zu beschreiben und zwar zu
dem Zweck, um dadurch eine Gruppe anderer Kalküle beiläufig zu charakte-
risieren. Wollte z.B. jemand wissen, was ein Brettspiel ist, so könnte
ich ihm zur Erklärung das Damespiel genau beschreiben und dann sagen:
siehst Du, so ungefähr funktioniert jedes Brettspiel. — War es nun nicht
ein Fehler von mir (denn so scheint es mir jetzt) anzunehmen, dass der,
der die Sprache gebraucht, immer    ein bestimmtes Spiel  
spiele? Denn, war das nicht der Sinn meiner Bemerkung, dass alles an ei-
nem Satz — wie beiläufig immer er ausgedrückt sein mag — ‘in Ordnung ist’?
Aber wollte ich nicht sagen: alles müsse in Ordnung sein, wenn Einer ei-
nen Satz sage und ihn anwende? Aber daran ist doch weder etwas in Ordnung
noch in Unordnung, — in Ordnung wäre es, wenn man sagen könnte: auch die-
ser Mann spielt ein Spiel nach einem bestimmten, festen Regelverzeichnis.
Und setzt das nicht wieder voraus, dass dieses

     

     Denn ich habe zur Feststellung der Regel, nach der er handelt, zwei We-
ge angeben. Der eine, der hypothetische, bestand in der Beobachtung seiner
Handlungen und die Regel war dann von der Art eines naturwissenschaftlichen
Satzes. Der andere war, ihn zu fragen, nach w[w|e]lcher Regel er vorgehe. Wie
Ts-213,253v


Ts-213,254r


254
aber, wenn der erste Weg ?—kein klares Resultat er[i|g]ibt—? und die Frage keine
Regel zu Tage fördert, wie es im Fall “ N ist gestorben” geschieht. Denn,
wenn wir den, der das sagte, fragen “was ist N?” so wird er zwar ‘ N’ durch
eine Beschreibung erklären, wird aber bereit sein, diese Beschreibung zu
widerrufen und abzuändern, wenn wir ihm den einen oder andern Satz wider-
legen
// entziehen//. Wie soll ich also die Regel bestimmen // auffassen//,
nach der er spielt? er weiss sie selbst nicht. Ich könnte eine Regel nur
nach dem bestimmen, was er auf die Frage “wer ist N” in diesem Fall gerade
antwortet.

     
     

     Steckt uns da nicht die Analogie der Sprache mit dem Spiel ein Licht
auf? Wir können uns doch sehr wohl denken, dass sich Menschen auf einer
Wiese damit unterhielten, mit einem Ball zu spielen; und zwar so, dass sie
verschiedene bestehende Spiele der Reihe nach anfingen, nicht zu Ende
spielten und etwa daz[i|w]ischen sogar planlos den Ball würfen, auffingen, fal-
len liessen etc.. Nun sagte Einer: die ganze Zeit hindurch spielen die Leu-
te ein Ballspiel und richten sich daher bei jedem Wurf nach gewissen // be-
stimmten// Regeln. — Aber — wird man einwenden — der den Satz “ N ist ge-
storben” gesagt hat, hat doch nicht planlos Worte aneinander gereiht (und
darin besteht es ja, dass er ‘etwas mit seinen Worten gemeint hat’). — Aber
man kann wohl sagen: er sagt den Satz planlos, was sich eben in der be-
schriebenen Unsicherheit zeigt. Freilich ist der Satz von irgendwo herge-
nommen und wenn man will, so spielt er nun auch ein Spiel mit sehr primiti-
ven Regeln; denn es bleibt ja wahr, dass ich auf die Frage “wer ist N”    ei-
ne Antwort
   bekam, oder eine Reihe von Antworten, die nicht gänz-
lich regellos waren. — Wir können sagen: Untersuchen wir die Sprache auf
ihre Regeln hin. Hat sie dort und da keine Regeln, so ist    das   das Re-
sultat unsrer Untersuchung.

Ts-213,254v


Ts-213,255r


255
     

     Wenn aber der Träger dem Namen abhanden kommen, oder nie existiert ha-
ben kann, som musste man beim Gebrauch des Namens von vornherein damit
rechnen. Das musste in seiner Bedeutung liegen. ((Es sei denn, dass wir
diese Bedeutung geändert haben, oder, dass das Wort keine    bestimm-
te
   Bedeutung hatte; denn welches ist die Bedeutung, wenn er sie nicht
angeben kann? Nun, wir werden sein tatsächliches Verhalten durch ein
“Schwanken zwischen mehreren Bedeutungen” beschreiben können. Es ist wohl
wesentlich, dass ich ihn fragen kann: was hast Du eigentlich gemeint. Und
als Antwort wird er mir vieles sagen, und sich an mich wenden, dass
ich ihm das Regelverzeichnis einrichte, das seinem Zweck entspricht. Es
wird sich dann in unserem Gespräch oft die Redeweise finden “Du wolltest
also eigentlich sagen …” (und diese kann wieder ganz missverstanden
werden — sie ist keine Beschreibung des damaligen Geisteszustands des
Sprechenden; als ob das “was er sagen wollte” irgendwo in seinem Geist aus-
gedrückt gewesen wäre). Aber hier ist eine Gefahr: Es scheint nämlich dann
(leicht) als landeten wir am Schlusse bei? etwas, was wir mit unserer ge-
wöhnlichen Sprache gar nicht mehr ausdrücken können. Das ist aber das si-
cherste Zeichen (dafür), dass wir fehl gegangen sind; aus unserm Spiel
herausgetreten sind. — Was versteht man unter “allen Regeln des Tennis-
spiels”? Alle Regeln, die in einem bestimmten Buche stehen, oder alle die
der Spieler im Kopf hat, oder alle die je ausgesprochen wurden, oder gar:
alle die sich angeben lassen?! — Daher wollen wir lieber nicht so vag von
‘allen Regeln’ reden, sondern nur von bestimmten Regeln, oder allen Regeln eines Verzeichnisses, etc.. Und das gleiche gilt von den Regeln über die
Verwendung eines Wortes. Wenn Einer mich, z.B., etwas fragt, so will ich,
wenn ich ihm antworte, wissen, ob diese Antwort in seinem Spiel als Antwort
auf seine Frage gilt; ob in seinem Spiel dieser Satz aus jenem folgt // aus
dem, was er gesagt hat, folgt//.

     Für uns ist es genügend, dass es eine Frage gibt: “wie meinst Du das?”
Ts-213,255v


Ts-213,256r


256
und dass als Antwort auf diese Frage das zuerst gegebene Zeichen durch ein
neues ersetzt wird. — Der Einwand dagegen ist, dass mir    eine   Erklärung
ja nichts hilft, wenn sie nicht die letzte ist, und dass sie nicht nie die letz
te ist. Ich kann zwar erklären: unter ‘Moses’ verstehe ich den Mann, wenn
es einen solchen gegeben hat, der die Israeliten aus Aegypten geführt hat,
wie immer er damals genannt worden sein mag und was immer er sonst getan
oder nicht getan haben mag —, aber ähnliche Fragen ergeben sich nun in Be-
zug auf die Wörter    dieses   Satzes // dieser Erklärung// (was nennst
Du “Aegypten”? wen, “die Israeliten”? etc.). Ja, diese Fragen kommen auch
nicht zu einem Ende, wenn wir etwa bei Worten // Wörtern// wie ‘rot’, ‘dun-
kel’, ‘süss’, angelangt wären. Unrichtig war es nur, zu sagen, ¿fsdd¿ mit dass mir
deshalb eine dieser Erklärungen nichts hilft. Im Gegenteil, sie ist es ge-
rade, was ich brauche, ja alles, was ich brauchen, und auch geben kann. Und
wenn ich auf eine solche Erklärung hin sage “jetzt weiss // versteh'//
ich, was Du meinst”, so kann man nicht einwenden, das können ich ja doch
nie verstehen; sondern seine Erklärung hat mir eben das gegeben, was ich
[v|V]erständnis nenne; sie hat    die   Schwierigkeit beseitigt,    die ich
hatte
  . Was uns quälte, ist, glaube ich, ganz in dem Pseudoproblem
ausgedrückt: Das Schachspiel ist doch durch die Gesamtheit der Schachre-
geln konstituiert, — was macht dann das Rücken einer Figur im Spiel zu ei-
nem Schachzug, da doch dabei in keiner Weise alle Regeln des Schachspiels
beteiligt sind.))